New Tate Modern in London von Herzog & de Meuron

Nicht restlos überzeugend

Mit einer turmartigen Erweiterung macht sich die Tate Modern in der Londoner Skyline bemerkbar. Bei einem Besuch vor Ort offenbart sich, was bei bisherigen Publikationen kaum zur Sprache kam: Der Bau zeigt die ein oder andere konzeptionelle Schwäche.

Text: Christian Schönwetter

Eigentlich möchte man über dieses Gebäude kein schlechtes Wort verlieren. Denn natürlich ist die Tate Modern mit ihrem jüngst eröffneten Anbau eine Bereicherung für die Londoner Museumslandschaft. Der Eintritt ist frei – geschenktem Gaul schaut man nicht ins Maul. Und auch architektonisch gehört die Erweiterung zum Anspruchsvollsten, was die britische Hauptstadt derzeit an neuen Projekten zu bieten hat. Dennoch habe ich das Gebäude nach der Besichtigung mit gemischten Gefühlen verlassen.

Doch zunächst zu den harten Fakten: Mit rund fünf Millionen Besuchern pro Jahr ist die Tate Modern das meistbesuchte Museum für moderne und zeitgenössische Kunst weltweit. Nachdem Herzog & de Meuron es im Jahr 2000 fertiggestellt und dabei mit dem Umbau eines alten Kraftwerks viel Aufsehen erregt hatten, beauftragte man sie schon 2005 mit einer Erweiterung, um der wachsenden Besuchermassen Herr zu werden. Nach elfjähriger Planungs- und Bauzeit vergrößert nun ein rückwärtig angefügter Körper das Museum um 60 % und bietet Platz für neue Ausstellungssäle, aber auch für Veranstaltungsräume, ein Restaurant und eine überdachte Aussichtsterrasse.

Schon die Kubatur bereitet mir Kopfzerbrechen. Nachvollziehbar scheint mir der Ansatz, mit einem hochhausähnlichen Anbau dem Museum mehr Präsenz im Stadtraum zu verleihen. Doch dieser Schritt bleibt mit 64 m und 11 Stockwerken ein wenig unentschlossen, da man aus Respekt vor dem Bestand die Höhe des alten prägnanten Kraftwerksschornsteins nicht überschreiten wollte. Die Folge ist nun ein etwas ungelenker Baukörper – ein paar zusätzliche Höhenmeter hätten ihn sicher schlanker und eleganter wirken lassen. V.a. aber hätten sie dafür gesorgt, dass sich das Museum tatsächlich in der Stadtsilhouette behaupten kann. Stattdessen ist der öffentlich zugängliche Publikumsmagnet nun merklich niedriger als die privaten Luxuswohntürme auf der anderen Straßenseite (die übrigens von Richard Rogers und seinem Büro Rogers Stirk Harbour + Partners stammen).

Die Backsteinfassade des Anbaus harmoniert aufs Beste mit der Backsteinhülle des Bestands. Auf deren Unregelmäßigkeiten reagiert sie mit einer Mischung unterschiedlich gefärbter Ziegel und einem ungleichmäßigen Fugenbild. Auch greift sie das Prinzip der langen Fensterbänder auf, variiert es aber, indem sie die vertikalen Schlitze des Kraftwerks in die Horizontale kippt. Wenige Meter über Straßenniveau bilden die Steine ein Filtermauerwerk. Durch seine kleinen Öffnungen gelangt moduliertes Tageslicht ins Gebäude, umgekehrt lässt es den Baukörper von innen schimmern, sobald es draußen dunkel wird und innen die Lichter angehen – ein sehr schöner Effekt. Allerdings steht zu befürchten, dass diese Öffnungen nicht nur Passanten begeistern, sondern auch die Londoner Stadttauben, die bei Regen gerne mal ein trockenes Plätzchen suchen. Und weil sich der Baukörper ähnlich wie eine Pyramide mit geneigten Fassadenflächen nach oben verjüngt, werden die Hinterlassenschaften der Tauben ihn voraussichtlich schon bald um eine weiße Farbschicht bereichern.

Im Innern beeindrucken v.a. die großen ehemaligen Öltanks im UG, auf denen der Anbau errichtet wurde. Sie dienen jetzt als Ausstellungsfläche für Installationen oder für Performance-Kunst. Ruppige Betonoberflächen und ein atmosphärisches Zwielicht empfangen den Besucher, teilweise sind die Tanks für Videokunst sogar völlig abgedunkelt. Das schärft die Sinne und so bemerkt man, dass es dort noch immer ein bisschen nach Öl riecht. Auf diese Weise bleibt die Vergangenheit des Gebäudes als Kraftwerk spürbar – ein solches Maß an Authentizität findet man bei den wenigsten Sanierungen.

Über eine gewendelte Betontreppe in perfekter handwerklicher Ausführung geht es hinauf ins EG, in dem der große Museumsshop untergebracht ist. Auf dem weiteren Weg nach oben ändert sich nun von Geschoss zu Geschoss der Standort der Treppe, sodass eine abwechslungsreiche »promenade architecturale« entsteht, bei der man immer wieder über Lufträume in die anderen Stockwerke blicken kann. Die Ausstellungssäle als weitgehend geschlossene White Cubes stellen sich ganz in den Dienst der Kunst. Auf der zehnten Etage schließlich gelangt man ins Restaurant. Und hier werde ich wieder nachdenklich: Warum nur liegt das Fensterband so weit oben, dass man im Sitzen kaum etwas von der herrlichen Aussicht mitbekommt? Sobald man Platz nimmt, ist über der Brüstung nur noch der Himmel zu sehen, hin und wieder unterbrochen von einer einsamen Hochhausspitze. Wer das volle Panorama auf die Stadt genießen möchte, muss sich ein Stockwerk weiter nach oben zur Aussichtsterrasse begeben. Im Restaurant hingegen wurde dieses Potenzial verschenkt.

Dennoch: Ein Besuch der Tate Modern lohnt sich nicht nur wegen der hochkarätigen Kunst, sondern auch wegen der Architektur. Sie legt die Latte hoch, falls in ein paar Jahren die nächste Erweiterung nötig werden sollte.

www.tate.org.uk