Siedlung Bächliwis in Bachenbülach (CH)

Neu eingekleidet

Kletterpflanzen, die sich am Gebäude emporranken, sollen der Herleitung des Entwurfs gedient haben. Die neuen Balkone der Siedlung Bächliwis spielen mit diesem Bild und lockern die vormals strenge Anlage auf. L3P Architekten zeigen, wie sich eine energetische Sanierung nutzen lässt, um einem ganzen Ensemble eine neue Identität zu verleihen.

Text: Katinka Corts-Münzner

Inmitten der eher unspektakulären und oft auch monotonen Bebauung der Zürcher Agglomeration findet sich in Bachenbülach eine überraschend anders gestaltete Wohnanlage: Bei der Genossenschaftssiedlung Silu3 Bächliwis schimmern die Fassaden der 18 Mehrfamilienhäuser in hellem Grün, vor ihnen ziehen sich prägnante Balkon-Großformen vom Boden bis hoch über die Dachkante. Die Architekten des Regensberger Büros L3P gewannen mit diesem Konzept den 2010 ausgelobten Wettbewerb zur Neugestaltung der Anlage; sie nannten ihr Projekt passenderweise »Kletterpflanze«.
Beruhigt in der Horizontalen, belebt in der Vertikalen
Die Siedlung stammt aus den 60er Jahren und beherbergt insgesamt 213 Wohnungen. Während die Gebäude im Innern in den vergangenen Jahren immer wieder saniert worden waren, entsprachen die Fassaden schon länger nicht mehr den heutigen energetischen Vorgaben. Seit 2011 wurden deshalb alle Häuser in fünf Bauetappen modernisiert. Dach, Kellerdecke und Außenwand erhielten eine Dämmung, auf das bestehende verputzte Mauerwerk kamen dabei 20 cm Glaswolle und eine hinterlüftete Verkleidung aus jadegrünen Fiberglasplatten. Dieses Material entfaltet eine ganz eigene Wirkung: Es schimmert und spiegelt und nimmt den Baukörpern damit ihre Schwere, gleichzeitig verleiht es der Fassade durch seine Transluzenz eine neue Tiefe.
Unterbrochen wird das milde Grün lediglich von den aufgesetzten Fensterbändern aus hellem Aluminium. Zwar blieben die alten Fenster erhalten, da sie erst vor zwölf Jahren ausgetauscht worden waren, doch wurden jetzt jeweils mehrere Öffnungen zu einem Band zusammengefasst, was der Fassade durch die Betonung der Horizontalen Ruhe gibt. Als Gegenstück dazu belebt die neue skulpturale Balkonkonstruktion die Vertikale: Mit einer knapp 1 m hohen Wandscheibe beginnt ab Erdreich die Abwicklung des Sichtbetonbands, das sich immer wieder faltet und mal Bodenplatte des Balkons, mal dessen Seitenwand ist. Zum Abschluss ragt es als einzeln stehendes Element nach oben über das Dach des Gebäudes hinaus. Passend zum Bild einer emporwachsenden Pflanze sind direkt an der Vorderseite der Balkonplatten farbige Markisen montiert, die wie Blätter am Stengel wahrgenommen werden können. Als Brüstung fungieren gelochte und gefaltete Aluminiumbleche, die Sichtschutz für die Bewohner bieten und dennoch leicht und transparent wirken.
Frei stehender Betonturm an der Fassade
Die gesamten Lasten der Balkonkonstruktion werden über ein durchlaufendes mittiges Stützelement nach unten abgetragen. Das im Grundriss s-förmige Element aus Beton sorgt für die nötige Aussteifung – mit Lärchenholztüren bekleidet dient es ganz nebenbei als Stauraum. Die Balkonplatten gehen von dieser Stützkonstruktion als Kragarme ab und werden abwechselnd durch Seitenwände biegesteif miteinander verbunden. Unterschiedlich tief und geschossweise zueinander leicht verschoben lockern die Balkone die Gebäudefronten auf und sorgen für Abwechslung, damit das Motiv bei immerhin 213 Wohneinheiten nicht zur sturen Repetition wird. Wo sich das Betonband nur um einen einzelnen Balkonzugang windet, wirkt die Geste nicht so stark wie in den Bereichen, bei denen sich die großen Balkone breit mäandrierend und entlang mehrerer Wohnungen über die Fassade schlängeln können.
Mehr Aufenthaltsqualität
Für die Hauseingänge wählten L3P Architekten einen eher ruhigen Ansatz: Hier findet sich das Motiv von Decke und Wand der Balkone in Kleinform wieder – als Vordach und seitlicher Windschutz mit integrierten Briefkästen. Auch die Außenanlagen erhielten eine Aufwertung. Wege wurden verbreitert, ein neuer Spielplatz angelegt und für Fahrräder gibt es jetzt Unterstellmöglichkeiten in einer ebenfalls skulptural ausgeformten Betonkonstruktion.
Mit der neuen und energetisch zeitgemäßen Hülle haben nicht nur die früher trist und überholt wirkenden Bauten der Siedlung eine Sanierung erfahren, sondern auch die Genossenschaft selbst eine neue Außenwirkung. Die Mieterinnen und Mieter verdanken der Modernisierung deutlich mehr Wohn- und Aufenthaltsqualität. Die üppigen Balkone sind sichtbar größer als ihre Vorgänger und lassen mehr Tageslicht in die dahinter liegenden Wohnräume als die alten, die auf beiden Seiten geschlossene Wände aufwiesen.
Die neue Gestaltung mit ihrem hohen Wiedererkennungswert fasst die einzelnen Bauten optisch zum Ensemble zusammen und gibt der Siedlung eine starke Identität. Trotz des beträchtlichen finanziellen Aufwands liegen die Mieten nach wie vor unter dem örtlichen Durchschnitt. •

Standort: Bächliwis, CH-8184 Bachenbülach
Bauherrschaft: Baugenossenschaft Silu, Bassersdorf/ZH
Architektur: L3P Architekten, Regensberg
Tragwerksplanung: L. Schiavi + Partner, Bülach
Bauphysik: Wichser Akustik & Bauphysik, Zürich
Farbgestaltung: Beat Soller, Schweizer AG, Zürich
Beteiligte Firmen
Systemlieferant GFT Fiberglas/Transluscent: Gasser Fassadentechnik, St. Gallen, www.gasserfassadentechnik.ch
Fassadenbau: Rolf Schlagenhauf, Meilen/ZH, www.schlagenhauf.ch
Rohbau, Beton: Baltensperger Hochbau Tiefbau Holzbau, Seuzach, www.baltenspergerbau.ch
Raffstores, Markisen Balkon: Nyffenegger Storenfabrik, Huttwil, www.nyffenegger.ch

Zürich (CH) (S. 90)

 

L3P Architekten
Martin Reusser
1971 geboren. 1991-94 Studium an der FH Winterthur. 1994-99 Mitarbeit im Architekturbüro Rolf Lüthi, Regensberg (CH), seit 1999 als Partner. 2009 Umbenennung des Büros von Lüthi+Partner in L3P Architekten.
Markus Müller
1968 geboren. Bauzeichnerlehre, anschließend berufsbegleitendes Architekturstudium an der Hochschule für Technik in Zürich. 1990-99 Mitarbeit im Büro Rolf Lüthi, seit 1999 als Partner.
Frank Schäfer
1972 geboren. 1994-99 Architekturstudium an der ETH Zürich. 1999-2003 Mitarbeit in mehreren Architekturbüros. Seit 2004 Geschäftsführung eines Familienunternehmens für Immobilien und Holzbau. Seit 2011 Mitarbeit bei L3P Architekten als Partner.
Boris Egli
1977 geboren. Bauzeichnerlehre, 1998-2002 Mitarbeit in mehreren Architekturbüros. 2003-07 berufsbegleitendes Architekturstudium an der Hochschule für Technik in Zürich. Seit 2003 Mitarbeit bei Lüthi+Partner, seit 2008 als Partner.
Katinka Corts-Münzner
Architekturstudium an der HTWK Leipzig. 2006-12 Redakteurin bei der Schweizer Architekturfachzeitschrift TEC21. Seit 2012 freie Architekturkritikerin für Fachzeitschriften in der Schweiz und in Deutschland.