Kulturamt in Badajoz (E)

Lichter Würfel hinter alten Mauern

Mit Blick auf die lokale Baugeschichte arbeiten die Angestellten der städtischen Kulturverwaltung von Badajoz. Zwischen Festungsmauer und Wehrturm setzten die Architektinnen Begoña Galeano Diaz und Carmen González Peramato einen transparenten Bürokubus, der auch noch eine denkmalgeschützte Fassade stützt.

Text: Julia Macher

In der Südhälfte Spaniens, an der Grenze zu Portugal, liegt Badajoz. Die Plaza Alta, der ehemalige Marktplatz mit seinen historischen Fassaden, hat im vergangenen Jahr eine deutliche Aufwertung erfahren. Dass sich dies auch einem modernen Kern verdankt, erkennt der Betrachter erst auf den zweiten Blick. Hinter der weißgetünchten Fassade eines Bürgerhauses am Westende des Platzes versteckt sich ein glasverkleideter Würfel von drei Geschossen. Mehrere frontale Auskragungen aus seinem Stahltragwerk verankern die alte Fassade. Der Eingriff war dringend notwendig. Die Gebäudefront, die als Teil des Ensembles am Platz unter Denkmalschutz steht, hatte tiefe Risse, das dazugehörige Haus war bereits 1998 abgerissen, die Fassade seither provisorisch abgestützt worden.
Der dreigeschossige Neubau, der sie jetzt dauerhaft gegen Horizontallasten absichert, beherbergt das Büro der städtischen Kulturverwaltung und steht auf einem knapp 200 m2 großen Grundstück. Bauwerke unterschiedlicher Herkunft und Überreste verschiedener historischer Epochen treffen dort aufeinander. An zwei Seiten ist das Areal von der Außenmauer der maurischen Festung Alcazaba begrenzt, an der dritten vom quadratischen Wehrturm Torre Abarlongada, und an der vierten erstreckt sich vor den Fassaden die rechteckige Plaza Alta, unter deren Arkadengängen im Mittelalter der Markt abgehalten wurde. Auf dem Grundstück selbst befinden sich Gesteinsbrocken, zwischen 2,0 und 2,7 m hoch; einer von ihnen birgt eine Zisterne, der andere ist Teil einer vorgelagerten Verteidigungsanlage. ›
› Diese historischen Elemente miteinander in Beziehung zu setzen, war eine der grundlegenden Ideen des Entwurfs der Architektinnen Begoña Galeano Diaz und Carmen Gonzáles Peramato. Die schlichte Form des Bürobaus nimmt die Quaderstruktur des benachbarten Wehrturms auf; die Glasverkleidung lässt auf allen vier Seiten den Blick auf den historischen Bestand frei. Seit dem Mittelalter hatte man Wohnhäuser immer wieder direkt an die Festungsmauern gebaut; die Spuren an der Rückwand wurden belassen und sind jetzt von jedem Geschoss des Neubaus aus zu sehen. Die Zisterne wurde ebenfalls in den Bau integriert und steht quasi als Skulptur im EG; ähnlich wie der Gesteinsbrocken vor dem Wehrturm.
Der Eindruck, auf allen Seiten von Geschichte umgeben zu sein, wird durch das offene Raumkonzept unterstrichen. Die Büros sind lediglich durch Glaswände und Schrankmöbel voneinander getrennt. Statt der üblichen Erschließung über Flure sind die Räume über Durchgangstüren miteinander verbunden bzw. lassen sich von der Rezeption aus betreten. Einige Arbeitsplätze liegen im offenen Treppenraum, sodass eine Art Kombibüro entsteht. Das erleichtert nicht nur die Kommunikation innerhalb der Verwaltung, sondern spart auch Platz. Der Raumverlust durch den immerhin neun Quadratmeter großen Monolith im EG fällt dadurch nicht weiter ins Gewicht. Die Sanitäranlagen befinden sich hinter der Treppe im EG.
Geschickt ist die Fuge zwischen der neuen Stahl-Glas-Konstruktion und der historischen Frontfassade genutzt. Die Auskragungen, an denen das alte Bauteil verankert ist, lassen sich vom 1. und 2. OG aus betreten, sie dienen als Loggien, über die die Angestellten auf die Plaza Alta blicken können. Da die Geschosshöhen des Neubaus nicht denen der ursprünglichen Bebauung entsprechen, sind die Loggien vertikal leicht versetzt: Ein Detail, durch das das Trennende der Verbindung für die Gebäudenutzer erfahrbar bleibt. Auch an der Frontfassade selbst lassen sich die Spuren unterschiedlicher Epochen ablesen. Im Mauerwerk entdeckte man Reste von Fensteröffnungen und Bogengängen eines älteren Gebäudes, vermutlich aus dem 15./16. Jahrhundert. Den Verlauf dieser Öffnungen haben die Architekten reliefartig in den neuen weißen Fassadenputz eingekerbt. Zusammen mit den tatsächlich noch vorhandenen Öffnungen und der dahinterliegenden Stahl-Glas-Konstruktion überlagern sich nun drei Fassadenebenen und verleihen dem Bau eine besondere Vielschichtigkeit.
Der Zugang zum Bürogebäude erfolgt seitlich, über das Grundstück vor dem Wehrturm. Um den Kubus natürlich belichten zu können, wurde es von Bebauung freigehalten und fungiert jetzt als Hof. Die Fassade davor, deren Instandsetzung und statische Sicherung ebenfalls Teil des Projektes war, barg für das Architektinnen-Duo die größte Überraschung: In den Überresten eines vermeintlich schlichten Baus aus dem 19. Jahrhundert entdeckten sie Elemente einer herrschaftlichen Fassade, ebenfalls aus dem 15. Jahrhundert; mit Bogengang und Balkon gehörte sie vermutlich zu den prächtigsten Häusern der Stadt. Bögen und Säulen wurden mit einer Sondergenehmigung des Denkmalschutzamtes rekonstruiert; fehlende Bauteile wie Marmorborte mussten dabei nach historischen Fragmenten nachgebildet werden. Begeistert vom Fund erwog die Stadtverwaltung zunächst die Rekonstruktion des Balkons. Inzwischen hat man von der Idee Abstand genommen. Das Budget von 600 000 Euro war durch die Maßnahmen bereits ausgeschöpft. Auch so ist die wieder gewonnene Fassade eindrucksvoll genug. Durch die filigranen Arkaden hat man auch vom Platz aus einen neuen Blick auf den bis dahin eher versteckt gelegenen Wehrturm – besonders abends, wenn das hell erleuchtete Bürogebäude das historische Ensemble ins rechte Licht rückt. •
Standort: Plaza Alta, E-06001 Badajoz
Bauherr: Stadtverwaltung Badajoz, Plaza de España 1, Badajoz (E)
Architektur: Begoña Galeano Diaz und Carmen Gonzáles Peramato, Badajoz (E)
Mitarbeiter: Javier Gómez de la Peña Villalón, Badajoz (E)
Bauleitung: José Joaquín Escribano Mediero, Carlos Rubio, Badajoz (E)
Tragwerk: Marco Pizarro
Archäologie: Maria Jesus Carrasco
Baukosten: 600 000 Euro
BGF: 469,75 m2
Beteiligte Firmen:
Bauunternehmer: Construcciones & Restauraciones Olivenza, Olivenza – Badajoz (E), www.crolivenza.com
Elektrik: Instalaciones Becerra, Olivenza – Badajoz (E), www.becerramontajeselectricos.com
Aufzüge: Schindler, Berlin, www.schindler.com
Möblierung: Parque Mobile, Badajoz (E), www.parquemobile.com

Badajoz (E) (S. 124)

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Begoña Galeano Díaz
Studium an der Escuela Superior de Urbanismo, 1987 Diplom. 1988-91 Bürogemeinschsft. 1991 Gründung des Studios Prieto Galeano mit Julián Prieto Fernández. Seit 1991 Leitung des Planungsbüros der Stadt Badajoz.
Carmen González-Peramato
Studium an der Escuela Superior de Urbanismo, 1991 Diplom. 1992-97 Mitarbeit bei der Stadt Badajoz in der Stadtplanung, seit 1997 im städtischen Planungsbüro.
Julia Macher
1975 geboren. 1994-2002 Studium der Geschichte, Germanistik, Politik an der RWTH Aachen und HU Berlin. 2002-04 Berliner Journalisten-Schule. Seit 2004 freie Korrespondenz in Barcelona (E), u. a. zu Architektur.