Großsiedlungsbau in Hamburg energetisch saniert

Im Geist der 70er

Aus keiner Epoche stammen so viele Wohnungen wie aus den 60er und 70er Jahren. Kluge Konzepte für ihre Modernisierung können also Vorbildcharakter haben – wie etwa Carsten Roths behutsames Facelifting einer Großsiedlung in Hamburg-Mümmelmannsberg.

Es war nicht alles schlecht am Massenwohnungsbau der 70er Jahre. Wer durch den Hamburger Stadtteil Mümmelmannsberg schlendert, bemerkt das weitläufige Grün zwischen den meist vier- bis fünfgeschossigen Blockrändern; auf den großzügig bemessenen Balkonen genießen die Bewohner daher ein Maß an Privatheit, von dem man in hippen, aber engen Gründerzeitquartieren nur träumen kann. Gleichzeitig gelangen den Planern gut gefasste Straßenräume, in denen man sich auch bei Dämmerung noch sicher fühlt.

Zahlreiche Bauten in Mümmelmannsberg wurden in den vergangenen Jahren saniert – und hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Es macht eben einen Unterschied, ob man einfach einen Malerbetrieb damit beauftragt, ein WDVS anzubringen, oder ob man einen beschränkten Fassadenwettbewerb unter fünf namhaften lokalen Architekturbüros durchführt. Letzteres hat die Baugenossenschaft FLUWOG-NORDMARK getan, um 108 Wohnungen energetisch und gestalterisch auf Vordermann zu bringen. Der siegreiche Entwurf des Büros CARSTEN ROTH ARCHITEKT zeichnet sich durch Respekt vor dem Bestand aus. Der serielle Charakter der Gebäude, die größtenteils aus Fertigteilen gefügt sind, bleibt gewahrt, dennoch erhalten sie eine subtile Aufwertung.

Da sowohl die Straßen- als auch die Hoffassaden von breiten Loggien geprägt sind, galt es v. a., die Wärmebrücken in den Griff zu bekommen. Die Planer versahen Bodenplatten und seitliche Trennwände der Loggien mit einem schlanken Dämmpaket, das eine Bekleidung aus Alupaneelen trägt; an den hofseitigen Loggien ist es verputzt. Die Stirnseiten der vorhandenen Betonfertigteile sind dabei nach wie vor ungedämmt. Dadurch bleibt ihre schlanke Proportion erhalten und gleichzeitig wird die Flankendämmung in den Freisitzen als nachträglich eingefügtes Element ablesbar.

Auch die Fassade zwischen Loggia und Innenraum ist neu. Raumhohe Fenster wechseln sich mit opaken Elementen ab, in die Zuluftöffnungen und Heizkörper integriert sind, sodass vorgewärmte Frischluft in die Zimmer strömen kann. In den Kernzonen wird dann die verbrauchte Luft mechanisch abgesaugt. Weitere Teile des Energiekonzepts, das mit dem Braunschweiger Büro energydesign entwickelt wurde, sind der Anschluss ans Fernwärmenetz und eine Photovoltaikanlage auf dem (zusätzlich gedämmten) Dach. Beide tragen mit ihren hervorragenden Primärenergiewerten dazu bei, den Gesamtprimärenergieverbrauch der Wohnungen auf Neubaustandard nach EnEV 2009 zu drosseln. Weitere bauliche Eingriffe waren dadurch nicht mehr nötig.

Gestalterisch reagieren die Architekten auf die drei unterschiedlichen Bauabschnitte des Bestands, um dessen Differenzierung fortzuführen. An der Straße Heideblöck ersetzen geschlossene Brüstungen die früheren Geländer der Loggien, sodass die Bewohner nicht mehr genötigt sind, sich mit Kunststoffplanen oder Strohmatten eigenhändig einen Sichtschutz zu verschaffen. Die neuen Elemente bestehen aus Stahl, der verzinkt wurde und eine schwarzblaue Pulverbeschichtung erhielt. Eine goldfarbene Auskleidung der Freisitze sorgt für einen Hauch von Noblesse. An der Ecke zum Steinbeker Grenzdamm bilden die alten Sichtbetonelemente eine Lochfassade, hinter der sich die ganz in weiß gehaltenen Loggien befinden. Hier wurden lediglich die Glasfüllungen in den Brüstungen ersetzt: Ein ebenfalls goldfarbenes Lochblech ist so gebogen, dass es wie ein eleganter Vorhang Wellen wirft. Der dritte Abschnitt am Steinbeker Grenzdamm schließlich betont die Tiefenwirkung der Loggien mit einer schwarzblauen Auskleidung, die im Kontrast zu den weiß gestrichenen Betonbrüstungen und Trennwänden steht, die wiederum von grauen Blumenkästen aufgelockert werden. Ob die tiefdunklen Loggien im Sommer einen behaglichen Aufenthalt ermöglichen, sei einmal dahingestellt. Insgesamt aber muss man sagen: Wenn jedes Bauwerk der 70er Jahre so einfühlsam saniert würde wie diese Wohnanlage, wäre für die hiesige Baukultur viel gewonnen.

~Christian Schönwetter