Spitalkirche in Mannheim

Himmlische Wärme

Mit wenigen punktuellen Eingriffen hat das erzbischöfliche Bauamt Heidelberg die Mannheimer Spitalkirche modernisiert. Der Umbau zeigt, wie sich die Neugestaltung eines Innenraums geschickt mit der Nutzung solarer Wärme verbinden lässt.

Text: Ursula Baus

Gegenüber dem zentral gelegenen, gut besuchten Reiss-Engelhorn-Museum fällt im Mannheimer Innenstadtquadrat E6 eine etwas zurückgesetzte, nüchterne Kirche auf. Der deutliche Unterschied zwischen der geschmückten Hauptfassade, die man beim ersten Blick gern in den Frühklassizismus datiert, und den ungewöhnlich schlichten Seitenfassaden wirft Fragen auf, die rasch beantwortet werden können: An die ursprünglich 1786-88 nach Plänen Johann Faxlungers errichtete Bürgerhospitalkirche war die Bebauung dicht herangerückt, sodass ein adäquater Fernblick nur auf die schmale Schaufassade mit doppelsäulig getragenem Architrav, Dreiecksgiebel und hoch aufragendem Turmabschnitt fallen konnte. 1943 brannte die Kirche nach einem Fliegerangriff aus, 1954 ging sie an das Stadtdekanat und wurde 1957 in damals gebotener Einfachheit wiederaufgebaut. Die Ruinen in der unmittelbaren Umgebung riss man ab, sodass der Bau seitdem frei steht. Seit Jahrzehnten wird er von polnischen Katholiken genutzt. Anlässlich des 98. Katholikentags, den man im Mai 2012 in Mannheim feierte, konnte das Gebäude nun saniert werden.
Die Kirche zählt zu den wenigen Institutionen in unserer Gesellschaft, die nicht profitorientiert arbeiten müssen – geißelt doch der gegenwärtige Papst Franziskus mahnend die Auswüchse des Gewinnstrebens und des Lebens im »Schnickschnack«-Überfluss. Gleichwohl sieht sich die Kirche als Bauherrin in der Pflicht, nicht zuletzt, weil sie die Welt als Ergebnis der Schöpfung geachtet und geschützt sehen will. Bestandsbauten müssen gehegt und gepflegt und bei Sanierungen zusätzlich energetisch ertüchtigt werden. So auch in Mannheim, wo mit Stefan Brunner ein ehemaliger Mitarbeiter von Günter Pfeifer als Projektarchitekt des erzbischöflichen Bauamtes ans Sanierungswerk ging. Seine Ambition: eine energetisch sinnvolle Lowtech-Variante mit einer dezenten, unaufdringlichen Neugestaltung vor allem des Innenraums in Einklang zu bringen.
Verdeckte Lowtech-Taktik
Tatsächlich ist es gelungen, die energetische Umrüstung ohne auffällige Technikeinbauten im Kirchenraum zu planen. Der Bau bezieht jetzt Fernwärme, mit der eine Fußbodenheizung betrieben wird. Weil dafür nur geringe Temperaturen benötigt werden, konnte der Anschluss an den preiswerteren Rücklauf des Fernwärmenetzes erfolgen. Warme Füße sind für die Gläubigen eine Wohltat – unterstützt wird die Fußbodenheizung deswegen im Bereich der neuen Kirchenbänke durch warme Luft, die vom Dach aus in die untere Schicht des Gestühlbodens geleitet wird. Um diese Warmluft zu gewinnen, wurden über die bestehenden Dachgauben neue Plexiglashauben geschraubt. Von März bis April und von Oktober bis November scheint die Sonne stark genug, um die Luft zwischen Gauben und Plexiglashauben erheblich zu erwärmen; diese Luft wird in einem Kanal hinter dem rechten Seitenaltar zum Boden geführt – im Innenraum der Kirche ist davon nichts zu sehen.
Auch das äußere Erscheinungsbild des Walmdachs wird durch die Plexiglashauben kaum beeinträchtigt, und um die Effizienz der solaren Warmluftanlage zu erhöhen, hätte man sich diese »Luftkollektoren« durchaus noch größer vorstellen können – zumindest auf der Sonnenseite des Walms. Die Glashauben wurden auf Stahlrahmen geschraubt, die in geringem Abstand zur Dachfläche montiert wurden.
Einfache, pastellfarbige Fenster aus den 60er Jahren ließen natürlich energetisch zu wünschen übrig. Raumseitig eingebaute, satinierte Isolierscheiben ergänzen diese Einfachverglasung zu Kastenfenstern und bilden nun eine Art Pufferzone. Kaum sichtbare, trickreich mit Folie geschlossene Schlitze an der Fensterkante haben zur Folge, dass sonnenerwärmte Luft ohne Zugerscheinung in den Kirchenraum strömt.
Die prognostizierten Energieeinsparungen klingen beeindruckend: ca. 40 % der notwendigen Heizenergie sollen über die Luftkollektoren gewonnen, die notwendige Fernwärme um 55 % gemindert, der CO2-Ausstoß um 80 % reduziert werden. Die Energiekosten sollen damit um 83 % sinken. In einem zweijährigen Monitoring wird der reale Energieverbrauch getestet. Im ersten Jahr, das einen besonders harten Winter hatte, konnten die hochgesteckten Ziele allerdings noch nicht erreicht werden. Die Erfahrungen der zweiten Heizperiode stehen derzeit noch aus.
Die erneuerte Gestalt
Gestalterisch spielt der doppelschichtige Kirchenbankboden bestens mit der abgehobenen Altarzone zusammen. Wie eine Insel hebt sich dieser bodenbeheizte Altarbereich von der übrigen Fläche ab, ohne die Wirkung der dahinterliegenden, künstlerisch umgestalteten Apsis zu schmälern. Zur nunmehr hellen, angenehmen Atmosphäre im einschiffigen Innenraum trägt maßgeblich eine indirekte Lichtführung oberhalb des Deckenfries‘ bei; dieses warme Licht lässt an Himmel, Horizont und wunderbar wärmenden Sonnenaufgang denken.
Inzwischen sind von der Kirchengemeinde wieder Altar- und Kanzeldeckchen ausgelegt worden, eine Reihe sehr bunter Kreuzwegbilder hängt etwas zu poppig an der Wand – eingedenk dieser Accessoires scheint die Entscheidung des Architekten, von einem dezenten Grundkonzept nicht abzuweichen, um so plausibler.
Völlig unspektakulär blieb die Außensanierung der Kirche auf Steinmetz-, Putz- und Anstricharbeiten beschränkt. Ein rundum gleiches, gedecktes Weiß harmonisiert die schlichten Längsseiten mit der dekorativen Schaufassade der Spitalkirche zu einer bauplastischen Einheit, die ihre angenehme, ruhige Identität im öffentlichen Raum der Mannheimer Innenstadt kennzeichnet. Energetisch gilt das Projekt als Modellversuch, denn derartige Sanierungen ihrer Kirchen werden die erzbischöflichen Bauämter vorantreiben und darauf achten müssen, dass die Gestaltqualität nicht hintangestellt wird. •
Standort: Spitalkirche, E6, Mannheim
Bauherr: Katholische Gesamtkirchengemeinde, Mannheim
Architekten: Erzb. Bauamt Heidelberg, Dr. Werner Wolf-Holzäpfel
Projektarchitekt: Stefan Brunner
Tragwerksplanung: Ingenieurgruppe Bauen, Mannheim
Kybernetische Beratung: Fondation Kybernetik Technische Universität Darmstadt, Prof. Günter Pfeifer
Thermodynamische Simulation, Haustechnik: Balck + Partner Facility Engineering, Heidelberg
Umbauter Raum: 6 200 m³
BGF: 480 m²
Baukosten: 1 604 000 Euro
Beteiligte Firmen:
Natursteinarbeiten (innen): Peter Walz Nachf., Sensbachtal,
Natursteinarbeiten: Diringer & Scheidel, Mannheim,
Putz- und Stuckarbeiten: Kaiser, Triberg,
Malerarbeiten: Hauck, Heidelberg, www.malerhauck.de
Altarinsel/-stufen: Villa Rocca, Freiburg, www.villarocca.de
Fensterarbeiten: Die Kunstglaser, Rottweil, www.die-kunstglaser-rottweil.de
Glasgauben: Börner, Nauheim, www.acryl.de
Heizung & Lüftung: Körber, Schefflenz, www.koerber-kirchenheizungen.de
Beleuchtung: Scholz, Freiburg, www.scholzlicht.de
Akustik: Strässer, Stuttgart, www.straesser.de
Schreinerarbeiten: Kneip, Mannheim
Orgel: Popp, Walldürn-Altheim, www.popp-orgelbau.de

Mannheim (S. 86)
Erzbischöfliches Bauamt Heidelberg
Werner Wolf-Holzäpfel
Stefan Brunner
Ursula Baus
s. db 10/2014, S. 96