Adolf-Loos-Haus der Werkbundsiedlung in Wien (A)

Moderne sanft erneuert

Nun ist es fast geschafft: Als eines der letzten wurde das Haus Wonovichgasse 15 von Adolf Loos und Heinrich Kulka in der Wiener Werkbundsiedlung umfassend saniert. Dabei durften die Lebensspuren der letzten 90 Jahre durchaus sichtbar bleiben.

Die Wiener Werkbundsiedlung entstand von 1930-32 unter der Federführung des Architekten Josef Frank. 32 namhafte Architekten der Moderne – unter ihnen Hugo Häring, Richard Neutra oder Gerrit Rietveld – entwarfen die insgesamt 48 Bauwerke. Seit 2011 wurden die Häuser im Auftrag der Bauherrin WISEG (Wiener Substanzerhaltungsg.m.b.H.) nach und nach saniert.

Während die Arbeiten an der Außenhülle des Loos-Hauses schon vor einigen Jahren abgeschlossen wurden, widmeten sich P.GOOD Praschl Goodarzi Architekten nun der Innensanierung. Die Bewohner zogen vorher aus, was die Befundung, Restaurierung und Teilrekonstruktion erleichterte. Ein weiterer Pluspunkt: Das Haus hat in den 87 Jahren seines Bestehens nur wenige Änderungen durch die Bewohner erfahren, anders als manche Nachbargebäude der Werkbundsiedlung, die durch ungenehmigte Um- und Zubauten verfremdet wurden.

Das von außen schlicht wirkende Haus folgt im Innern dem »Raumplan« von Adolf Loos. Über einer Grundfläche von lediglich 47 m² sind etwa 93 m² Wohnfläche entstanden. Herzstück ist dabei der zweigeschossige Wohnraum mit seiner großen Fensterfront zum Garten. Von dort leitet eine Treppe zu einer niedrigen Galerie, die den Wohnraum an zwei Seiten umrahmt und von der eine kleine Kammer im Zwischengeschoss erschlossen ist. Über eine weitere Treppe geht es hinauf zu den Wohnräumen im höheren OG – ein dreidimensionales Puzzle, bei dem die niedrigen, dienenden von den hohen, repräsentativen Räumen profitieren.

Archäologie der Moderne

Am Beginn der umfassenden Sanierung stand eine gründliche Bestandsaufnahme, die weit über den Standard dieser Bauaufgaben hinausging: Analyse des Schadensbildes, Fotodokumentation und Neuvermessung des Gebäudes. Mittels mikroskopischer Untersuchung wurde in einer regelrechten »Archäologie der Moderne« das Material in allen historischen Schichten analysiert, um Zustand und Farbigkeit der überdurchschnittlich gut erhaltenen originalen Substanz zu ermitteln.

Die Analyse in den Wohngeschossen ergab, dass das Loos-Haus einiges an Originalsubstanz barg. Die Wiener Werkbundsiedlung weist im Vergleich mit ihren internationalen Verwandten wie den Siedlungen in Stuttgart und Breslau noch die meisten Originaldetails wie Türbeschläge und Fenster auf, und das Loos-Haus ist keine Ausnahme. Vor allem der Linoleumboden war unter dem von späteren Nutzern verlegten Teppich bis auf wenige Fehlstellen gut erhalten. Bei der Sanierung konnte man auf die Erfahrung aus dem benachbarten Haus Rietveld zurückgreifen, bei dem erstmals in Österreich eine Linoleum-Sanierung vorgenommen wurde. Hierbei wurde das Material zunächst von Klebstoffresten und Spuren späterer Bodenbeläge gereinigt, Fehlstellen und Risse mit Originalsubstanz aus dem Vorraum ergänzt und der Boden neu eingelassen.

Rietfeld Wien

Foto: P.Good Architekten, Wien

Rigoros respektvoll

 

Auch Gerrit Rietveld hat einen Beitrag zur Werkbundsiedlung Wien geleistet, die inzwischen »als eines der bedeutendsten Beispiele der Moderne in Österreich«  unter Denkmalschutz steht. Rietvelds Zeile aus drei Reihenhäusern wurde bereits vor einigen Jahren instandgesetzt, ebenfalls vom Architekturbüro p.good. 

2012, also pünktlich zum 80-jährigen Jubiläum der Siedlung, war dieser Abschnitt fertiggestellt. mehr »

Weitere Restauratoren widmeten sich den Oberflächen und Bauteilen aus Kalkputz, Holz und Metall. Am auffälligsten dürfte die Wiederherstellung der blutroten Farbe der Brüstungspfosten der Galerie im Wohnraum sein – dieselbe Farbe wie das Geländer beim Loos-Haus am Kreuzberg, das 1930, zwei Jahre vor der Werkbundsiedlung, entstanden war. Bei der Wandfarbe entschieden sich die Architekten nach der Entnahme von Materialproben gemeinsam mit dem Bundesdenkmalamt für einen Gelbton. Rotes Holz, gelbe Wand, grünes Linoleum: »Man sieht an der Werkbundsiedlung, dass die Annahme, die Moderne wäre immer weiß gewesen, ein Irrtum ist,« sagt Martin Praschl. Schon 1932 beschrieb Chefplaner Josef Frank die Werkbundsiedlung explizit als »polychrom«.

Hilfreich bei den vielen Entscheidungen bezüglich der richtigen Teilrekonstruktion waren die ausführliche Schwarzweiß-Fotodokumentation aus dem Jahr 1932 sowie beratende Gespräche mit den Architekten Adolf Krischanitz und Otto Kapfinger, die Anfang der 1980er Jahre die erste Sanierung der Werkbundsiedlung vorgenommen hatten.

Wohnen im Denkmal

Eine der größten Herausforderungen dabei: Den Standard von 1932 mit heutigen Normen, Vorschriften und Wohn-Gewohnheiten in Einklang zu bringen. Schließlich sollen die Häuser keine bewohnten Museen werden. »Die Bewohnbarkeit war die Grundidee von Architekt Josef Frank beim Konzept für die Werkbundsiedlung. Das heißt: Man soll mit dem Haus mit-leben dürfen,« sagt Azita Praschl-Goodarzi. Was dies für die Sanierung bedeutet, war in jedem Haus im Einzelfall zu klären, daher wurde auch für jedes ein eigenes Sanierungskonzept erstellt: Im Haus Rietveld waren etwa die winzigen Bäder nicht mehr zeitgemäß, hier wurden Ergänzungen im UG geschaffen. Im Adolf-Loos-Haus war es das offene Geländer der Galerie, das eine Absturzsicherung benötigte; hier einigte man sich auf eine dezente Glasscheibe, die in Abstandshaltern hinter dem vorhandenen Geländer montiert wurde.

Kleinere Änderungen für notwendige Installationen und Isolierungen wurden beim Badezimmer im OG vorgenommen, die Speisekammer neben der Küche im EG wiederum wurde entsprechend dem Originalzustand wiederhergestellt, eine später vorgenommener Durchbruch zwischen Küche und Wohnraum wieder verschlossen.

Für die thermische Sanierung schlossen die Planer, wie in allen Häusern der Werkbundsiedlung, eine Wärmedämmung der Außenfassade aus Denkmalschutzgründen und eine Innendämmung aus bautechnischen Gründen kategorisch aus. Stattdessen nahm man kompensierende Maßnahmen vor: Dach und Kellerwände wurden gedämmt, die vorhandenen Einzelöfen durch neue Heizkörper in den Zimmern ersetzt, die Fenster thermisch optimiert, ein effizientes Gas-Brennwertgerät im KG sowie eine kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmetauscher installiert.

Adolf Loos Haus der Werkbundsiedlung Wien – ein Fazit

Mit der Sanierung hat das Gebäude und die ganze Werkbundsiedlung eine Generalüberholung erfahren, die die Moderne gegenwartsfähig macht: Sie braucht jedoch auch in Zukunft Pflege und Aufmerksamkeit.

Die Architekten von P.GOOD betonen, dass sie bewusst auf eine »Übersanierung« verzichtet haben, wie sie teilweise in anderen Werkbundsiedlungen erfolgte. Ob die Abdrücke von Möbeln im Linoleum oder der sichtbare Pinselstrich auf den grünen Fensterrahmen: Hier gelang es, die Substanz zu reinigen und zu erhalten, ohne die Spuren der Nutzung zu tilgen. Es bleiben Häuser, die leben und atmen. Nach der Sanierung erwartet das Haus Woinovichgasse 15 jetzt seine neuen Bewohner, das Bewerbungsverfahren läuft bereits. Wen wünschen sich die Architekten? »Jemand, der das Haus liebt!« sagt Martin Praschl. »Häuser wie dieses sind wie ein alter Jaguar, wie ein Oldtimer aus den 1960er Jahren. Die haben eben keine Servolenkung und sind auch nicht die energiesparendsten Autos. Aber sie haben Charakter.«


Architekt: p.good Praschl-Goodarzi Architekten, Martin Praschl, Azita Praschl-Goodarzi
Bauherr: WSEG, Wiener Substanzerhaltungsg.m.b.H., Josef Wiesinger


 

Auch diese Siedlungen der 20er Jahre wurden saniert:

Gropius‘ Dammerstock in Karlsruhe (Bild: Johannes Vogt)

Döckers Wallmer-Siedlung in Stuttgart (Bild: Thomas Herrmann)

Mäckler modernisiert Siedlung in Frankfurt (Bild: Poroton / Johannes Vogt)