Wallmer-Siedlung in Stuttgart

Modernisierung der Moderne

Die Wohnsiedlungen der klassischen Moderne waren radikal, aber auch karg. Heute stellt sich die Frage, was der einprägsamen Architektur im Interesse einer zeitgemäßen Wohnqualität hinzugefügt werden kann. Eine mutige Antwort geben die Architekten der Project GmbH bei Richard Döckers Arbeitersiedlung »Im Wallmer«.

Text: Christoph Gunßer

Der Kontrast könnte kaum größer sein: Sandsteindetails unter steilen Satteldächern prägen noch den ersten Bauabschnitt der Wallmer-Siedlung von 1925/26 – solider Heimatstil. Gerade drei Jahre später strahlt der zweite Bauabschnitt nebenan mit weißen Flachdachzeilen, streng parallel wie aus der Strangpresse. Es ist eine architektonische Zeitenwende, die hier zum Ausdruck kommt.
In Sichtweite des großen Daimler-Werkes ließ die Stadt Stuttgart ab Mitte der 20er Jahre am Rande des eingemeindeten alten Winzerdorfes Untertürkheim die Arbeitersiedlung »Im Wallmer« errichten. Es ging um »preisgünstigen Wohnraum für Familien«.
Die Hanglage des Grundstücks legte eine gestaffelte offene Zeilenbauweise im Bebauungsplan nahe. Dass diese aber im Fortgang des Projektes architektonisch so rigide umgesetzt wurde, ist sicher dem Einfluss der Weißenhofsiedlung von 1927 zuzuschreiben, an der auch der junge Architekt Richard Döcker (1894-1968) beteiligt war. Als Vorsitzender des örtlichen BDA hatte er mit einem Team von Architekten die Leitung der Untertürkheimer Siedlung übertragen bekommen.
Fünf Zeilen mit 316 Wohneinheiten umfasste der zweite Bauabschnitt. Den Abschluss nach Norden formulierte Döcker mit viergeschossigen Kopfbauten. An sie schließen dreistöckige Zeilen an, in denen er identische Dreizimmer-Wohnungen von 55 m² unterbrachte. Mit nur 8,50 m Tiefe und 6,42 m Breite waren die Zweispännertypen gut geschnitten, um dem Zeitideal von Licht, Luft und Sonne zu entsprechen. Allerdings rückten die Zeilen auf den Mindestabstand von 15 m zusammen. Während die vorspringenden Treppenhäuser die Hangseite rhythmisieren, bilden paarweise angeordnete Balkone, durch herausragende Schottenmauern auch vertikal verbunden, die talseitigen Akzente. Einzig traditionelle Klappläden an den Lochfassaden milderten die moderne Strenge der Häuserfluchten ein wenig.
Ähnlich wie Mays Westhausen in Frankfurt und Gropius’ und Haeslers Dammerstocksiedlung in Karlsruhe stieß die Publikation der Siedlung 1930 auf ein breites Echo. Die Vollendung von Döckers Planungen, die auch siebenstöckige Scheibenhäuser umfasste, verhinderte indes die Wirtschaftskrise.
Neuer Griff in den Farbtopf
Gut 80 Jahre später hatte die Siedlung Verbesserungen dringend nötig. Die GSWG, größte Wohnungsbaugesellschaft der Stadt und heutige Eigentümerin, nahm den Umbau des inzwischen denkmalgeschützten Ensembles in Angriff. Der Armutsbericht der Stadt zählt die Wallmer-Siedlung zu einer von Stuttgarts Gegenden mit der »stärksten räumlichen Konzentration von Menschen in Armut«. Um auch nach der Modernisierung bezahlbaren Wohnraum bereitstellen zu können, stand daher kein allzu großes Budget zur Verfügung.
127 Wohnungen in vier der Zeilen wurden, überwiegend im bewohnten Zustand, auf heutigen Standard gebracht. Dabei ging es zunächst um den Wärmeschutz der Fassade nach EnEV 2009. Auf das Wärmedämmverbundsystem einer früheren Sanierung der 80er Jahre wurden zusätzliche 12 cm Dämmung aufgebracht. Um den berüchtigten »Schießscharteneffekt« bei den Öffnungen zu vermeiden, ließen die Architekten die neuen Fenster weiter außen einbauen, sodass nun in der Fassade die ursprüngliche Laibungstiefe wiederhergestellt ist. Statt der zwischenzeitlich eingebauten einflügeligen Fenster kamen wieder zweiflügelige Stulpfenster zum Einsatz, die Wirkung der Gebäudefronten nähert sich damit dem Erscheinungsbild der 20er Jahre an.
Auffälliger ist da schon die Farbgebung: Hatte Döcker ursprünglich als Putzfarbe reines Weiß verwendet und einzig Kontraste zu Klinkerstreifen an den Hauseingängen und den dunkelbraunen Klappläden zugelassen, so differenzierten schon frühere Renovierungen die Baukörper in Beige- und Grautönen. Zur leichteren Identifizierung waren Kopfbauten und Haustüren in kräftigen Farben gestrichen worden; die Sockel wurden praktischerweise braun. Dahinter ging die aktuelle Sanierung nicht zurück, und das tut dem Ensemble gut. Es wirkt so plastischer als in der etwas monotonen Urfassung und erinnert ein wenig an Taut’sche Siedlungen. Im Dauersmog des hochindustrialisierten Neckartals bleibt Weiß ja eh’ nicht lange weiß.
Bunte Schubladen, ödes Dach
Ausgesprochen mutig gab man sich hingegen bei der Neugestaltung der Balkone: Ihre Tiefe wurde durch zusätzliche Elemente auf rund 2 m fast verdoppelt, was den Wohnwert deutlich steigert. Um die Ergänzung klar vom historischen Bestand abzuheben, gibt sich das neue Element als »Schublade«, die in den bestehenden Balkon eingeschoben wurde, sodass dessen ursprüngliche Form noch ablesbar bleibt.
Die »Schublade« besteht aus einem alublechverkleideten Metallrahmen und ruht auf schwarz lackierten IPE-180-Profilen, die – in Analogie zur vorherigen Gliederung durch die herausgezogenen Schotten – einen neuen vertikalen Akzent vor der Fassade bilden. Geschickt verbarg man das Fallrohr der Balkonentwässerung hinter dem senkrechten Stützprofil. Die Brüstung aus opakem Verbundglas und eine Edelstahlstange als Handlauf gleichen dem aktuellen Mainstream im Neubau. Die Balkonflanken sind bei jeder Zeile in drei unterschiedlichen Farben gestaltet, die sich spielerisch über die Fassade verteilen, was dem Puristen Richard Döcker vermutlich Bauchweh verursacht hätte. Der farbliche Dreiklang wechselt von Zeile zu Zeile und gibt den einzelnen Häusern damit eine neue Individualität – hier wollte man offenbar mit der Zeit gehen.
Keine Zugeständnisse machte der Denkmalschutz indes bei der Dachkontur. Die leicht geneigten Dächer wurden gedämmt und anschließend wieder originalgetreu mit Teerpappe eingedeckt. Eine sehr verlockende Umnutzung der Staffelgeschosse kam nicht infrage – sie dienen weiter als Trockenböden ohne Zugang zum davorliegenden Flachdach. Auf dessen Aufwertung zur Dachterrasse wurde verzichtet. Angesichts der kargen Freiräume im Wohnumfeld lässt sich das nur als vertane Chance betrachten. Warum sind die Hüter der Historie im »Gesicht« der Häuser so mutig und zaudern plötzlich auf dem »Kopf«? Auch Solarkollektoren, am derart stark von Immissionen geplagten Standort wahrhaft Symbol für einen Wandel und für einen möglichen Aufbruch im Quartier, waren tabu. Schade.
Im Innern schließlich hatten frühere Umbauten bereits manches verbessert, bis hin zur nötigen Differenzierung der Wohnungsgrößen. Hier wurden nun also nur die Bäder auf heutigen Standard gebracht und dezentrale Lüftungsanlagen installiert. Wo noch nicht geschehen, machte man die Holzbalkendecken mit Gussasphalt weniger hellhörig.
In den schmalen, langen Freiflächen, die nicht direkt aus den Wohnungen zugänglich sind, wurden wie zuvor Wiesen angelegt und Bäume gepflanzt, einzelne Spielgeräte ergänzt.
So zeigt diese Modernisierung der Moderne einen gangbaren Weg, wie aus kargem Bestand ein zeitgemäßes Quartier werden kann. Dringend nötig scheinen indes noch Angebote im Wohnumfeld, das längst nicht mehr so vital ist wie zur stolzen Entstehungszeit der Siedlung. Ein Anfang wird derzeit gemacht: Just zwischen dem so unterschiedlichen ersten und zweiten Bauabschnitt der Siedlung entsteht gerade eine neue Kita. •

Standort: Fiechtnerstraße, Sattelstraße, Wallmerstraße, Stuttgart-Untertürkheim
Bauherr: Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft mbH (SWSG), Stuttgart
Architekten: Project GmbH, Planungsgesellschaft für Städtebau, Architektur und Freianlagen, Esslingen am Neckar
Tragwerksplanung Gebäude: Hartung + Partner, Ingenieurgesellschaft für Tragwerksplanung mbH, Esslingen am Neckar
Tragwerksplanung Balkone: Ingenieurbüro Dressel & Vogel, Gera Bauphysik: GN Bauphysik Ingenieurgesellschaft mbH, Stuttgart
Haustechnik: Bauer & Ihle GmbH, Esslinger Ingenieurgesellschaft, Esslingen
Elektrotechnik: Esslinger Ingenieurgesellschaft, Thomas Haller, Esslingen
Farbanalysen Bestandsgebäude: Restaurator, Erwin Raff, Denkendorf
Wohnfläche: 8 158 m², 127 Wohnungen
Baukosten Baukonstruktion: 5,2 Mio. Euro
Baukosten Technische Anlagen: 1,8 Mio. Euro
Beteiligte Firmen:
Holzfenster: (BA 1) Fenster Ruoff, Bodelshausen, www.fenster-ruoff.de; (BA 2 und 3) RWS Fenstertechnik, Schelklingen; (BA 4) Starz Fenstersysteme in Plochingen, www.starz-fenstersysteme.de
Aluklappläden: HAWO Sonnenschutztechnik, Stuttgart, www.hawo-fitzinger.de
Balkone: (BA 1 und 2) Gersdorf Balkonsystem GmbH, Jena, www.gersdorf-jena.de; (BA 3 und 4) Stahlbau Braunger, Laupheim-Obersulmeting, www.braunger-gmbh.de

 


Stuttgart (S. 102)

Project GmbH
Christian Stierle
1954 geboren. Architekturstudium an der Universität Stuttgart, 1982 Diplom. Seit 1990 Mitarbeit bei der Project GmbH, seit 2012 als Gesellschafter, seit 2015 als Geschäftsführer.
Murat Turan
1972 geboren. Architekturstudium an der Universität Stuttgart, 2006 Diplom. Seit 2008 Mitarbeit bei der Project GmbH.