Instandsetzung Rietveld-Häuser der Wiener Werkbundsiedlung

Rigoros respektvoll

»Als eines der bedeutendsten Beispiele der Moderne in Österreich« steht die Wiener Werkbundsiedlung unter Denkmalschutz. Dennoch verfiel sie seit geraumer Zeit zusehends. Endlich hat die Stadt nun mit der Sanierung begonnen und pünktlich zum 80-jährigen Jubiläum den ersten Abschnitt fertiggestellt. Was das Architekturbüro P.Good dabei aus drei Reihenhäusern von Gerrit Thomas Rietveld gemacht hat, weckt Neugier auf mehr.

{Text: Hartmut Möller

Um Haaresbreite wäre sie gescheitert. Als Ende der 20er Jahre beim österreichischen Werkbund die Idee aufkam, eine Mustersiedlung in Wien zu errichten, machte die Weltwirtschaftskrise dem Chefplaner Josef Frank zunächst einen Strich durch die Rechnung. So dauerte es bis 1932, bis im heutigen 13. Bezirk Hietzing die Werkbundsiedlung als Experimentierfeld moderner Architektur fertiggestellt werden konnte. 33 Architekten leisteten hierfür individuelle Beiträge, Vorbild war das 1927 errichtete Pendant am Stuttgarter Weißenhof. Um nicht in dessen Schatten zu stehen, war Frank um eine internationale Ausrichtung bemüht und konnte neben den Wienern Adolf Loos, Josef Hoffmann und Margarete Schütte-Lihotzky auch Richard Neutra (USA), Hugo Häring (D) und Gerrit Thomas Rietveld (NL) gewinnen.
RIETVELDS RAUMPLAN
Äußerlich ähneln Rietvelds Reihenhäuser einem Projekt, das der Niederländer bereits 1931 in Utrecht errichtet hatte – hier wie dort eine Hauszeile aus vier Einheiten mit hohem Glasanteil in der Fassade und zurückspringendem Dachgeschoss. In Wien bewies der gelernte Tischler jedoch mehr Mut zur Farbe: Die verputzten Flächen sind in einem hellen Gelb, die beweglichen Fensterflügel und die Hauseingangstür in Blau, Innentüren gar in Senfgelb gestrichen. Zudem zeigen seine Bauten der Werkbundsiedlung eine höhere räumliche Komplexität. Fast scheint es, als hätten die gegenüberliegenden Musterhäuser von Adolf Loos und dessen Raumplan auf ihre innere Organisation abgefärbt. Auch bei Rietveld bestimmt die Funktion eines Raumes dessen Höhe, der Wohnraum ist beispielsweise höher als Küche oder Bad, woraus sich unterschiedliche Split-Levels ergeben. Im Gebäude teilt ein parallel zur Straße gelegter Schnitt den Grundriss über alle drei Geschosse in zwei fast gleich große Hälften; an der Schnittkante befindet sich die gewendelte Treppe. Während sich die Nordseite in zwei niedrige Stockwerke und eine höhere Etage darüber gliedert (Küche und Windfang im EG, Schlafraum und Bad im 1. OG sowie ein höheres Zimmer im DG), verhält es sich im südlichen Teil genau umgekehrt. Er verfügt über einen hohen Wohnraum im EG und zwei niedrigere Etagen darüber (Schlafraum im 1. OG und ein weiteres Zimmer im DG) [1]. Da alle Räume mit ihren unterschiedlichen Niveaus spiralförmig versetzt an der zentralen Treppe liegen, konnten weitere Erschließungswege entfallen.
Bei aller Nähe zum Raumplan-Konzept lehnt sich Rietvelds Häuserzeile gleichzeitig der Architektursprache von »De Stijl« an. Typisch hierfür ist die Verzahnung des Bauwerks mit seiner Umgebung, erreicht durch die nach beiden Seiten auskragenden Balkone, den erkerähnlich ausgebildeten Vorraum, vorspringende Außentreppen auf der Vorder- und Rückseite und Sichtschutzmauern, die sich von der Fassade weg in den Garten schieben.
DES ARCHITEKTEN WILLE
Mit der in vier Phasen angelegten Instandsetzung der gesamten Siedlung wurden P.Good – Praschl-Goodarzi Architekten betraut, bis 2016 sollen die Maßnahmen bei einem Budget von rund 10 Mio. Euro abgeschlossen sein. Eins der vier Rietveld’schen Reihenhäuser befindet sich in Privateigentum (originalgetreue Renovierung 2002 durch die dort wohnhafte Architektin), lediglich ein weiteres der restlichen drei war bewohnt. Dessen Mieterinnen wurden in den Planungsprozess einbezogen und vorübergehend in einem Ersatzquartier untergebracht. Durch den Leerstand bot sich die große Chance einer umfassenden Sanierung des Interieurs. Obendrein ließen sich in den Häusern drei unterschiedliche von Rietveld angedachte Grundrissversionen realisieren, die in Skizzen und Briefen dokumentiert sind, so aber nie ausgeführt worden waren. Ursprünglich hatte der Architekt demnach im Erdgeschoss nach oben verschiebbare, rollladenartige Wände zur Abtrennung des Essplatzes zwischen Wohnraum und Küche vorgesehen. Nun variiert in den einzelnen Häusern die Größe von Wohnzimmer und Küche, bis hin zur Integration beider Räume zu einer Wohnküche.
BESTANDSRETTUNG NACH ANALYSE
Bei der Instandsetzung galt das Prinzip des größtmöglichen Substanzerhalts. Kleinere Ausnahmen waren das Neuherstellen der Sanitär- und Elektroinstallation, das Abdichten von Dachflächen mit beschiefertem Elastomerbitumen und das wasserfeste Neubeschichten der Terrassen mittels Flüssigkunststoff samt Quarzeinstreuung. Ansonsten wurde aber in geradezu forensischer Kleinstarbeit um die Rettung jedes Originalbauteils gerungen. Beispielsweise ließen die Architekten Reste des alten Linoleumbodens aus zwei Häusern zusammentragen, um damit die Fehlstellen im dritten Haus zu ergänzen. Dort wurde das Linoleum nach der »Kannibalisierung« der beiden Nachbarhäuser zu einem Flickenteppich verbacken und verschliffen.
Um die Bäder abzudichten, lösten die Handwerker zunächst die Fliesenbeläge ab und verlegten sie anschließend wieder neu. Die Originalfenster aus Lärchenholz erhielten einen mehrschichtigen Anstrich mit Leinölfarbe, die für optimale Elastizität sorgt. Nach Befundung aller Lackoberflächen erfolgte ein Auftrag mit Standölfarbe auf die Metallteile. Beschädigter Putz wurde nicht vollflächig erneuert, sondern erfuhr eine partielle Reparatur, die ausgeführten Inlays entsprechen der Rezeptur, Körnung und Oberflächenstruktur des bauzeitlichen Kalkzementputzes und erfüllen damit den denkmalpflegerischen Grundsatz der Materialkontinuität.
Trotz des Anspruchs an die Bewahrung des ursprünglichen Zustands mussten im Hinblick auf eine zeitgemäße Nutzung Abstriche am Original gemacht werden. So wurden etwa die nur 2,65 m2 großen Bäder umorganisiert und durch großzügigere Bäder im Kellergeschoss ergänzt – eine sehr behutsame Anpassung an heutige Wohnvorstellungen, die eine langfristige Vermietbarkeit nicht nur an asketische Architekturliebhaber sicherstellt. Dank Instandsetzung der Außenanlagen, Gartentüren, Zäune, Wege und Terrassen sowie entsprechender Gestaltung des Bewuchses und Freiraums lädt die Hauszeile den Betrachter jetzt zu einer authentischen Zeitreise in die Vergangenheit ein. Azita Goodarzi und Martin Praschl ist im historisch bedeutsamen Gebäudeensemble ein erstes Glanzstück gelungen, für den Rest der Siedlung sind Ergebnisse in gleich hoher Qualität zu erhoffen!

WDVS verboten und trotzdem Energie gespart

Selbstredend verbot sich bei diesem hochkarätigen Denkmal der »Neuen Sachlichkeit« eine nachträgliche Dämmung von außen, da sie das fragile Gleichgewicht der ausgewogenen Proportionen zwischen Öffnungen und geschlossenen Wänden massiv stören würde. Eine Wärmedämmung an der Innenseite hingegen barg erhöhtes Kondensatrisiko, sodass die langfristige Bestandssicherung gefährdet wäre. Trotzdem haben die Planer es geschafft, mit einer Reihe von kombinierten Maßnahmen die Heizkosten um rund 50 Prozent zu senken, ohne dass dies für den Betrachter an irgendeiner Stelle störend sichtbar wird.
Die Verbesserung des Wärmeschutzes beschränkt sich dabei auf die Stellen, wo sie »nicht wehtut«. Zum einen wurde der feuchte Keller trockengelegt, nach Abgrabung erhielt er eine Horizontal- und Vertikalisolierung. Schon allein dadurch weisen die Wände nun eine erheblich geringere Wärmeleitfähigkeit auf, zudem wurden sie im erdberührenden Bereich mit einer feuchtigkeitsresistenten, druckstabilen Hartschaumdämmplatte versehen. Auch der Kellerboden bekam eine Dämmung. Da sich im Untergeschoss nicht nur ungeheizte Abstellfläche, sondern auch das neue Bad befindet, tragen diese Maßnahmen wesentlich zur Energieeinsparung bei.
Zum anderen war bereits 1932 auf Dächern und Terrassen über der tragenden Stahlbetondecke erfreulicherweise ein zusätzlicher Gefällebeton verlegt worden, der aus Holzzement bestand und einen gewissen Wärmeschutz bot. Er ließ sich durch eine effizientere Gefällewärmedämmung gleicher Stärke ersetzen, sodass sich die Gebäudeansicht immer noch ohne Erhöhung des Aufbaus in originärer schlanker Anmutung präsentiert. Unter den Flach- dächern befand sich eine abgehängte Decke. Um zu verhindern, dass sich im Hohlraum Kondensat an den äußeren Betonstürzen bildet, planten die Architekten eine Bauteiltemperierung ein. Fällt die Außentemperatur unter -5 °C, erwärmen elektrische Heizkabel das Bauteil auf ca. 15 °. Für ihre Verlegung wurde die bestehende Stukkaturdecke sorgsam partiell geöffnet und anschließend originalgetreu wieder verschlossen.

Neben dem Austausch bestehender Fensterscheiben durch beschichtetes Glas mit Silikondichtungen und der Installation einer Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung trägt ein hocheffizientes Gas-Brennwertgerät zur Senkung des Energieverbrauchs bei. •


[1] Die Wiener Werkbundsiedlung – Dokumentation einer Erneuerung. Adolf Krischanitz und Otto Kapfinger, Wien 1985


Standort: Woinovichgasse 16-20, A-1130 Wien
Eigentümer: Stadt Wien, www.wien.gv.at
Bauherr: Wiener Substanzerhaltungs-GmbH und Co. KG
Architektur: 1930-32: Gerrit Rietveld
2011/12: Praschl-Goodarzi Architekten ZT-GmbH, Wien,
Restaurator Architekturoberflächen: Plan_B Konzepte für
Restaurierung, Wien, www.planb.or.at
Restaurator Holzbauteile: Kopp Restauratoren GmbH, Wien, www.holzrestaurierung.at
Restaurator Metallbauteile: ARGE Objektrestaurierung, Wien, www.objektrestaurierung.at
Nutzflächen Einzelhaus: 95,88 m² oberirdisch, 34,09 m² Keller
Baukosten: 1,3 Mio. Euro (Häuser Rietveld und Hoffmann)
Beteiligte Firmen:
Holzfenster: K Glass, Wärmedämmglas, Pilkington Austria GmbH, Bischofshofen (A), www.pilkington.com
+ Silikondichtungen, Franz Nuschei KG Spezialdichtungen, Wien, www.nuschei.at
Dach- und Terrassendämmung: BauderPIR T, Polyurethan-
Gefälledämmplatte, Paul Bauder GmbH & Co. KG, Stuttgart, www.bauder.de
Abdichtung Dachflächen: Baukubit K5K, Top-Elastomerbitumen-Schweißbahn beschiefert, Paul Bauder GmbH & Co. KG
Abdichtung Terrassen: Prenopur, Flüssigkunststoffsystem mit Quarzsteineinstreuung, Prenotec AG, Uster (CH),
Perimeterdämmung Kellermauerwerk: XPS-G30/S, extrudiertes Polystyrol, Austrotherm GmbH, Waldegg/Wopfing (A),
weitere Informationen unter www.db-metamorphose.de

P.good | Praschl-Goodarzi Architekten
Azita Praschl Goodarzi
1963 geboren. Studium der Architektur an der TU Wien und der TU Teheran. Seit 1997 Zusammenarbeit mit Martin Praschl, 2004 Gründung von P.good Architekten.
Martin Praschl

1966 geboren. Studium der Architektur an der TU Wien und der Universität Moskau. Mitarbeit im Büro Prof. Dahinden, Partner im Büro Suske bis 2004. Seit 1997 Zusammenarbeit mit Azita Goodarzi. 2004 Gründung von P.good Architekten.


Über den Autor Hartmut Möller

1975 geboren. Architekturstudium in Oldenburg und Praxissemester bei SITE/James Wines in New York. 2002 Mitorganisation der Ausstellung »Die Moderne als Modell« im Horst-Janssen-Museum, Oldenburg. 2003 Redaktionspraktikum bei der db. Diverse Zeitschriften- und Buchpublikationen. Lebt und arbeitet seit 2005 in Hannover.


Nachtrag: Inzwischen haben die Architekten in der Werkbundsiedlung Wien auch das Gebäude von Adolf Loos saniert.