Die wechselvolle Geschichte des Linoleums

Vom Kautschukersatz zum Belagsklassiker

Seit 1863 erfreute sich Linoleum als elastischer und strapazierfähiger Bodenbelag großer Beliebtheit. Berühmte Architekten wie Peter Behrens verhalfen ihm zu kunstvollen Dessins und die Hersteller verfeinerten in rascher Folge die Produktionsmethoden. Doch es gab auch Phasen, in denen der Baustoff kaum noch gefragt war. Heute zählt er wieder zu den Klassikern unter den Fußbodenbelägen — bei einer Modernisierung sollte man daher genau prüfen, ob sich eine Restaurierung von altem Linoleum lohnt.

{Text: Klaus Siegele

Die Erfindung des Linoleums geht auf einen wachen Moment des englischen Chemikers Frederick Walton (1834-1928) zurück, dem aufgefallen war, dass sich in einem Farbtopf eine form- und knetbare Haut aus getrocknetem Leinöl gebildet hatte. Der Grund dafür: Öl oxidiert, wenn es mit Sauerstoff in Berührung kommt. In zahllosen Experimenten versuchte der 21-jährige Walton, diesen Oxidationsprozess künstlich zu beschleunigen und zu vereinfachen. Die feste Leinölhaut (Linoxyn) ist bis heute die wichtigste Grundsubstanz von Linoleum geblieben. Weitere Bestandteile sind Kork-, Holz- und Kalksteinmehl, Harze, Öle und Pigmente.
Seine Erfindung nannte Walton »Indian rubber substitute« [1], das er als Kautschukersatz anbot. Zunächst allerdings war das Interesse der Industrie an diesem Stoff äußerst gering. Erst durchreisende Händler machten Walton darauf aufmerksam, dass sich diese gleichmäßige, zäh-elastische Masse als Bodenbelag eignen würde. Daraufhin ließ Walton die Leinölmasse auf ein Jutegewebe aufwalzen und trocknen – das Linoleum war geboren. Den Namen für den neuartigen Bodenbelag entlehnte Walton dem Lateinischen: »oleum lini« für den Hauptrohstoff Leinöl. Dem Erfinder zu Ehren nannte man übrigens später den unifarbenen Linoleumbelag von Armstrong DLW »Uni Walton«.
Die Vorboten elastischer Beläge: Öltücher und Kamptulikon
Im Jahr 1863 meldete Walton sein Patent auf Linoleum an, schon ein Jahr später gründete er in Staines bei London die erste Linoleumfabrik. Trotz eines damals sehr zeitaufwendigen und kostenintensiven Herstellungsverfahrens war Linoleum fortan ein unaufhaltsamer Erfolg beschieden. Bis dahin beschränkte sich die Auswahl an Bodenbelägen auf Holzdielen, Parkett, Backsteine, Fliesen oder Stampflehm. Zwar wurde der erste elastische Bodenbelag namens »Floorcloth« (Bodenkleider) bereits hundert Jahre zuvor von dem Engländer Nathan Smith entwickelt und patentiert, jedoch war das Gemisch aus Harz, Teer, Bienenwachs, Leinöl und sogenanntem Spanischbraun-Pigment (vergleichbar mit Kreide) in seiner primitiven Qualität und farblichen Eintönigkeit selbst mit den frühen Linoleumböden nicht vergleichbar. Handwerklich hergestellt und auf eine dünne Unterlage aus Stoff gepresst zeugten derartige Wachstücher als Bodenbelag nur von einer bedingten Strapazierfähigkeit und neigten schon nach kurzer Zeit zum Zerkrümeln. Auch das 1844 von dem Engländer Elijah Galloway erfundene Kamptulikon, basierend auf Kautschuk, verkochter Milch des Gummibaumes (Guttapercha), Korkabfällen, Schellack und Leinöl, konnte dem Siegeszug des Linoleums nichts entgegensetzen. Der lederartige, grau-braune Bodenbelag wurde durch das Schwinden der darunter ausgelegten Holzböden leicht rissig. Zudem konnten sich Beläge aus Kamptulikon wegen des relativ hohen Preises nur in Repräsentationsbauten durchsetzen oder wurden nur als Treppenläufer oder Fußableger verwendet. Immerhin aber gab es in den 1860er Jahren in England zehn Fabriken, die Kamptulikon herstellten.
Erfolg in England — Skepsis in Deutschland
Alle diese Vorläufer an elastischen Bodenbelägen konnten letztlich mit dem industriell herstellbaren Linoleum nicht konkurrieren. Seine Eigenschaften waren einfach zu überzeugend: Es war nicht nur leicht zu verlegen und vergleichsweise einfach zu reinigen, sondern dämmte auch vorbildlich den Schall, isolierte vor Kälte und wurde vom Ungeziefer weder befallen noch gar aufgefressen – in den Arbeitervierteln der Großstädte des 19. Jahrhunderts ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Weil die technische Produktion laufend verbessert und bald auch nicht so schnell abtretbare Muster aufgedruckt werden konnten, wurde Linoleum immer beliebter und verdrängte das vorwiegend in Großbritannien verbreitete Kamptulikon. Schon kurz nach Beginn der industriellen Fertigung konnte die Linoleumproduktion dem wachsenden Bedarf kaum nachkommen, 1888 gab es allein in England bereits 20 Linoleumfabriken.
Da es Walton versäumt hatte, den Namen »Linoleum« schützen zu lassen, lief 1877 der Patentschutz aus und es traten neben Walton noch andere Hersteller auf den Plan. Walton verlor eine Klage gegen die Firma »Michael Nairn & Co.« mit der Begründung, dass der Begriff Linoleum durch seine Bekanntheit bereits ein etablierter Begriff für das Material sei und nicht mehr nur für das Unternehmensprodukt stehe. Innerhalb von nur 14 Jahren hatte sich also »Linoleum« in Großbritannien als allseits bekannte Bezeichnung durchgesetzt.
In Deutschland begann der Siegeszug des Linoleums mit einiger Verzögerung. Hierzulande war der Boden traditionell aus Holz – Dielen zumeist – und künstlich hergestellte Beläge wie Kamptulikon waren nahezu unbekannt. Deshalb stand man zunächst auch dem neuartigen Linoleum, anfänglich »Korkteppich« genannt, äußerst skeptisch gegenüber. Erschwerend kam hinzu, dass die deutschen Schutzzölle das ohnehin keineswegs billige Produkt zusätzlich verteuerten. Paradoxerweise aber förderte dies geradezu die deutsche Linoleumproduktion: Um die hohen Zölle zu umgehen, waren die englischen Fabrikanten gezwungen, Linoleum in Deutschland herzustellen. Als Standort eignete sich das nahe bei Bremen gelegene Städtchen Delmenhorst, denn dort war bereits eine Kork und Jute verarbeitende Industrie ansässig.
Zwischen 1882 und 1898 siedelten sich gleich drei Linoleumfabriken in Delmenhorst an: die »Delmenhorster Linoleumfabrik« (ab 1896 »Hansa-Linoleumwerke Delmenhorst«), die »Anker-Linoleumwerke« und die »Schlüssel-Linoleumwerke«. Weitere Fabriken wurden 1882 in Rixdorf (Berlin-Neukölln), 1883 in Köpenik (Berlin), 1893 in Maximiliansau (bei Karlsruhe) und 1897 in Bedburg bei Köln gegründet, 1899 kamen die »Germania-Linoleumwerke« in Bietigheim bei Stuttgart hinzu. Die frühen Gründungen waren übrigens meist rein englische Produktionsgesellschaften, auch wenn die deutschen Firmennamen etwas anderes suggerierten: Die Maschinen, das technische Wissen, selbst die Vorarbeiter kamen aus Großbritannien und ohne englisches Kapital wäre keine der Fabriken in Deutschland lebensfähig gewesen. Lediglich die »Delmenhorster Linoleumfabrik« war als rein deutsches Unternehmen gegründet worden. Delmenhorst aber wurde schnell zum Zentrum der deutschen Linoleumproduktion.
KünstlerLinoleum mit Weltruf
Bis zum Ersten Weltkrieg erfuhr die deutsche Linoleumindustrie einen enormen Aufschwung. Grund dafür war die Erkenntnis, dass man sich gegen die starke englische Konkurrenz auf dem Weltmarkt nur mit Qualitätsware würde durchsetzen können. Erheblich beigetragen zum Erfolg des deutschen Linoleums hatte zudem die weitreichende Entscheidung, das Design der Bodenbeläge weiterzuentwickeln. Hatte man bislang einfarbige, meist rostbraune oder gelblich-braune Linoleumböden gefertigt, so experimentierten die großen Fabriken seit den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts mit neuen Farben und Formen. Bedeutende Architekten, Designer und Künstler verhalfen dem Inlaid-Linoleum zu anspruchsvollen, oft an den Jugendstil angelehnten Dessins. Zu ihnen gehörten unter anderem Josef Hoffmann, Albin Müller, Bruno Paul, Richard Riemerschmid, Henry van de Velde und – allen voran – Peter Behrens. Die von Behrens entworfenen Muster verschafften den Delmenhorster Linoleumfabriken endgültig Weltruf.
In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde die Ästhetik des künstlerisch gestalteten Linoleums zu einem bedeutsamen Bestandteil der zeitgenössischen Architektur. Besonders die »Star-Architekten« der 20er Jahre – wie Bruno Taut, Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius – nutzten Linoleum als innenarchitektonisches Gestaltungsmittel. Den großen Erfolg dokumentieren die zahlreichen öffentlichen Ausstellungen, auf denen Linoleum jetzt als innovativer und dekorativer Bau- und Werkstoff gefeiert wurde: Die 1927 errichtete Weißenhofsiedlung in Stuttgart war fast komplett mit Linoleum ausgestattet, ebenso die Dammerstock-Siedlung in Karlsruhe oder die Meisterhäuser von Walter Gropius in Dessau.
Das vorläufige Ende der Erfolgsgeschichte
Der Erste Weltkrieg brachte eine kurze, aber einschneidende Zäsur in der Verbreitung des Linoleums mit sich, da die Einfuhr der Rohstoffe Jute, Harz und Kork stockte und Leinöl für die Herstellung von Speisen benötigt wurde. Doch bereits zu Beginn der 20er Jahre erreichte die deutsche Linoleumproduktion wieder ihr Vorkriegsvolumen. Während der Weimarer Republik kam es dann zu einer starken Konzentration der Linoleumindustrie in Deutschland: 1926 fusionierten die drei Delmenhorster Linoleumfabriken und die Bietigheimer Fabrik zu den »Deutschen Linoleum-Werken« (DLW) mit Hauptsitz in Berlin (heute Bietigheim-Bissingen).
Unter der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland endete die Tradition des »Künstlerlinoleums« abrupt. Als anspruchsloser Bodenbelag aber war Linoleum vor allem im Objektbau weiterhin beliebt. Doch gerade hierin gründete sein Niedergang nach überstandenem Zweitem Weltkrieg in den 50er Jahren: Am Ende der Wirtschaftswunderjahre war Linoleum als unansehnlicher Bodenbelag für Treppenhäuser und Krankenhausflure verpönt, der Geruch des Muffigen, Verstaubten, Unmodernen hatte sich über den Bodenbelag gelegt. Seit den 60er Jahren rangen außerdem zahlreiche Konkurrenzprodukte um die Gunst der Kunden: moderne Kunststoffbeläge und industriell gefertigte Teppichböden, später dann Fertigparkett, Fliesen und Korkbeläge. Sie alle machten dem Linoleum schwer zu schaffen. Ende der 60er Jahre wurde die Produktion in Deutschland stark gedrosselt und von DLW auf ein einziges Werk in Delmenhorst konzentriert. Weltweit mussten zahlreiche Produzenten die Herstellung sogar ganz einstellen – für Linoleum schien das Ende gekommen.
Die Renaissance des modernen Bodenbelagsklassikers
Erst die Ökologiebewegung mit ihrem gesteigerten Bewusstsein für natürliche und wohngesunde Bau- und Werkstoffe war es, die dem Belag aus nachwachsenden Rohstoffen seit Mitte der 80er Jahre eine Renaissance bescherte. Moderne Dessins und eine frische Farbgebung, dazu eine umweltschonende und zugleich kostengünstige Produktion haben dem Linoleum verloren gegangene Marktanteile zurückerobert. Mittlerweile ist dieser Boden im Wohnzimmer, im Kinder- und Arbeitszimmer wieder präsent, ebenso in Flur und Küche.
Umso genauer sollte man als Planer hinschauen, wenn sich im Zuge einer Gebäudemodernisierung herausstellt, dass unter alten PVC-Belägen oder Laminatböden ein historischer Linoleumbelag hervorlugt. Zu erkennen, aus welcher Zeit er stammt, kann sich als schwieriges Unterfangen herausstellen. Jedoch können sowohl die Farben, Muster als auch das Herstellverfahren und die Belagsdicke Aufschluss darüber geben, in welcher Zeitspanne der Linoleumbelag ungefähr produziert und verlegt worden ist. Manche Farben und Dessins waren nur in bestimmten Jahren en vogue und auch die Herstellverfahren sind leicht bestimmten Epochen zuzuordnen. Zeigen sich die Muster zum Beispiel Ton in Ton oder nur schwach strukturiert und sind sie womöglich so stark abgenutzt, dass sich darunter das unifarbige Rohlinoleum abzeichnet, wurden sie im frühen Druckverfahren aufgebracht. Ab etwa 1890 kannte man bereits das Straight-Line-Inlaid-Verfahren (Einlegetechnik), das erstmals mehrfarbige Dessins erlaubte. In der Belagsdicke durchgefärbte Böden weisen meist auf das Kalanderverfahren hin; das Mosaikverfahren – leicht erkennbar an den rechtwinkligen und bisweilen scharfen Umrisslinien der Belagsmusterung – war besonders zwischen 1890 bis 1904 verbreitet [2]. Ein Vergleich der Musterungen mit den historischen Katalogen der Linoleumhersteller lässt ebenfalls Rückschlüsse auf das Jahr der Herstellung zu. Lässt sich der ›
› Linoleumbelag anheben, kann es sich lohnen, auf der Rückseite des Trägermaterials nach dem Stempel der Hersteller zu suchen, um das Alter des Bodenbelags einzugrenzen.
Sollte sich herausstellen, dass man einen erhaltenswerten Belag vorgefunden hat, steht die Frage einer verträglichen Restaurierungsmethode an. Hier empfiehlt sich der Kontakt zu Herstellern und Sachverständigen, die sich eingehend mit dieser Thematik beschäftigt haben. Schwierig kann es werden, wenn die Oberfläche von Klebern darauf aufbauender Bodenbeläge verunreinigt ist. Hier ist unbedingt abzuklären, welche Lösemittel infrage kommen, um den alten Kleber zu entfernen. Fehlen einzelne Teilbereiche eines Linoleumbelags, sollte man zunächst auf dem Dachboden oder in dunklen Kellerräumen nach gelagerten Überresten suchen, bevor man sich entschließt, einen Hersteller mit einer verhältnismäßig teuren Reproduktion zu beauftragen.
Die letzten noch verbliebenen Hersteller von Linoleum sind heute die aus der Continentalen Linoleum-Union hervorgegangene Forbo-Holding, die 1998 von Armstrong Industries übernommenen Deutschen Linoleum-Werke (DLW) und das französische Unternehmen Tarkett. Weltweit werden jährlich rund 38 Mio. m2 Linoleum verkauft, mit knapp 9 Mio. m2 ist dabei Deutschland der größte Einzelmarkt [5]. •
Vielen Dank für die vielen Informationen und Fotos der DLW Armstrong AG. Eine wichtige Informationsquelle war auch die Diplomarbeit der Schweizerin Silvia Tauss (sitauss@bluewin.ch), die sich intensiv mit der Erhaltung von Linoleumbelägen in situ auseinandergesetzt hat. Sowohl die Hersteller als auch Sachverständige wie Frau Tauss geben Hinweise und Auskunft zu restauratorischen Fragen.
Literatur
[1] Herstellerbroschüre »The floor«, Hrsg. Armstrong DLW AG, Bietigheim-Bissingen
[2] Tauss, Silvia, Diplomarbeit »Problematik der Erhaltung von Linoleumbelägen in situ«, Bern, Oktober 2007. Die sehr gut fundierte Diplomarbeit steht zum Download auf der Homepage der Hochschule der Künste, Bern, www.hkb.bfh.ch –> Studium –> Master –> MA Conservation Restoration –> Diplomarbeiten 2004–2010 –> Diplomarbeiten 2007 –> Silvia Tauss
[3] Einen schnellen Überblick zur Entwicklungsgeschichte des Linoleums bietet auch Wikipedia unter der Eingabe »Linoleum«
[4] Eine Übersicht über alle elastischen Bodenbeläge sowie deren Werterhaltung und Pflege gibt die Dokumentation »Technic- Explorer, Elastische Bodenbeläge« vom Fachverband der elastischen Bodenbelagshersteller e. V. (FEB), Download unter www.feb-ev.com
[5] Geiger, Birgit, Zielgerichtet den Großhandel unterstützen, in: eurodecor, 12–05/01–06, Meiniger Verlag, Neustadt/Weinstraße, 2006

Historische Baustoffe (S. 122)
Klaus Siegele
Schreinerlehre, Architekturstudium in Karlsruhe. Tätigkeit als Redakteur bei verschiedenen Architekturzeitschriften, zuletzt als Chefredakteur des Fachtitels »greenbuilding«. 2004 Mitgründung der Partnerschaftsgesellschaft frei04 publizistik, Stuttgart. Eigenes Architekturbüro in Stettfeld (Baden).