Givaudan Business Center in Kemptthal (CH)

Das Dach als Bauplatz

Wie sich Aufstockungen so gestalten lassen, dass sie mit dem Bestand harmonieren, offenbart der Umbau einer ehemaligen Maggifabrik zum Bürogebäude. Eine Besonderheit: Hinter dem Ziegelkleid des Aufsatzes verbirgt sich eine leichte Holzkonstruktion.

Rund 7 km südlich von Winterthur liegt Kemptthal. Dort wandelt sich das Gelände einer ehemaligen Maggifabrik derzeit zu einem Standort für Forschung und Dienstleistung – nach einem Masterplan des Zürcher Büros Ernst Niklaus Fausch Partner. Eines der denkmalgeschützten Bestandsgebäude, die frühere Suppenabfüllerei aus den 30er Jahren, haben die Architekten nun selbst umgebaut und für den Duft- und Aromenhersteller Givaudan als Business Center hergerichtet.

Eine zweigeschossige Aufstockung schafft Platz für die Chefbüros, eine Cafeteria und für doppelstöckige Wintergärten als informelle Treffpunkte. Präzise setzen die neuen Etagen die vorgefundene Industriearchitektur nach oben fort: Sie übernehmen das Fassadenraster des Bestands mit seinem rhythmischen Wechsel von Flächen aus Glas und aus Backstein bis hin zu den Lisenen, die auf den Wänden die dahinterliegenden Stützpfeiler nachzeichnen. Gleichzeitig gibt sich die Aufstockung aber auch als neu zu erkennen – mit braunen statt gelben Ziegeln, die im stehenden statt im liegenden Format verarbeitet wurden. »Setzfugen«, die über die gesamte Wandhöhe durchlaufen, deuten an, dass dieses Mauerwerk nichts trägt, sondern nur vorgeblendet ist. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine Fassadenkonstruktion aus gedämmten Holzrahmen, auf deren äußerer Beplankung die Steine aufgeklebt sind. Horizontal im 45°-Winkel verdreht, bilden die Ziegel ein Relief, das quasi einem geschosshohen Zahnfries ähnelt und ein lebendiges Licht- und Schattenspiel erzeugt. Die steinbekleidete Holzstruktur legt sich um das eigentliche Haupttragwerk aus Betonpfeilern. Auch wenn die Verfechter »konstruktiver Ehrlichkeit« über diesen Fassadenaufbau vielleicht seufzen mögen, so können sie kaum leugnen, dass er zu einem Erscheinungsbild führt, das hervorragend mit den darunterliegenden Geschossen harmoniert.

Deren weitläufige Etagen dienen jetzt als Clusterbüros für 200 Arbeitsplätze und lassen jeweils mit offenem Grundriss und unbekleideten alten Pilzstützen den Charakter der früheren Fabrikhalle durchscheinen. Weil sich die Wände mit dem allseits bekannten Maggi-Duft vollgesogen hatten, wurde das Mauerwerk teils mehrlagig mit Aktivkohle-Filtern eingepackt, bevor man an den Außenwänden eine Innendämmung anbrachte. Sie verschwindet heute hinter einer Holzbekleidung. Insgesamt rund 60.000 m vertikale Latten aus Weißtanne – grau beschichtet, 32 mm breit und mit 8 mm Schattenfuge – verbessern die Raumakustik und erhalten dabei Unterstützung von großen textilen Kugelleuchten. Für die Fensterbrüstungen wurde eigens ein Element entwickelt, das alle notwendigen technischen Installationen von der Lüftung und Kühlung bis zur Kommunikationstechnik bündelt. Gestalterisch auf die Wandbekleidung abgestimmt, erzeugt es mit dieser eine optisch ruhige Raumhülle für die farbenfrohe Büroeinrichtung des Mieters.

~Christian Schönwetter


Standort: Kemptpark 40, CH-8310 Lindau/Kemptthal
Bauherr: MA Kemptthal Besitz /seit 1.1.20: 1291 Die Schweizer Anlagestiftung, Kemptthal
Mieter: Givaudan, Kemptthal
Generalplaner: Mettler2Invest, St. Gallen
Architektur: Ernst Niklaus Fausch Partner, Zürich
LEED-Planung: Amstein+Walthert, Zürich
Bauingenieur: WLW Bauingenieure, Zürich
HLKS-Planung: Oekoplan, Gossau (CH)
Bauphysik: Zehnder&Kählin, Winterthur
Brandschutz: B-Planing, Pfungen (CH)
Rohbauarbeiten: Anliker, Zürich
Konstruktiver Holz- und Innenausbau: Blumer Lehmann, Gossau (CH), www.lehmann-gruppe.ch
Fassade Aufstockung: Isi & Hegglin, Stäfa (CH)


Weitere Holz(aus)bauten:

Umnutzung einer Schreinerei – Business Center in Baden (CH)

Ebenfalls von Blumer Lehmann errichtet – Halle in Sargans (CH)

Großstädte auf dem Holzweg – Baustoff Holz im urbanen Kontext