Engere Wahl

Waldfriedhof Landsberg am Lech

~Tanja Feil

Kalt, zweckrational und marode wirkte die alte Aussegnungs- und Aufbahrungshalle auf dem Landsberger Waldfriedhof zuletzt. 1963 entstanden, war sie vor allem nach funktionalen und organisatorischen Gesichtspunkten gestaltet worden. Einen würdigen Rahmen, um sich angemessen von Verstorbenen verabschieden und ganz persönlich in Ruhe trauern zu können, bot sie in dieser Form kaum. Zudem wies der Gebäudekomplex, zu dem noch drei benachbarte Wirtschafts- und Verwaltungsbauten und ein freistehender Glockenturm gehören, auch in energetischer Hinsicht Mängel auf.
Vor diesem Hintergrund beauftragte die Stadt Landsberg Kehrbaum Architekten aus München mit der Generalsanierung und Neuordnung der Anlage. Als zentrales Motiv diente dabei die Verknüpfung des Gebäudeinneren mit der umgebenden Natur des Waldfriedhofs; zugleich wurde mittels gezielter Verwendung von Licht eine Atmosphäre der Stille und des Gedenkens in den ehemals abgeschotteten Räumen geschaffen.
Dazu brachen die Architekten den Verbindungsbau zwischen Aussegnungshalle und Verwaltungsgebäude ab und öffneten diesen Bereich mit einer raumhohen Verglasung nach Norden hin; gleichzeitig fassten sie den Komplex auf dieser Seite über seine gesamte Breite mit einem kolonnadenartigen Wandelgang zusammen, dessen Dach von rhythmisch angeordneten Sichtbetonstelen getragen wird. In dem komplett neu gestalteten Mittelbau mit seinem begrünten Flachdach sind der Empfangsbereich und die Aufbahrungshalle untergebracht; mehrere unterschiedlich große Lichthöfe lassen dort Streiflicht von außen bis tief ins Innere fallen, sodass die Räume sich tagsüber ausschließlich natürlich beleuchten lassen. In die Höfe integrierte, japanisch anmutende Kiesgärten sorgen für eine ruhige, kontemplative Stimmung. Die Aufbahrungen sind durch Raumteiler aus Stampfbeton vor Blicken geschützt, Holzbänke mit hohen Lehnen schirmen sie zugleich etwas vom Empfangsbereich ab. Überhaupt legten die Architekten bei der Neuorganisation der Grundrisse besonderen Wert darauf, dass sich die Wege der Trauernden nicht mit den Funktionsabläufen des Aussegnungsbetriebs überschneiden.
In dem einstmals dunklen, auf der Westseite gelegenen Kirchenraum ließ man die südliche Giebelwand teilweise aufbrechen und verglasen; die verbliebene Wandscheibe erhielt innen eine Verkleidung aus gespaltenen Eichenholzriemchen, die zusammen zwei dünne Schlitze in Kreuzform freilassen. Dies schafft nicht nur eine sakrale, würdevolle Stimmung und verleiht dem Raum mehr optische Wärme, sondern verbessert auch die Akustik. Von der Galerieebene befreit, ist die Aussegnungshalle mit ihrem schlichten Tragwerk aus Betonrahmen nun in ihrer vollen Kubatur erlebbar. Vor allem beim Umgang mit diesem Gebäude wird deutlich, wie sich mit gezielten, punktuellen Eingriffen in den Bestand verborgene Raumqualitäten freilegen und neue erzeugen lassen.
Um die Nähe zur Natur auch im Hinblick auf die Materialwahl zu betonen, verwendeten die Architekten im gesamten Umbaubereich mit Stampfbeton und Eichenholz ebenso natürlich wie archaisch anmutende Baustoffe.
Da die Aussegnungs- und Aufbahrungshalle nur temporär genutzt werden, waren dort keine besonderen Anforderungen an den Wärmeschutz zu erfüllen. Die Temperierung erfolgt in diesen Räumen über Heizelemente, die in die Holzbänke integriert wurden. Anders beim Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude auf der Ostseite: Diese Bauten umhüllten die Architekten mit einem Wärmedämmverbundsystem und dämmten sowohl die Kellerdecke von unten als auch die Decke zum unbeheizten Dachraum von oben. Zudem wurde hier eine Fußbodenheizung eingebaut.
Mehr Aufenthaltsqualität als früher bieten nun auch der Vorplatz und der Bereich hinter der Aussegnungshalle in Richtung des Glockenturms. Zur Zonierung dienen hier ebenfalls wieder Stampfbetonwände, in die zum Teil Sitzbänke eingelassen sind. Mit denselben Materialien verbesserten Kehrbaum Architekten auch die bislang wenig zufriedenstellende Zugangssituation zum Waldfriedhof: Ein Eingangsbauwerk mit Betondach und Cortenstahltor fungiert nun nicht nur als bewusst wahrnehmbare Pforte, sondern zugleich als Bushaltestelle. •
Standort: Schweighofanger, 86895 Landsberg am Lech
Bauherr: Stadt Landsberg am Lech
Architektur: Kehrbaumarchitekten AG, München
Bauleitung: Architekturbüro Robert Schmidt, Landsberg am Lech
Tragwerksplaner: Ingenieurbüro Büro Wurm & Henningsen, Kaufering
HLS-Planung: Getech Planungsgesellschaft für Gebäudetechnik, Schwabmünchen

Landsberg am Lech (S. 108)

Kehrbaumarchitekten
Klaus Kehrbaum
1959 geboren. Diplom an der FH München, 1990 Bürogründung in Kaufbeuren. Weitere Bürostandorte in Augsburg, München, Friedrichshafen und Abu Dhabi (VAE). Lehraufträge an der FH Augsburg.
Tanja Feil
s. db 12/2013, S. 129