Fertigteilkirche in Dusslingen

Exemplarisch

St. Paulus in Dusslingen ist Teil einer Serie von Fertigteilkirchen. Nun haben Stahl Denninger Architekten das Gebäude für die kleiner gewordene Gemeinde umgebaut. Eignet sich ihr Konzept als Vorbild für die anderen Gotteshäuser dieser Baureihe?

Text: Petra Bohnenberger

Wer St. Paulus an einem Februartag betritt, erlebt einen besonderen Widerspruch: Trotz der kühlen Temperaturen im Kircheninnern – außerhalb der Gottestdienstzeiten sind es etwa 10 Grad – wirkt der Raum durch die verwendeten Materialien warm und einladend. Auf den ersten Blick fällt der Kontrast zwischen dem längsgerichteten zeltförmigen Raum und seiner runden Inneneinrichtung auf. Lässt man die Eindrücke ein paar Minuten auf sich wirken, ist es gerade diese Kreisanordnung, die den Raum fasst und ihm Struktur gibt.
In den 60er Jahren entstanden in der Diözese Rottenburg-Stuttgart etwa 100 katholische Kirchen. Der plötzlich angestiegene Bedarf – auch durch den Zuzug vieler italienischer Gastarbeiterfamilien – ließ die Gemeinden wachsen. Um diese große Anzahl an Neubauten in möglichst kurzer Zeit und vor allem auch kostengünstig verwirklichen zu können, wurden einige Architekten, darunter Wilhelm Frank aus Herrenberg, damit beauftragt, eine Fertigteilkirche zu entwerfen. Sie sollte sowohl gestalterisch als auch bautechnisch einer konventionell errichteten Kirche nicht nachstehen.
Ein Prototyp
In Dusslingen, einem kleinen Ort bei Tübingen, entstand 1964 der Prototyp der Frank’schen Fertigteilkirche – weitere zwölf wurden im Anschluss daran nach den gleichen Plänen errichtet. Und auch das Bonner Militärbischofsamt übernahm den Entwurf, so gibt es heute insgesamt 26 dieser nahezu identischen Kirchenbauten. Der Grundriss von 25 x 16,3 m wird von acht zeltdachförmigen Stahlbetonbindern überspannt, die Wände mit Stahlbetonfertigteilen geschlossen.
Auffällige Merkmale dieser Kirchen waren das tief gezogene Dach, die gelb gefärbten Sichtbetonplatten an den Giebelseiten, die durch ein Fensterband entlang der Traufe vom Dach abgelöst waren, und ein vorgestelltes Eingangsdach. In lediglich zwölf Bautagen wurden die 144 Einzelteile jeweils zusammengefügt, danach folgte der Innenausbau.
Die Wände erhielten innen ein Sichtmauerwerk aus roten Backsteinen, die Stahlskelettkonstruktion blieb sichtbar und bildete damit einen starken Kontrast zur Holzverschalung des Daches. Dunkle Bänke aus Mahagoniholz gliederten den Raum zusätzlich. Obwohl die Kirche bereits nach dem zweiten Vatikanischen Konzil gebaut worden war, bildeten einige Stufen zum Altar eine Barriere zwischen Priester und Gemeinde. Dies entsprach nun nicht mehr den aktuellen Wünschen der Dusslinger Gläubigen und ihrer Vorstellung einer gemeinsamen Gottesdienstfeier.
Gottesdienst auf Augenhöhe
Auch war der Kirchenraum mit 240 Plätzen mittlerweile zu groß geworden. Die wenigen sonntäglichen Besucher – meist waren es nicht mehr als 40 – wirkten verloren. Um diese Probleme, mit denen viele Gemeinden zu kämpfen haben, zu lösen, teilten Stahl Denninger Architekten den Raum neu auf. Der Altar wanderte von der Rückwand weiter nach vorne und nach unten; über dem Reliquiengrab bildet er jetzt den neuen Mittelpunkt einer kreisförmigen Sitzordnung.
Der Bereich hinter dem Altar ist nur noch eine Stufe erhöht. Sie wurde mit Kirschholz belegt, sodass eine Bank entsteht, die die üblichen Sedilien ersetzt. Der Altartisch steht auf gleicher Ebene mit den Sitzbänken der Gemeindemitglieder. Die Rundung der Kirchenbänke wird von einer Altarwand aus senkrecht stehenden Hölzern fortgeführt und schließt den Kreis um Altar, Ambo, Taufstein und Tabernakel. Gestaltet wurden sie von Herbert Volz, dessen künstlerisches Werk auf den Farben des Kantenspektrums aufbaut: rot, gelb, blau und violett. Bei den farbig gefassten Holzlamellen stehen diese vier Töne als Symbol für das Licht. Sie reflektieren auf die dahinterliegende weiße Wand zarte Farbverläufe und harmonieren mit den Tönen der vorhandenen Buntglasfenster. Ein schlichtes Kreuz aus heimischem Kirschholz vervollständigt das Ensemble.
Die Empore wurde geringfügig erweitert und bildet somit die Decke über den neu entstandenen Räumen im Eingangsbereich: ein kleiner Raum für die Kinderkirche, ein von außen zugängliches WC und ein Marienraum mit der »Apfelmadonna«. Das Abtrennen der drei Bereiche vom Hauptraum trägt ebenfalls dazu bei, dass dieser nun weniger groß und leer wirkt.
Wiederverwendung und Recycling
Da inzwischen fast 50 Jahre seit dem Bau der Kirche vergangen waren, standen auch dringende Modernisierungen an. Die Heizungsanlage war reparaturanfällig geworden und arbeitete sehr kostenintensiv. Die elektrischen Anlagen fielen immer wieder aus und am Dach waren Schäden durch Kondenswasser entstanden. Der Umbau der Kirche begann mit viel Eigenleistung der Gemeindemitglieder. Sie räumten das Gebäude aus, der Holzboden und die Kirchenbänke wurden entfernt, das alte Holz wurde von Schreinerlehrlingen zu Kerzenständern und Wandkreuzen verarbeitet, deren Erlös auf das Spendenkonto für die Renovierung ging. Die Hocker für den Andachtsraum unter der Empore entstanden ebenfalls aus den alten Kirchenbänken.
Auch der Steinboden wurde ausgebaut und verkauft. Genau zu diesem Zeitpunkt schaltete sich das Denkmalamt in die Modernisierungsarbeiten ein, um die Dusslinger Kirche unter Schutz zu stellen. Da die Arbeiten jedoch schon so weit fortgeschritten waren, entschied sich die Denkmalbehörde für einen anderen Bau aus dieser Serie der Fertigteilkirchen.
St. Paulus erhielt eine neue Heizungsanlage mit beheizten Sitzbänken und Bodenauslässen an den Fassaden. Außerdem wurde das Dach zusätzlich gedämmt und die Fenster neu verglast. Vor die bunten Glasfenster im Altarbereich wurde eine isolierende Verglasung gestellt. Durch die veränderten Klimabedingungen im Kircheninneren entstanden jedoch neue Probleme mit Kondenswasser. Deshalb wurde eine zusätzliche automatische Lüftungsanlage eingebaut, die bei niedrigerer Luftfeuchte außen die Lüftungsklappen öffnet und bei höherer wieder schließt.
Insgesamt dauerte die Planung stolze fünf Jahre. Was bei anderen Projekten vielleicht als Nachteil empfunden werden könnte, hatte hier einen günstigen Nebeneffekt: Die Gemeinde war während dieser Zeit intensiv an der Gestaltungsfindung beteiligt und wuchs dadurch wieder stärker zusammen. •
Standort: Katholische Kirche St. Paulus, Hohenzollernstraße 4, 72144 Dusslingen
Bauherr: Katholische Kirchengemeinde St. Markus und Paulus, Dusslingen
Architektur: Stahl Denninger Architekten, Tübingen
Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Tragwerke plus, Reutlingen, www.tragwerkeplus.de
Fachplaner: Ingenieurbüro Andreas Kiefer, Kirchheim unter Teck
Künstlerische Gestaltung: Herbert Volz, Ulm
Baukosten: 600 000 Euro (KG 3-6)
Umbauter Raum: 3 600 m3
BGF: 454 m2
Beteiligte Firmen:
Bodenbelag: Arnold Bantle, Villingendorf, www.bantle-fliesen.de
Kirchengestühl: Gebr. Hauser, Spaichingen, www.gebrueder-hauser.de
Alu-Isolierglas-Fenster: Rath Fensterbau, Mössingen, www.fenster-rath.de
Mineralische Wandfarbe: Speidel MR, Mössingen, www.mr-speidel.de
LED-Leuchten: Walter Elektrotechnik, Kirchheim unter Teck, www.walter-elektrotechnik.de

Dusslingen (S. 90)

37277383727739

Denninger Stahl Architekten
Andreas Stahl
Seit 1992 Freier Architekt, seit 2010 gemeinsames Büro mit Georg Denninger mit Standorten in Tübingen, Berlin und Nehren.
Georg Denninger
Seit 1991 Freier Architekt, seit 2010 gemeinsames Büro mit Andreas Stahl.
Petra Bohnenberger
Studium Architektur und Städtebau an der Universität Stuttgart, 2001 Diplom. 1999-2004 freie Mitarbeit bei der db. 2004 Gründung der Firma stagedress. Seit 2009 freie Mitarbeit bei frei04 Publizistik, seit 2015 bei db-Metamorphose.