Gedenkstätte Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen

Bewahrtes Grauen

25 Jahre nach dem Mauerfall lässt sich ein wichtiger Ort der DDR-Geschichte neu besichtigen: HG Merz Architekten haben die Gedenkstätte umgebaut, die bereits kurz nach der Wende im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen eingerichtet worden war. Eine äußerst behutsam implementierte neue Schicht ergänzt die vorgefundenen Räume.

{Text: Falk Jaeger

Das Problem haben alle Museen an authentischen historischen Schauplätzen: Die Orte sind eigentlich nicht für das Durchschleusen von Massenpublikum geeignet. Sie müssen geschützt werden vor den Begleiterscheinungen des Besucherinteresses, vor Verschleiß, Verschmutzung, Vandalismus und Luftfeuchtigkeit. Die Gedenkstätte Hohenschönhausen macht da keine Ausnahme, im Gegenteil. Der bautechnische Zustand des ehemaligen zentralen Stasi-Gefängnisses der DDR erwies sich als höchst problematisch.
1951 hatte das Ministerium für Staatssicherheit der DDR das Gelände einer ehemaligen Großküche übernommen, in deren Kellern 1946 das zentrale sowjetische Untersuchungsgefängnis für Deutschland eingerichtet worden war. Bis Anfang 1990 betrieb die Staatssicherheit die Anlage als zentrale Untersuchungshaftanstalt. Tausende politisch Verfolgte waren hier inhaftiert, ab dem Bau der Berliner Mauer 1961 mehrheitlich Fluchtwillige und Fluchthelfer. Nach einem kurzen Interim nach der Wende beschloss der Berliner Senat, den Ort, an dem die Realität der politischen Verfolgung in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR mit Händen zu greifen ist, als Gedenkstätte auszubauen.
Sechs Schichten Geschichte
Als sich die Architekten von HG Merz nun daran machten, den authentischen Ort und einen didaktischen Ort des Vermittelns von Zeitgeschichte zusammen zu denken, sahen sie sich zunächst mit fünf Zeitschichten konfrontiert, die in eine sechste, die der Gedenkstätte, münden sollten. Ursprünglich die Heike-Fabriken, 1938 eine Großküche, 1945 das sowjetische Speziallager, ab 1951 das Stasi-Gefängnis und zuletzt die Nachwendezeit hatten jeweils ihre Spuren hinterlassen, die es alle zu respektieren, nicht zu korrigieren galt. Vorgesehen waren ein Rundgang durch alle wichtigen Stationen des Gefängnisses und eine zentrale Ausstellung.
Was die Architekten vorfanden: einen durch randständige Garagen gebildeten Hof mit Eingangstor, als Hauptgebäude in der Mitte den »Altbau« mit den »U-Boot« genannten Kellergefängnissen, östlich angrenzend den dreigeschossigen »Neubau« vom Ende der 50er Jahre mit 200 Zellen und Verhörräumen sowie Verwaltung aus der DDR-Zeit und, als südliche Randbebauung, das zweigeschossige Haftkrankenhaus.
Das Credo der Architekten: »Der authentische Ort bleibt unangetastet […]. Die architektonischen Eingriffe bleiben auf Distanz, ebenso die musealen Präsentationen«. Die Räume, die so viel Leid, Unrecht und Verbrechen gesehen haben, sollten nicht baulich verändert und durch unwürdige Nutzungen banalisiert werden. Deshalb wurden die Funktionsräume Empfang, Kasse, Garderobe, Museumsladen, Café und Toiletten sowie vier Seminarräume in den weniger denkmalwürdigen Garagen untergebracht. Dies sollte geschehen, ohne deren äußere Erscheinung zu verändern.
Der Eingang in das Hauptgebäude durch eine DDR-typische Aluminiumtüre ist authentisch, auch das Treppenhaus. Im Mittelschiff des Gebäudes, einem Bereich mit vielen Veränderungen und geringem Denkmalwert, wurde eine zentrale Ausstellungshalle eingerichtet. Hier haben die Architekten ein Präsentationssystem mit Podesten und Vitrinen eingebaut, das sehr stark auf die Individualität der Exponate eingeht, um sie ins rechte Licht zu rücken und deshalb teilweise etwas pusselig und überanstrengt wirkt.
Auf sicherem Terrain
Die Räume in den »Seitenschiffen« und der Vernehmertrakt über der Ausstellung blieben unverändert und wurden konservatorisch behandelt. Das Authentische nicht anzutasten, nehmen die Architekten wörtlich. Ein Steg für den Rundgang, im selben Hellgrau wie die Ausstellungsvitrinen gehalten, »schwebt« mit knappem Abstand zu den Wänden über dem vorhandenen Boden, sodass die historischen Bodenbeläge vor weiterer Abnutzung geschützt sind. In den Räumen erweitert sich der Steg zu größeren Bodenflächen für die Exponate der Dauerausstellung. Insbesondere im »U-Boot« mit den beklemmenden, fensterlosen Kellerzellen ist man fast froh, sich auf dem Steg auf sicherem Terrain zu bewegen und das Ambiente mit Distanz betrachten zu können. Sicher wird manchen Besuchern durch diese Abstand gebietende Anordnung auch der angebrachte Respekt vermittelt.
Wahrscheinlich bisher einzigartig war die Aufgabe für die Restauratoren, in den Verwaltungsräumen »wohnliche« Tapeten und Möbel dürftigster Comecon-Qualität zu restaurieren. Im Büro des Anstaltsleiters wurden gar Tapetenpartien rekonstruiert sowie eine damals schicke Schrankwand der 60er Jahre nachgebaut.
Die komplette Infrastruktur für ein Museum, das immerhin 400 000 Besucher im Jahr verzeichnet, ist unsichtbar eingebaut worden. Die Lüftung fand in vorhandenen Schächten Platz und erhielt Auslässe im Sockel- und Kellerrampenbereich statt auf dem Dach, Zu- und Abluftkanäle verlaufen unter den schwebenden Stegen, ebenso Medienleitungen.
Noch ist ein weiterer Bauabschnitt der Gedenkstätte einzurichten. Der richtige Weg dazu ist eingeschlagen.
Auch Gedenkstätten und Kulturdenkmale haben der EnEV zu genügen, sofern nicht »die Erfüllung der Anforderungen dieser Verordnung die Substanz oder das Erscheinungsbild beeinträchtigen oder andere Maßnahmen zu einem unverhältnismäßig hohen Aufwand führen«, wie es in der Verordnung heißt. Die vorgeschriebenen Standards gilt es also auch dann zu erreichen, wenn sie sich mit den Wünschen der Denkmalpflege nur mit Mühe vereinbaren lassen. Bei der Gedenkstätte Hohenschönhausen war vor allem der Umbau der Garagen eine bautechnische und bauphysikalische Herausforderung, da diese Anlage ja ursprünglich nicht für dauernden Aufenthalt gebaut worden war und nun Versammlungs- und Aufenthaltsräume aufnehmen sollte. Gleichzeitig ging es jedoch darum, das äußere Erscheinungsbild der Garagen samt Beleuchtungs- und Sperranlagen möglichst unangetastet zu lassen. Es handelt sich um zwei winkelförmige Trakte, einen mit 23 Toren im Süden und einen an der Nordseite mit 13 Toren. Im Lauf der Jahre war an ihnen viel und oft nicht besonders fachmännisch gebaut und verändert worden, zum Teil durch Häftlingsarbeit.
HG Merz Architekten ließen sie entkernen und bautechnisch bzw. statisch ertüchtigen. Die originalen Garagentore wurden aufgearbeitet. Die Betonstützen (bei den Nordgaragen) und die Mauerwerksstützen (Südgaragen) zwischen den Toren wurden an der Innenseite mit einer zweilagigen Wärmedämmung (50 mm + 70 mm) mit zwischenliegender Dampfsperre aufgedoppelt und mit Gipskarton verkleidet. In der Ebene der äußeren Dämmlage sind Wärmeschutzverglasungen montiert, die die gesamten Toröffnungen rahmenlos ausfüllen und auf diese Weise materiell wenig in Erscheinung treten. Gestaltgebend sind daher nach wie vor die historischen Holzgaragentore. Wenn sie geschlossen sind, zeigt die Anlage das Bild von 1989.
Der Garagenboden wurde ausgewechselt. Die neue, 17 cm starke Bodenplatte aus Beton auf einer Dämmschicht ist niveaugleich mit dem Hof eingebaut und damit barrierefrei zu nutzen. Die Bodendämmung und eine vollflächige, 12 cm starke Innendämmung der Wände und Decken aus Mineralwolle der WLG 045 sorgen für die erforderlichen wärmetechnischen Bedingungen in den Seminarräumen und in den Besucher-Serviceräumen.
Die Industrieflächenheizung im Betonfußboden wird im Sommer zur Kühlung mit Kaltwasser betrieben. Frische Luft erhalten die Räume über »Aeromaten«, thermisch getrennte Dosierlüfter, die über den Gitterrosten im Bereich des Sturzes über den Verglasungen unsichtbar eingebaut wurden. Die Abluft kann über neue Dachoberlichter am anderen Ende des Raumes entweichen, sodass eine ausreichende Querlüftung sichergestellt ist.
Z. T. ist der Garagencharakter auch im Inneren erhalten geblieben. Dort stehen Dienstfahrzeuge des Ministeriums für Staatssicherheit, ein Barkas, ein Wartburg, und erklären die ehemalige Funktion dieser Bauteile. •
Standort: Genslerstraße 66, 13055 Berlin
Auftraggeber: Land Berlin, vertreten durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin, www.stadtentwicklung.berlin.de
Architektur/Ausstellung: HG Merz Architekten Museumsgestalter, Berlin, www.hgmerz.com
Tragwerksplanung/Bauphysik/Brandschutz: CRP Bauingenieure, Berlin, www.crp-bauingenieure.de
Haustechnikplanung: Heimann Ingenieure, Berlin, www.heimann.de
BGF: 9 475 m²
BRI: 35 327 m³
Baukosten KG 300/400: 8,6 Mio. Euro
Baukosten Ausstellung: 1,4 Mio. Euro
Beteiligte Firmen:
Innendämmung Garagen: Ytong Multipor Mineraldämmplatten, Xella Deutschland, Duisburg, www.ytong-silka.de
Fassadenelemente Garagen: Janisol, Schüco Jansen, Oberriet, www.jansen.com
Betonboden/Versiegelung: ixDur Monolith/Lotuseal, Chemotechnik, Abstatt, www.chemotechnik.de
Bodenbelag Ausstellung/Steg: PU-Beschichtung, KLB Kötztal Lacke & Beschichtungen, Ichenhausen, www.klb-koetztal.de
Weitere Informationen unter www.db-metamorphose.de

Berlin-Hohenschönhausen (S. 106)
hg merz architekten museumsgestalter
Hans Günter Merz
1969-74 Architekturstudium in Stuttgart, Berufstätigkeit. Seit 1981 eigenes Büro in Stuttgart, seit 1993 in Berlin. 1993-2007 Professur an der Hochschule Pforzheim, seit 2008 an der TU Darmstadt. Seit 2013 Vorsitz des Universitätsrats der Bauhaus-Universität Weimar.
Falk Jaeger
s. db 10/2013, S. 106