Siedlungshaus in Hettingen

Kleiner Eiermann

 Wie sich Wohnraum für wenig Geld schaffen lässt, zeigte Eiermann in seinen frühen Jahren. Eines seiner Siedlungshäuschen ist nun feinfühlig saniert worden. Die Armut der einstigen Bewohner führte dazu, dass es bis heute fast unverändert erscheint.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Jahren 1947 und 1948 war nicht die Zeit für große architektonische Sprünge. Aber die Wohnungsnot war groß und mit ihr die Notwendigkeit, schnell und kostengünstig Wohnraum für die vielen Flüchtlinge zu schaffen. Das klingt bekannt? Das Projekt, das damals von Pfarrer Magnani im 1300-Seelen-Dorf Hettingen in Zusammenarbeit mit Egon Eiermann initiiert wurde, könnte als Vorbild stehen für heutige Anforderungen. Etwa 600 Neubürger sollten in der Sozialsiedlung »Neue Heimat« – sie hat nichts mit dem gleichnamigen, später berüchtigten Bauunternehmen zu tun – Wohnraum finden. Die geplanten Einfamilienhäuser sollten günstig sein, die zukünftigen Bewohner senkten mit Arbeitsleistung die Baukosten.
In Zeiten größter Materialknappheit schuf Eiermann eine angemessen schlichte, aber qualitätsvolle Wohnarchitektur. Die unterkellerten Gebäude wurden aus luftgetrockneten Lehmsteinen gemauert und von außen mit Backsteinen verkleidet. Die Grundrisse waren einfach gehalten, aber schon mit Bad und WC ausgestattet, sehr zum Unmut der übrigen Bevölkerung, die noch mit Plumpsklo vorlieb nehmen musste. Im EG fand sich Platz für die funktionale Küche, eine Essecke und das Wohnzimmer. Ein zentraler Kamin an der Schnittstelle der drei Räume beheizte über ein Lüftungssystem auch die Zimmer im OG. Eiermann entwarf auch die Einbaumöbel.
Eines dieser Siedlungshäuser wurde nun zu einer Eiermann-Magnani-Dokumentationsstätte. Dort soll das Zusammenspiel des sozialen Engagements von Pfarrer Magnani und der Reihenhausarchitektur von Egon Eiermann dokumentiert werden. Verantwortlich hierfür ist auch die Wüstenrot Stiftung, die das Projekt 2012 in ihr Denkmalprogramm aufgenommen hat und seitdem als Projektträger und Bauherr auftritt.
Die ärmlichen Verhältnisse der Bewohner haben nun zu einem glücklichen Umstand geführt: Das Häuschen ist kaum verändert worden. Fenster, Türen, Einbaumöbel, Wasch- und Spülbecken waren zwar ausgebaut, aber in einem Schuppen eingelagert worden. Im Keller fanden sich zudem zwei der von Eiermann entworfenen Möbelstücke. Ziel der Architektin Alexandra Wolfram war bei der Restaurierung v. a. der Erhalt der historischen Oberflächen. Die Wände und Decken im EG wurden behutsam mit einer reversiblen weißen Schlämme überstrichen, Türen und Einbauten repariert und aufgearbeitet, eine leichte Trennwand aus den 50er Jahren zugunsten des ursprünglichen Raumgefüges wieder entfernt. Im OG blieben die starken Nutzungsspuren der Bewohner erhalten, lediglich eine Reinigung und Sicherung der Befunde an Wänden, Decken und Böden erfolgte. Die charakteristische Außenfassade mit den Klinkern im sogenannten »Prüßverband« wurde lediglich repariert, beschädigte Dachziegel konnten mit bauzeitlichem Material ergänzt werden.
Mit der behutsamen Sanierung ist es gelungen, dass ein Haus sich selbst ausstellt. Neben der Dokumentation kann der Besucher den Raum erfahren und sich ein Bild vom Leben vor 70 Jahren machen.
~Petra Bohnenberger