Neue Kaufhausfassaden in Pforzheim und Erlangen

Zwei Eiermänner weniger

Horten-Fassaden und ihre Eiermann-Kacheln wurden zum Sinnbild großstädtischer Warenhausarchitektur. Inzwischen befinden sich die Bauten im Besitz von Kaufhof und ihre Fassaden werden immer öfter ersetzt. Die beiden jüngsten Abgänge machten würdigen Nachfolgern Platz.

Mit Mitteln der Architektur stemmt sich der Metro-Konzern gegen das Kaufhaussterben, das seit einigen Jahren deutsche Innenstädte erfasst hat. Er investiert kräftig in die Umgestaltung seiner Galeria-Kaufhof-Filialen und versucht damit, sich gegen die Konkurrenz durch neue Shopping-Center zu behaupten. Dabei verabschiedet er sich von der Strategie, mit einheitlichen Fassaden, die bei jeder Filiale gleich aussehen, Markenbildung zu betreiben, wie es in der Nachkriegszeit mit den berühmten Horten-Fassaden von Egon Eiermann geschah. Stattdessen engagiert Galeria Kaufhof in jeder Stadt andere Architekten, um dem Haus jeweils ein individuelles Gesicht zu geben.

So geschehen in Erlangen und Pforzheim. In beiden Fällen mussten für das Facelifting die charakteristischen Eiermann-Fassaden weichen – sowohl weil sie von den meisten Kunden als unattraktiv empfunden werden, als auch weil sie nach rund 50 Jahren Standzeit starke Bauschäden aufwiesen. Als Architekt mag man diesen Verlust zunächst bedauern, Eiermann selbst würde seinen beiden Fassaden jedoch sicher nicht nachtrauern, schrieb er doch 1951 im Zusammenhang mit seinem Kaufhaus Merkur in Heilbronn: »Ich finde Warenhäuser schlechthin fürchterlich und den Aufenthalt in ihnen zum Grausen, aber (…) sie gehören in unsere Zeit«. Und 1952 bemerkte er: »Ich glaube nicht, dass Warenhäuser den Anspruch stellen können, sozusagen Ewigkeitswerte zu haben«. [1]

Die neue Fassade der Galeria Kaufhof in Erlangen stammt nun ausgerechnet vom Sohn desjenigen Eiermann-Mitarbeiters, der das Gebäude in den 60er Jahren als Merkur- bzw. Horten-Filiale geplant hatte. Matthias Loebermann und sein Nürnberger Büro a.ml und partner haben unlängst die 18 kg schweren keramischen Eiermann-Kacheln abgenommen, weil die dahinterliegende Hängekonstruktion komplett korrodiert war. Die neue Hülle spielt wieder mit den Themen der räumlichen Tiefe und der visuellen Halb-Durchlässigkeit, allerdings stärker differenziert als zuvor. Je nach Blickwinkel erzeugt sie jeweils ein anderes Bild: Betrachtet man sie in der Schrägansicht, dominieren die außenliegenden vertikalen Lisenen; schaut man hingegen frontal auf die Fassade, so werden auch die weiter hinten liegenden horizontalen Profile sichtbar und es entsteht im Zusammenspiel eine gewebeähnliche Struktur. Im Unterschied zur homogenen Eiermann-Fassade, die die Obergeschosse ohne weitere Gliederung bedeckt hatte, zeichnet Loebermann die einzelnen Stockwerke nach. Beim Deutschen Fassadenpreis 2015 wurde die Umgestaltung mit dem 1. Preis in der Kategorie Industrie- und Gewerbebauten ausgezeichnet.

Für die Galeria Kaufhof in Pforzheim entwickelte das Londoner Büro ACME eine Neuinterpretation der Eiermann’schen Fassade. Unterstützt von Kühnl + Schmidt in der Ausführungsplanung, ersetzte es die keramischen Elemente durch 2000 lasergeschnittene Paneele aus Aluminium. Statt der Wiederholung des immer gleichen Elements wird auch hier eine Differenzierung eingeführt: Zwar ist jedes quadratische Paneel so geschlitzt, dass sich daraus zwei Dreiecke herausfalten lassen, doch diese werden mal mehr, mal weniger weit herausgeklappt, so dass sich auf der Fassade ein lebendiges Muster bildet. Gleichzeitig lässt sich die neue Hülle mit ihrem silbern-metallischen Schimmer als Referenz an den Genius Loci auffassen: Pforzheim ist für seine Schmuckindustrie bekannt. Die Fassade liefert ein schönes Beispiel dafür, wie man Baugeschichte subtil und beziehungsreich fortschreiben kann.

~Christian Schönwetter

[1] Institut für Baugeschichte der Universität Karlsruhe (Hg), Egon Eiermann – Briefe des Architekten, Stuttgart, 1997, S. 51, 52