Eiermanns IBM-Bauten in Stuttgart gefährdet

Rostlaube im Garten

Seit 2009 steht die ehemalige Deutschlandzentrale des Großkonzerns IBM leer. Ende der 60er Jahre hatte Egon Eiermann sie als eine Ansammlung von fünf feingliedrigen Pavillons auf ein üppig begrüntes Grundstück komponiert, heute rosten die Bauten vor sich hin.

{Text: Christian Schönwetter

Wer dieser Tage die IBM-Zentrale in Stuttgart-Vaihingen besucht, wird sich an eine Geisterstadt erinnert fühlen. Rundum von einem breiten Streifen mit dichtem altem Baumbestand umgeben, wirkt das Ensemble leer stehender Bauten wie eine verlassene Siedlung mitten auf einer Waldlichtung. Obwohl das Gelände unüberhörbar an ein Autobahnkreuz grenzt, liegt es doch erstaunlich abgeschieden.
Der Stuttgarter IBM-Campus ist eines der größten Projekte Egon Eiermanns. Die gewaltige Baumasse verteilt sich auf vier Büropavillons gleicher Fläche, aber unterschiedlicher Höhe, ergänzt um einen Baukörper für die Kantine. Zusammen bilden sie eine fein austarierte Komposition, die repräsentativ, aber nicht auftrumpfend wirkt. Noch immer springt die Eleganz der Bauten ins Auge: Umlaufende Balkone verleihen ihnen die Eiermann-typische Leichtigkeit, die Bauausführung ist von beeindruckender Präzision, das zugrunde liegende Konstruktionsraster bis ins kleinste Detail durchgeplant. So findet man etwa in den Foyers keine einzige angeschnittene Bodenfliese, weder am Treppenauge noch am Fußpunkt der frei stehenden Stützen noch an den Wandvorlagen des eingestellten Aufzugsschachts. Zwei Jahre nach Fertigstellung brachten die Bauten ihrem Architekten den Hugo-Häring-Preis des BDA ein, längst genießen sie Denkmalschutz.
Inzwischen jedoch geben sie ein trauriges Bild ab und zeigen nach Jahren des Leerstands Zeichen des Zerfalls (vrgl. db 4/2008, S. 56-60). Im Herbst 2009 hat IBM das Ensemble aufgegeben, um die Deutschlandzentrale von Stuttgart ins 14 km entfernte Ehningen zu verlegen. Was für ein Tausch: provinzieller Standort statt Landeshauptstadt, Blick ins Gewerbegebiet statt Blick ins Grüne, belanglose Allerweltsarchitektur statt denkmalgeschütztem Meisterwerk. Von einem global tätigen Konzern hätte man eine solche Entscheidung kaum erwartet. Vor allem nicht, weil er einmal ganz anders agiert hat: IBM und baukulturelles Engagement, das war einst eine glückliche Verbindung. Bei seiner weltweiten Expansion in den 60er und 70er Jahren setzte das Unternehmen auf die renommiertesten Architekten der damaligen Zeit. Eero Saarinen etwa errichtete 1961 eine Zentrale in New York, Norman Foster 1971 eine in Portsmouth und Ricardo Legorreta vier Jahre später in Mexico-City. Auch in Deutschland ließ man sich nicht lumpen und bestellte herausragende Verwaltungsbauten unter anderem bei Rolf Gutbrod, Dieter Oesterlen und eben Egon Eiermann. Das Firmenkürzel »IBM« hätte damals mit Fug und Recht für »Internationale Baukunst-Mäzene« stehen können.
Davon ist heute wenig geblieben. Bereits zum dritten Mal berichtet Metamorphose über das traurige Schicksal ehemaliger IBM-Bauten. Gutbrods Büroturm in Berlin ist verkauft und vom Nachbesitzer entstellend saniert (siehe Ausgabe 03/2007), Oesterlens Flachbau in Hannover vom Käufer abgerissen (Ausgabe 04/2008) und Eiermanns Pavillons in Stuttgart beginnen zu rosten.
Denn der neue Eigentümer CBRE Investors ließ lediglich ein paar bautechnische Analysen erstellen, kümmerte sich aber nicht ernsthaft um die Instandsetzung der Gebäude. Im Sommer 2011 hat er Insolvenz angemeldet. Seitdem stehen die Bauten unter der Obhut der Frankfurter Insolvenzverwalter Claudia Jansen und Stefan Schlegel, die intensiv nach einem Käufer suchen – keine leichte Aufgabe, gilt es doch 40 000 m2 an den Mann zu bringen. Bislang kommen die Gläubigerbanken noch für den notdürftigen Unterhalt auf, bezahlen etwa einen Wachdienst und lassen die Grünflächen pflegen, um das Ensemble attraktiv für den oder die potenziellen Käufer zu halten. Während sich die Schäden an den Büropavillons dadurch noch in Grenzen halten, gibt die Kantine aber bereits ein desolates Bild ab. Großflächig blättert außen der schützende Anstrich von den Betonflächen, hartnäckig zerfrisst der Rost die Geländer der umlaufenden Balkone, zerfetzt hängen die ausgeblichenen, roten Sonnenschutzsegel in ihrer Halterung. Eile ist geboten, um den Bau zu retten. Ewig werden die Geldhäuser ihr Engagement nicht aufrechterhalten, denn sie finanzieren bereits seit eineinhalb Jahren den Unterhalt einer leer stehenden Immobilie. Wenn sie keinen Käufer finden und sich zurückziehen, werden die Büropavillons bald ebenso herunterkommen wie die Kantine, sodass das Gesamtensemble dem Verfall preisgegeben ist. Und dies letztlich vor allem, weil der ursprüngliche Eigentümer die Qualität seiner Büroarchitektur nicht zu schätzen weiß und seit Jahren konsequent seine besten Bauten abstößt – inzwischen steht »IBM« offenbar für »Ignorante Baukultur-Muffel«. •