Von Falz zu Falz – das Zinkdach und seine Geschichte

Mit Patina bedacht

Bei der Dachsanierung ist es nicht unwahrscheinlich, dass man als Architekt auf alte Eindeckungen aus Zinkblech trifft. Ab dem 19. Jahrhundert wurde das Zinkdach in handwerklich kunstvoller Falztechnik aufgebracht und krönt bis heute zahlreiche historisch bedeutsame Bauwerke.

Neben dem traditionellen Ziegel kannte man bereits in der Antike auch die Metalle Bronze, Kupfer und Blei, um sich damit ein dichtes Dach über dem Kopf zu bauen. Das Zinkdach hingegen trat erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf den Plan, nachdem es den Engländern um 1670 gelungen war, aus Bleiplatten größere, dünne Blechteile zu formen. Durch das neue Walzverfahren erlangten zunächst einmal nur Blei und Kupfer eine bedeutendere Rolle als Bedachungsmaterial [1]. Das erste Zinkwalzwerk entstand dann erst 1812 in Belgien. Bis dahin kannte man Zink lediglich als Legierungsbestandteil von Messing. Während die Inder bereits im 13. und die Chinesen im 17. Jahrhundert damit begonnen hatten, Zink durch Verhüttung herzustellen, nahm in Europa die erste Zinkhütte erst 1743 in Bristol ihren Betrieb auf.

Schmückendes Ornament und Dachmaterial

Den Einzug ins Bauwesen fand das metallische Zink über den Umweg der kunstvollen Ornamentspenglerei – frühe Zeugnisse dafür finden sich beispielsweise an den Bauten Karl Friedrich Schinkels (1781 – 1841) [2]. Eines der ersten Gebäude mit einem Zinkdach aus gewalzten Platten ist die Kirche St. Barthélemy in Lüttich (Abb. 1, ausgeführt 1811). Für das handwerkliche Verlegen der gewalzten Zinkbleche griff man auf die Erfahrungen mit Metalleindeckungen aus Blei, Kupfer und Eisenblechen zurück, bei denen die einzelnen Blechscharen in Stehfalztechnik, über Rollenfalz (Blei) oder aber durch Löten mehr oder weniger fest miteinander verbunden wurden. Das führte alsbald zu ersten Schäden, weil Zink etwas andere Materialeigenschaften als Kupfer oder Blei aufweist [3].

Auf Biegen und Brechen

Die damals in Schmelzöfen hergestellten Zinkbleche (Abb. 2) waren mit den hervorragenden Eigenschaften des heutigen Titanzinks, das über das Elektrolyseverfahren hergestellt wird, nicht vergleichbar. So erreichten zum Beispiel die frühen Zinkbleche aus Galmei und später Zinkblende noch nicht die heute mögliche Reinheit von 99,99 Prozent, was eine gewisse Sprödigkeit des Materials mit sich brachte. Parallel zur Walzrichtung ließen sich die Zinkbleche daher weniger gut biegen als in Querrichtung. Für eine Verbindung mit stehenden Falzen muss das Blech aber in genau dieser kritischen Richtung um 180 Grad umgebogen werden, was häufig Risse oder gar Brüche an den Stehfalzen nach sich zog. Probleme bereitete auch die thermisch bedingte Längenausdehnung von Zink, das sich bei einer Temperaturänderung von 100 Kelvin um drei Millimeter pro Meter verkürzt oder ausdehnt. Das starre Löten der Bleche musste somit zwangsweise nach einiger Zeit zum Versagen der Dachhaut führen. Seine maximale Dehnbarkeit erreicht Zink bei 155 °C, weshalb die Blechscharen sowohl eine Überhitzung bei den Lötarbeiten als auch das Biegen bei niedrigen Temperaturen unterhalb von 15 °C nicht verkrafteten und brachen.

Fügen durch Falzen und Rollen

Ungeachtet der Probleme bei der Verarbeitung war das Zinkdach im ausgehenden 19. Jahrhundert sehr beliebt und verbreitet – in Paris waren zu jener Zeit über 90 Prozent der Dächer mit Zink gedeckt. Der Boom bei den Metalldächern mit ihrer farbtypischen Patina befeuerte auch den Erfindungsgeist bei den handwerklichen Verlegetechniken mittels Falzen und Löten, die sich regional ganz unterschiedlich entwickelten.

Grundsätzlich unterscheidet man bei den stehend gefalzten Zinkdächern zwischen dem einfachen und dem doppelten Stehfalz (Abb. 3 und 4). In beiden Fällen muss das Zinkblech für das Herstellen des zwei bis drei Zentimeter hohen Stehfalzes um 180 Grad gebogen werden; die Querverbindung erfolgt entweder über einen Querfalz oder bei kleineren Bedachungen durch gelötete Quernähte. Eine andere Form für das frühe Zinkdach ist die Verbindungstechnik über Rollen. Eines der ersten Beispiele hierfür ist die sogenannte Lütticher Bedachungsart (Abb. 5). Bei dieser Verlegetechnik bog man die Platten an den Seiten röhrenförmig in jeweils entgegengesetzter Richtung um. Diese Enden wurden dann, vergleichbar der Bleitechnik mit Rollen, miteinander verbunden. In Längsrichtung wurden die Bleche durch rückseitig angelötete Zinkstreifen gehalten. Die Querverbindung der Bleche erfolgte durch einfache Überlappung. Eine Abwandlung ist die Verbindung mit doppelten Rollen, bei der man die Längsseiten der Bleche in entgegengesetzter Richtung aufrollte. So entstanden am Stoß zwei parallele Rollen, die nun mit einem weiteren Element, einem ebenfalls gerollten Zinkblech, abgedeckt wurden (Abb. 7).

Anders als die Verbindungen durch Falzen und Löten entsprach die Rollentechnik – ohne scharfe Kanten – besser den Materialeigenschaften von Zink. Die Methode wurde in Belgien und Frankreich dennoch nur etwa bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts angewendet, während sie im deutschsprachigen Raum auch noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts anzutreffen war.

Handwerkstechniken und industrielle Systeme

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts bildete sich eine Reihe weiterer Techniken und Systeme heraus, welche die Eigenschaften des Metalls Zink besser berücksichtigten und somit das Risiko von Schäden reduzierten. Grundsätzlich lassen sich dabei handwerkliche Techniken und industrielle Systeme unterscheiden.

Handwerkliche Bedachungsmethoden

  • Dazu zählt die Blechverbindung mit einem Wulstenfalz (Abb.8,9), die jedoch nur in deutschen Quellen des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts beschrieben ist und offenbar kaum verbreitet war.
  • Weniger verbreitet ist das Zinkdach nach der sogenannten Bürde’schen Methode, deren ursprüngliche, patentierte Variante sehr aufwendig und teuer war. Auch eine davon abgeleitete, vereinfachte Methode mit vorgefertigten Tafeln hielt sich nur über einen kurzen Zeitraum zu Beginn des 19. Jahrhunderts (Abb. 10).
  • Sehr bekannt sind hingegen die verschiedenen Formen der Leistendeckung, die zum Teil noch heute angewendet werden. Neben der französischen (Abb. 11), deutschen (Abb. 12) und belgischen Verlegeart (Abb. 13) hatte sich auch die patentierte Methode des Straßburger Klempnermeisters Karl Frick durchgesetzt (Frick’sche Methode), die ebenfalls in Form und Falztechnik sehr gut den Materialeigenschaften von Zink entsprach (Abb. 14).
  • In Deutschland kaum bekannt und vertreten ist das englische Leistensystem (Abb. 15), bei dem das für Leistendeckungen typische Deckblech fehlt.
  • Eine spezielle Lösung ist die handwerklich sehr aufwendige Rinnendeckung, ideal geeignet für sehr flach geneigte, begehbare Flächen wie Terrassen und Balkone (Abb. 16). Für diese Verlegetechnik war zwar so gut wie kein Gefälle nötig, allerdings um den Preis einer komplizierten Unterkonstruktion.

Industrielle Bedachungsmethoden

  • Um das Problem der Metallkorrosion aufgrund feuchter und schlecht hinterlüfteter Holzschalungen in den Griff zu bekommen, setzten sich ab den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts Wellbleche aus Zink durch, bei denen keine tragende Schalung aufgrund der statisch tragenden Blechform mehr notwendig war.
  • In den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts finden sich erstmals Hinweise auf das System Baillot (Abb. 17), das vergleichbar den heutigen Trapezblechen, aus circa ein Quadratmeter großen, vorprofilierten Tafeln bestand und auf Holzschalung verlegt wurde.
Wie rekonstruiert man ein altes Zinkdach in originaler Falzung?

Heutige Zinkbleche bestehen nicht mehr aus dem im Ofen hergestellten Zink, sondern aus der Legierung Titanzink. Dessen Materialeigenschaften erlauben eine deutlich einfachere Verarbeitung. Die Anwendung alter Techniken ist damit in den meisten Fällen problemlos möglich. Bei der Rinnendeckung ist aber zu beachten, dass die Unterkonstruktion sehr aufwendig und damit teuer ist. Abzuraten ist von der Rekonstruktion der Rollenverbindung, da hier bei starkem Wind Wasser eingedrückt werden kann. Vorteilhafter wäre es, historische Rollenverbindungen durch eine andere Technik des 19. Jahrhunderts zu ersetzen, beispielsweise durch eine Leistendeckung.

Autor: Klaus Siegele


Literatur und Quellen
[1] Schunck, Eberhardt et al.: Dach-Atlas, 4. Auflage, Birkhäuser Verlag, Basel 2002
[2] Rheinzink – Anwendung in der Architektur, Rheinzink GmbH (Hrsg.), 3. Auflage, Datteln 2011
[3] König, Knut: Zink-Zeitreise – Techniken der Zinkbedachung im 19. Jahrhundert, Baumetall Heft 8/2009

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