Definition. Arten. Sanierung. Beschaffung

Historische Dachziegel

Noch immer finden sich in deutschen Dachlandschaften relativ viele Dachdeckungen mit historischen Tonziegeln. Damit ergibt sich insbesondere für die Denkmalpflege das Problem der Substanzerhaltung, wenn es um die Behebung von Schäden durch Beanspruchung und Witterungseinflüsse geht und um den teilweisen oder völligen Austausch der Ziegel nach Ablauf ihrer natürlichen Lebenszeit. Zudem erhöhen Sturm- und Hagelschäden den Bedarf an historischen Dachziegeln. Dabei geht es immer auch um die Frage nach den geeigneten Ersatzziegeln und deren Beschaffung.

Text: Willi Bender; Fotos: Siegfried Müller

Definition und Bestand
Für den Begriff »Historische Dachziegel« gibt es keine allgemein anerkannte Definition, eine gängige im engeren Sinne ist: »Handstrichbiber und nicht mehr hergestellte Dachziegelmodelle frühindustrieller Fertigung bis 1900«. In weitestem Sinn kann aber jedes Modell, das nicht mehr hergestellt wird, als historisch bezeichnet werden, denn wenn es gestern letztmalig gefertigt wurde, dann betrifft dies heute schon vergangenes Geschehen, ist Geschichte, also historisch.
Der Bestand an historischen Dachdeckungen ist nach Ziegelart und Erhaltungszustand nicht generell erfasst und inventarisiert. Ihr Anteil wird auf etwa 4-6 % des Gesamtbestands an Ziegeldächern geschätzt, wenn man ihn auf die historischen Dachziegel im engeren Sinne bezieht, und auf 50-60 % wenn man die im weitesten Sinne mit einbezieht. Dabei spielt auch die erreichbare Lebensdauer der Tondachziegel eine Rolle. Untersuchungen über die Alterung verschiedener Baustoffe ergaben für Tondachziegel eine wirtschaftliche Lebensdauer von 80 Jahren. Man weiß aber von Dachziegeln, die 100 bis 250 Jahre schadensfrei der Witterung widerstanden, während die ältesten Flachziegel auf dem Salemer Münster etwa 700 Jahre alt wurden.
Arten und Formen
Wenn man von historischen Dachziegeln spricht, so geht es zunächst einmal um die vier klassischen Modelle: Mönch- Nonne-Ziegel, Krempziegel, Hohlpfanne und Biberschwanzziegel. Die ersten drei Modelle lassen sich entwicklungsgeschichtlich auf den römischen Leistenziegel zurückführen [Abb. 2], während der Biberschwanzziegel die Holzschindel als Vorfahre hat. Alle vier klassischen Dachziegelmodelle werden heute noch, wenn auch teils modifiziert, in ihrer ursprünglichen Form serienmäßig hergestellt.
Als eine völlig neue Dachziegelart kam 1841 der Falzziegel hinzu. Es war der Rautenfalzziegel, auch Herzziegel genannt, der zum Prototyp und Ausgangspunkt aller weiteren Falzziegelmodelle wurde, viele heute auch schon wieder Klassiker [Abb. 3].
Etwa ab 1890 begann man alle alten Dachziegelmodelle unter Wahrung des äußeren Erscheinungsbilds zu verfalzen [Abb. 4]. In der Folge entstand eine große Zahl von Dachziegelmodellen, die sich oft nur geringfügig unterschieden und deren einziger Zweck es war, bestehende Patente zu umgehen. Viele der Pressdachziegelmodelle wurden nicht von den Ziegelwerken selbst, sondern den Pressenherstellern entwickelt, die auch die Mutter- und Pressformen lieferten. Man schätzt, dass in den letzen 150 Jahren über 5 000 verschiedene Dachziegelmodelle entwickelt wurden, von denen sich natürlich nicht alle in nennenswertem Umfang eingeführt haben.
Mönch- und Nonne-Ziegel: Die Hohlziegeldeckung, das heutige Mönch-Nonnendach, die im Mittelmeerraum seit der Antike bekannt war, ist vermutlich von Mönchen im Zusammenhang mit dem Klosterbau von Italien importiert worden. Vom ersten Hohlziegeldach bis zur heutigen modernen Mönch-Nonne-Deckung waren die beiden konkav und konvex verlegten Hohlziegel mancherlei konstruktiven Änderungen unterworfen, wobei der optische Gesamteindruck des Dachbilds im Wesentlichen unverändert blieb. Zur Vereinfachung des Mönch-Nonnendachs, aber unter Wahrung des äußeren Erscheinungsbilds, entwickelte man den verfalzten Kombinierten Mönch-Nonne-Ziegel, der keinen Mörtelverstrich mehr erforderte, wesentlich leichter war und schnell und einfach verlegt werden konnte. Einer der Ersten war Ludowici, der um 1890 unter dem Namen Altdeutscher Ziegel einen solchen Dachziegel konstruierte. Unter dem Sammelbegriff Klosterziegel werden sie heute in verschiedenen Varianten hergestellt.
Krempziegel: Bei den historischen Krempziegeln unterscheidet man zwischen drei Varianten:
  • a) die ungestufte mit konisch oder tütenförmig durchlaufender Krempe [Abb. 3].
  • b) die gestufte mit eingeschnürter Krempe und
  • c) die mit schwalbenschwanzförmig ausgeschnittener Fußkante. Im Gegensatz zu allen anderen Pfannenziegeln, ist beim Krempziegel die Krempe linksseitig angebracht. Eine Ausnahme gibt es im Westmünsterland, wo die Krempe rechtsseitig angeordnet ist. Durch den tütenförmigen Verlauf der Krempe ist eine variable Überdeckung der Ziegel möglich. Dies hat den Vorteil, dass bei Sanierungen die noch gut erhaltenen alten Ziegel und Dachlatten gut mit einbezogen werden können. Krempziegel werden heute als Linkskremper mit durchlaufender konischer Krempe als Pressdachziegel hergestellt. ›
Biberschwanzziegel: Im 16. Jahrhundert begann sich der Schwerpunkt der Ziegeldeckung in Süd- und Mitteldeutschland von der Mönch-Nonne zum einfacheren und leichteren Flachziegel zu verlagern [Abb. 5]. Die Abmessungen der historischen Biber sind je nach Zeitepoche und Region sehr unterschiedlich. Die Faustregel für die Altersbestimmung: »Je größer und länger umso älter« gilt nur tendenziell und trifft nicht überall zu. Vom 12. bis zum 19. Jahrhundert sind folgende Größen festzustellen: L: 53-29, B: 25-16, D: 1,5-2,5 cm. Verfalzte Biber sind der Strangfalzziegel und als Pressdachziegel der Falzbiber, Prototyp der modernen Glattziegel [Abb. 4].
Hohlpfanne: Es waren die Holländer die Ende des 15. Jahrhunderts die beiden Halbschalen der Klosterdeckung zu einer Einheit zusammensetzten mit dem Mönch als Krempe und der Nonne als Pfanne und so die in Norddeutschland sehr verbreitete Hohlpfanne schufen. Je nach Größe der Kappung der rechten oberen und linken unteren Ecke wird zwischen Kurzschnitt- und Langschnittpfannen unterschieden.
Falzziegel: Der auf der Basis des Herzziegels entwickelte und 1881 patentierte Muldenfalzziegel Z1, mit neuer Kopf- und Seitenverfalzung und besser konzipierter Oberfläche, brachte den endgültigen Durchbruch des Falzziegels. Der Z1 wiederum war Basis für den Reformziegel, der mit einfachem Seitenfalz als Volkspfanne und mit Doppelfalz als Rheinlandpfanne oder Standardziegel bezeichnet wird.
Villenziegel: Eine besondere, heute als Schmuckziegel bezeichnete Form, ist unter dem Sammelbegriff Villenziegel bekannt, da sie vorzugsweise für Villen und repräsentative Bauten verwendet wurde. Die meist gerundeten oder abgeschrägten Fußenden und die profilierten Oberflächen, teils mit aufgepressten Zierprofilen in Kugel-, Stern- oder Kreuzform, gaben dieser Dachziegelart ihr charakteristisches Aussehen [Abb. 6].
Zur Eindeckung der bei diesen Villen üblichen Türmchen, Gauben und Erker wurden spezielle kleinformatige Turmziegel gefertigt, auch in konkav und konvex gebogener Ausführung. Auch die Zubehörziegel dieser Zeit waren als Schmuckziegel ausgebildet [Abb. 7]. Auf vielen Gebäuden aus der Zeit um 1900 finden sich diese, meist glasierten, Ziegel noch. Sie werden heute wieder für Dachsanierungen nachgefertigt.
Sanierung und Beschaffung
Die Langlebigkeit der Dachziegel ist bekannt. Doch sie altern unterschiedlich. Dies liegt zum einen in der großen Unterschiedlichkeit der mineralogischen Zusammensetzung des Ausgangsrohstoffs Ton, vor allem aber in der früheren Brenntechnik und der erreichbaren Brenntemperatur [Abb. 8].
So war es früher üblich, das Dach alljährlich zu pflegen und schadhafte Ziegel kontinuierlich zu ersetzen, sodass man auf historischen Dächern oft Ziegel aus verschiedenen Epochen finden kann. Da sich die Ziegelformen über Jahrhunderte kaum änderten, war das Auswechseln einzelner Dachziegel früher unproblematisch. Diese Möglichkeit ist bis heute ein Vorteil dieser Deckungsart. Die Maßnahmen zur Substanzerhaltung einer Dachdeckung richten sich zum einen nach dem Ausmaß der Mängel und zum anderen nach dem Denkmalwert des Dachs und bestehen in den abgestuften Eingriffsmöglichkeiten: Reparatur, Umdeckung und Erneuerung der Dachdeckung.
Ist die Dachdeckung selbst die primäre Denkmaleigenschaft, so kommen nur Originale aus Rückbau infrage oder es müssen objektbezogen Replikate neu gefertigt werden.
Ist die Dachdeckung nur Teil eines Denkmals so muss eine Neudeckung mit dem gleichen Modell, Material, Form und Farbe erfolgen.
Ist eine historische Dachdeckung nur Teil eines städtebaulichen Ensembles, so reicht bereits der Erhalt des optischen Augenscheins, d. h. bei Komplettsanierungen können z. B. unverfalzte Hohlpfannen durch Hohlfalzpfannen oder Mönch-Nonne-Ziegel durch Klosterziegel ersetzt werden. Dabei ist z. B. der Wunsch pflegeintensive, gemörtelte Deckungen zu vermeiden ein wichtiges Entscheidungskriterium für den trocken zu verlegenden, verfalzten Ziegel.
Bei einem notwendigen Austausch einzelner Ziegel oder dem Ersatz größerer Flächen kann man versuchen, gleichartige alte Ziegel zu beschaffen, z. B. über Händler historischer Baustoffe, die sich mit Rückbau und Wiederverwertung historischer Baumaterialien befassen. Auch im Internet kann man fündig werden. Bei der ergänzenden Verwendung von Neuziegeln (z. B. Hohlpfannen oder Biber) gibt es zwei Möglichkeiten der Verlegung: a) separate Verwendung von Alt- und Neuziegeln, indem man z. B. mit den verwertbaren Altziegeln die einsehbaren Dachflächen eindeckt und die Neuziegel für die mehr oder weniger einsehbaren Dachflächen verwendet. b) eine gemeinsame Verwendung von Alt- und Neuziegeln, wobei man bis zu einem Drittel Neuziegel einmischen kann.
Dabei gilt der Artikel 12 der »Charta von Venedig«, einem anerkannten internationalen Grundsatzpapier der Denkmalpflege: »Die Elemente, welche fehlende Teile ersetzen sollen, müssen sich dem Ganzen harmonisch einfügen und vom Originalbestand unterscheidbar sein, damit die Restaurierung den Wert des Denkmals nicht verfälscht.« Das bedeutet, dass es von vornherein nicht richtig wäre, z. B. eine Patinierung vorzutäuschen, die sich im Laufe der Jahre von ganz alleine einstellt.
Für neuere Modelle, die nicht mehr gefertigt werden, bietet das »Dachziegelarchiv« eine Ersatzempfehlung an, aus der man ersehen kann, welches aktuelle Modell mit dem historischen harmonieren könnte. Die genaue Vorgehensweise wird dort beschrieben.
Ist eine Beschaffung von Originalziegeln nicht möglich und kommt die Verwendung von Ziegeln aus serienmäßiger neuer Produktion nicht infrage, so bleibt als kostenaufwendigste Möglichkeit die objektbezogene Fertigung von Repliken der Originalziegel. Hierfür gibt es Dachziegelhersteller und spezialisierte Manufakturen, deren Adressen dem »Dachziegelarchiv« entnommen werden können. Zur Einholung eines Angebots genügt zunächst ein Foto des Originals mit Angabe der Hauptabmes-sungen, Art der Oberfläche (Farbe; Glasur) sowie die erforderliche Stückzahl. Bei bestimmten Modellen liegen die Pressformen noch vor, falls nicht, muss im Auftragsfall ein intakter Originalziegel eingeschickt werden, um danach ein Muttermodell fertigen zu können. Das Ergebnis einer solchen Fertigung zeigt Abb. 1 als eines von vielen Beispielen.
Vieles konnte hier nur gestreift, manches nicht behandelt werden, doch allgemein gilt für den Erhalt und die Neudeckung von historischen Dächern mit Tondachziegeln, dass bei konstruktiver Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten wie Bauherr, Denkmalpfleger, Architekt, Dachdecker, antiker Baustoffhandel, Manufaktur immer eine befriedigende Lösung möglich ist. •
Literatur:
Willi Bender, Mila Schrader, Dachziegel als historisches Baumaterial. Edition anderweit, 1999
Siegfried Müller, Dachziegelarchiv, www.dachziegelarchiv.de, darin enthalten: Willi Bender, Lexikon der Ziegel

Historische Baustoffe (S. 130)
Willi Bender
Gelernter Ziegler und Ingenieur für Grobkeramik, 30-jährige Berufstätigkeit. Seit dem Ruhestand Erforschung der geschichtlichen Entwicklung des Ziegels und seiner Herstellung. Autor u. a. des »Lexikon der Ziegel«.