Grundschule in Innsbruck (A)

Gestärkte Identität

Ein marodes Gebäude und neue pädagogische Anforderungen machten die Kernsanierung und Erweiterung dieser Grundschule in Innsbruck unumgänglich. Die feinsinnig umgestalteten Innenräume unterstützen zeitgemäße Lernmethoden und stärken zugleich die Schulgemeinschaft.

Architekten: STUDIO LOIS ARCHITEKTUR
Tragwerksplanung: DIBRAL Alfred Brunnsteiner

Text: Roland Pawlitschko
Fotos: David Schreyer u. a.

Mit dem Schulzentrum »Kettenbrücke« im Norden Innsbrucks unterbreiten die Barmherzigen Schwestern ein breit gefächertes Bildungsangebot: von der Kleinkindbetreuung über eine Grund- und Mittelschule sowie ein Gymnasium bis hin zu einem Erwachsenenkolleg für Kindergartenpädagogik. Gleich daneben betreibt der katholische Orden außerdem ein Sanatorium, ein Seniorenheim und eine Flüchtlingsunterkunft.

Die Grundschule befindet sich in einem Eckgebäude aus den 70er Jahren, das mehrfach umgebaut und aufgestockt worden war, sodass es zusammen mit zwei Turnsälen und einem Mehrzwecksaal ein wie zufällig zusammengewürfeltes Konglomerat bildete – ein Eindruck, der noch dadurch unterstrichen wird, dass es direkt an die Mittelschule aus den 30ern und eine Kirche aus den 60ern angrenzt. Nach fast einem halben Jahrhundert Betrieb stand eine Generalsanierung an, die man als Gelegenheit nutzte, das Schulhaus auch an zeitgemäße pädagogische Konzepte anzupassen.

Neuer städtebaulicher Akzent

War das Gebäude bisher also eher unruhig und wenig identitätsstiftend, so präsentiert es sich nach dem Umbau durch das STUDIO LOIS ARCHITEKTUR erstmals als einheitliches Bauvolumen. Mehr noch: Die neue Gestaltung der Grundschule lässt eine markante und einladende Ecksituation entstehen. Dies gelingt u. a. durch eine lockere Fassadenkomposition aus transluzenten Polycarbonat- und dunklen Fensterelementen. Wesentlich war aber auch das Entfernen des hohen Vorgartenzauns und seiner massiven Mauerpfeiler zugunsten eines Freiraums, der – gleichsam als Schulvorplatz – den öffentlichen Straßenraum erweitert. Doch den größten Effekt hat der neue, einladende Eingangsbereich, der durch ein auskragendes Vordach mit dem aufgesetzten Schriftzug »Schulen Kettenbrücke« hervorgehoben wird und der dank großflächiger Verglasung freimütig Einblicke ins Schulfoyer ermöglicht. Zuvor lag der Eingang versteckt hinter einer dichten Hecke, und dass es sich bei dem Haus um eine Schule handelte, war nur an einem bunten Banner an der Fassade zu erkennen.

Behutsame Kernsanierung und Erweiterung

Nach Passieren des Eingangs entsteht sofort das Gefühl, sich in einem Neubau zu befinden. Es ist nicht zu übersehen, dass das Gebäude in den Rohbauzustand zurückversetzt und sämtliche Oberflächen entweder überholt oder ausgetauscht wurden. Vollständig erhalten blieb allein die Betontragstruktur: Einst unter Bekleidungs- bzw. Farbschichten verborgen, erscheinen die Stützen, Unterzüge, Decken und Treppen, alle aus Beton, heute als prägnantes Gestaltungselement. Ihre sandgestrahlten Oberflächen erzählen mit Abdrücken der alten Holzbrettschalungen von einem aufwendigen handwerklichen Herstellungsprozess, den sich heute kaum noch jemand leisten kann. Zur Geltung kommen die erhaltenen Betonbauteile, weil sich die anderen, neuen Oberflächen farblich zurückhalten: Die Böden erhielten hellgraue Kautschukbeläge, die Wände sind mit akustisch wirksamen Tafeln aus Weißtanne bekleidet und die Decken verfügen vielerorts über naturfarbene, zementgebundene Holzwolleplatten. Zarte Farbakzente setzen allein die Stühle im raumhoch verglasten Erweiterungsbauteil zum Innenhof. Hier nehmen die Schüler der Grund- und Mittelschule das vom benachbarten Seniorenheim gelieferte Mittagessen ein.

Bilder: David Schreyer, STUDIO LOIS ARCHITEKTUR

Der geschickt in die Innenecke des Gebäudes eingepasste Anbau lässt ein lichtdurchflutetes, großzügiges Schulfoyer entstehen, das sich bei Veranstaltungen im Mehrzwecksaal gut auch als Pausenbereich eignet. Einen ähnlichen Mehrwert erbrachte der Erweiterungsbauteil in den beiden Obergeschossen. Hier gibt es nicht nur zwei neue Musikräume der Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik sowie ein Direktionszimmer, sondern v. a. deutlich vergrößerte Flurbereiche, die den Schülern neue Bewegungsräume bieten und die Gemeinschaft stärken, beispielsweise durch die im 1. OG bei der Bibliothek stattfindende Mittagsbetreuung.

Neue Lernformen und -räume

Die insgesamt fünf Klassenzimmer im 2. und 3. OG blieben in Bezug auf ihre Größe und Lage unverändert. Dass sie dennoch in einem neuen Licht erscheinen, liegt nicht zuletzt an den maßgefertigten Einbaumöbeln und tiefergesetzten Fensterbrüstungen. Letztere sorgen für hellere Räume, verbessern den Bezug nach außen und bieten neue Sitzgelegenheiten. Noch deutlicher verändert ist der Unterricht selbst: War früher klassischer Frontalunterricht an der Tagesordnung, steht heute das freie Lernen und das Lernen in Gruppen und Clustern im Vordergrund. Aus diesem Grund entwickelte sich der Bereich vor den drei Klassenzimmern im 2. OG vom Erschließungsflur zum »Marktplatz des Wissens«, in den sich die Kinder zwischen den Unterrichtsphasen im Klassenzimmer zum Lernen, Arbeiten und Erholen zurückziehen können.

Damit dieser Marktplatz möglichst vielfältig nutzbar ist, entwarfen die Architekten unterschiedlichste Raumzonen mit Sitznischen, Regalen, Stauräumen und leicht verschiebbaren polygonalen Tischen sowie eine neue Galerieebene. Resultat sind im Stehen, Sitzen oder Liegen nutzbare Bereiche, die über die Glasfassade des Erweiterungsbaus und durch Oberlichter natürlich erhellt werden. Da der Marktplatz gleichzeitig Fluchtweg ist, musste die gesamte Ausstattung aus schwer brennbaren Materialien bestehen. Eine weitere Besonderheit des Brandschutzkonzepts: Der nach aktuellen Richtlinien erforderliche zweite bauliche Fluchtweg der Klassenzimmer im 3. OG führt zunächst nach oben – zur neu angelegten Dachterrasse über den Turnhallen und von dort in ein Treppenhaus in der angrenzenden Mittelschule. Diese Dachterrasse wird keineswegs nur im Brandfall genutzt, sondern auch für Unterricht im Freien. Zugleich ist sie Rückzugs- und Pausenort für alle Grund- und Mittelschüler, die von hier aus ganz Innsbruck und die umgebende Bergwelt überblicken.

Umfassend erneuert wurden auch die beiden übereinander liegenden Einfeld-Turnhallen, die den geschlechtergetrennten Sportunterricht ermöglichen. Sie erhielten größere Fenster, eine zeitgemäße Ausstattung und allseitig frische Oberflächen. Eine neue Zwischendecke in den früher zweigeschossigen, unteren Umkleiden schafft Platz für einen zusätzlichen Technikraum. Die hier untergebrachte Lüftungsanlage versorgt die Turnhallen mit Frischluft, während die mechanische Belüftung der Klassenräume aus Kostengründen bislang unrealisiert blieb. Eine entsprechende Anlage auf dem Dach über dem Marktplatz lässt sich problemlos nachrüsten.

Intensivierte Gemeinschaft

In den Turnhallen finden heute der Sportunterricht aller Schularten und gelegentliche Vereinsaktivitäten statt. Auch der Mehrzwecksaal steht bei Konzerten und Veranstaltungen externen Besuchern offen. Insofern kommt der Umbau der Grundschule sowohl den Schülern als auch vielen Gästen zugute. Was diesen sofort ins Auge fällt, ist der besonders ausgeprägte Gemeinschaftsgedanke. Er wird nicht nur am »Wir«-Schriftzug deutlich, der in vielen Räumen in die Akustikdecken geprägt ist, sondern zeigt sich schon von außen in einem großen, nachts hinterleuchteten Polycarbonatfeld in der Fassade. Hier prangen die Vornamen jener Menschen, die das Gebäude prägen: z. B. die Ordensschwestern als Gründerinnen, aber auch die Lehrer, Schüler, Kindergarten- und Hortkinder.


Standort: Falkstraße 28, A-6020 Innsbruck
Bauherr: Schulverein der Barmherzigen Schwestern, Innsbruck
Architekten: STUDIO LOIS ARCHITEKTUR, Innsbruck
Tragwerksplanung: DIBRAL Alfred Brunnsteiner, Natters
Energieplanung: Andreas Plattner, Rinn
HLS-Planung: A3 jp Haustechnik, Innsbruck
Baukosten: ca. 6,6 Mio. Euro

Beteiligte Firmen:
Fassadenpaneele: Lichtbauelemente aus Polycarbonat, Rodeca, Mülheim an der Ruhr, www.rodeca.de
Akustikelemente Innenbereich: Heradesign Holzwolle, magnesitgebundene Akustikplatten, Knauf AMF, Grafenau, www.knaufamf.de
Akustik Holzelemente: Akustikpaneele mit Holzwolleabsorbern und verschiedenen Fugenbreiten, LIGNOTREND Ligno Akustik Weißtanne, LIGNOTREND, Weilheim-Bannholz, www.lignotrend.de
Boden Klassenräume: Kautschukboden Norament 825, NORA Systems, Weinheim, www.nora.com
Boden Turnhalle: Sportboden, TURKNA, Kirchberg an der Pielach, www.turkna.com
Stühle Mensa: Tip Ton, HAL Wood und All Plastic Chair, alle von Vitra, Weil am Rhein, www.vitra.com


STUDIO LOIS ARCHITEKTUR

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Barbara Poberschnigg

Studium in Innsbruck und Liechtenstein. 2005 Gründung von parc architekten, 2015 Gründung von STUDIO LOIS ARCHITEKTUR in Innsbruck.


Über den Autor Roland Pawlitschko

1969 in Stuttgart geboren. Architekturstudium in Karlsruhe und Wien. Architekturtheoretische Arbeiten, Ausstellungen und Architekturführungen. Seit 1999 Architekt und freier Autor in München.



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