Erich-Kästner-Schule in Darmstadt

Schnell, gut und preiswert

Weil es schnell gehen musste, griff man bei der Aufstockung eines Schulbaus das Thema der Elementbauweise vom Bestand auf und übersetzte es von Beton in Holz. Trotz preiswerter Materialien sind dabei Räume mit Wohlfühlatmosphäre entstanden.

Das Projekt erhielt einen Preis beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2018.

Jurybegründung:
Für eine der dringlichsten Bauaufgaben unserer Tage, die Modernisierung von Schulen, wurde eine vorbildliche Lösung gefunden. Der belanglose Ursprungsbau profitiert gestalterisch enorm von der Aufstockung. Sie greift das Thema der Elementbauweise auf und übersetzt es von Beton in Holz. Ihr Grundriss kann aus statischen Gründen den Bestand nur leicht variieren und bietet dennoch die räumlichen Voraussetzungen für eine zeitgemäße Pädagogik. Trotz der Verwendung preiswerter Materialien ist es durch präzise Fügung und geschickten Farbeinsatz gelungen, Räume mit Wohlfühlatmosphäre zu schaffen. Insgesamt ein hervorragendes Beispiel für Nachverdichtung in kurzer Zeit und mit einfachen Mitteln.

Architekten: prosa Architektur + Stadtplanung | Quasten Rauh
Tragwerksplanung: ProfessorPfeiferundPartner

Text: Tanja Feil
Fotos: prosa Architektur + Stadtplanung; Rahel Welsen

Die Erich-Kästner-Schule in Darmstadt-Kranichstein wird derzeit im großen Stil ausgebaut; wie so oft geht es darum, eine Mensa und Flächen für Ganztagesangebote zu ergänzen. Idyllisch am Übergang zur freien Landschaft gelegen, verteilt sich der Komplex auf mehrere Baukörper. Als nun temporäre Gebäudeteile rückgebaut werden mussten, erhielten Gero Quasten und Katharina Rauh mit ihrem ortsansässigen Büro prosa Architektur + Stadtplanung den Auftrag, Ersatzflächen für acht Klassen zu schaffen – und das sehr kurzfristig: Nur ein Jahr nach Planungsbeginn wollte das Kollegium die neuen Räume schon beziehen. Dabei sollte das Schulgelände, das über schöne Pausenbereiche mit altem Baumbestand verfügt, möglichst nicht weiter versiegelt werden.

Der bis dato einzige eingeschossige Baukörper auf dem Areal bot sich für eine Aufstockung an. Davon profitiert die Gesamtanlage auch städtebaulich, denn der vorhandene Hof zwischen der Sporthalle und einem weiteren zweigeschossigen Bauwerk wird jetzt von Volumen ähnlicher Höhe harmonisch gerahmt und dadurch besser gefasst. Da der Umbau des Gebäudes bei laufendem Schulbetrieb erfolgte, planten die Architekten so wenige Eingriffe in die vorhandene Struktur wie möglich. Die Aufstockung besitzt exakt dieselbe Grundfläche wie die untere Etage, und um im eingeschossigen Bestand keine Treppe nachrüsten, also Decken durchbrechen zu müssen, werden die neuen Räume über außenliegende Stahltreppen und einen Aufzug erschlossen, die vor die Nord- bzw. Südfassade gestellt sind.

Tragstruktur, Raum- und Lernkonzept

Der Ursprungsbau stammt aus den 70er Jahren und bietet keinen besonderen Reiz; er gehört zu den weniger ambitionierten Beispielen der damals boomenden Fertigteilbauweise. An der Fassade zeichnet sie sich mit zeittypischen Waschbetonelementen ab, im Innern an der streng modular aufgebauten Raumanordnung. Ein kreuzförmig angeordneter Flur in Gebäudemitte erschließt die acht Klassenräume, denen zum Teil Nebenzimmer für Gruppenarbeit oder Lagerzwecke angegliedert sind. Licht fiel vor dem Umbau nur über drei kleine Flachdachfenster in die innen liegenden Verkehrsflächen, sodass sie wenig Aufenthaltsqualität oder gar Potenzial für die Einbeziehung in den Unterricht boten.

Die Herausforderung für die Architekten bestand also einerseits darin, die neu zu schaffenden Räumlichkeiten den Anforderungen an zeitgemäße Lernkonzepte anzupassen. Andererseits mussten sie die Tragstruktur des OGs aus statischen Gründen möglichst eng an der Wandverteilung des EGs ausrichten, um die zusätzlichen Lasten sicher ableiten zu können. Daher übernahmen sie zwar den kreuzförmig angeordneten Flur, weiteten ihn an der Nord- und Südseite des Gebäudes aber zu offenen Lernflächen auf, die flexibles Arbeiten außerhalb der Klassen erlauben und zugleich lichtdurchflutete Verkehrsflächen schaffen. Die acht Unterrichtsräume wanderten alle an die Ost- bzw. Westfassade, lediglich jeweils mittig unterbrochen durch einen Nebenraum; da letzterer wiederum über Glastrennwände an die Flurzone angeschlossen ist, dringt hierüber zusätzlich natürliches Licht ins Gebäudeinnere.

Um die notwendigen Verkehrsräume überhaupt als Aufenthalts- und Lernflächen nutzen zu können, sind aus Brandschutzgründen jeweils vier Klassenzimmer intern zu einem abgeschlossenen Lerncluster zusammengefasst, der eine Fluchtmöglichkeit über eine der beiden außenliegenden Treppen bietet. Zugleich sahen die Architekten Bypasstüren zwischen den einzelnen Räumen entlang der Ost- bzw. Westfassade vor, um im Notfall eine Fluchtoption in den jeweils anderen Bereich sicherzustellen. Die Garderobenmöbel und Flureinbauten sind zudem aus nicht brennbaren Vermiculitplatten hergestellt. Dank eines mittig im Kreuzungspunkt der Flure platzierten Oberlichts lässt sich die Etage im Sommer sehr einfach mittels Querlüftung kühlen, wahlweise in Ost-West- oder Nord-Süd-Richtung. Außenliegender Sonnenschutz an den Fenstern und der natürliche Schatten der Bäume tragen ihrerseits dazu bei, dass die Räume nicht überhitzen.

Die ohnehin schwierigen Lichtverhältnisse im Erschließungsbereich des EGs hätten infolge der Aufstockung weiter gelitten. Daher wurde dort einer der Nebenräume an der Ostfassade geopfert, sodass sich der Flur jetzt aufweitet und Tageslicht von der Seite erhält; hierfür musste nur eine nichttragende Wand weichen.

Konstruktion, Materialien und Technik

Um die neuen Lasten aus dem OG gering zu halten, planten die Architekten die Aufstockung in leichter Holzrahmenbauweise. An der Tragstruktur des EGs musste daher fast nichts geändert werden, das Fundament brauchte jedoch eine Unterfangung. Auf das Dach setzten die Planer zunächst einen umlaufenden Stahlbetonringbalken und darauf einen Trägerrost aus Holzbalken, der als lastverteilende Schicht dient und die Unterkonstruktion für einen einfachen Bodenaufbau aus Dämmung, OSB-Platten, einer Schüttung, Trockenestrichelementen und einem Kautschukbelag bildet. Der Rost war notwendig, da die Deckenplatten des Bestandes keine zusätzlichen Lasten aufnehmen konnten und auch die tragenden Wände im EG nicht alle in gleicher Stärke belastbar waren. Durch die jeweilige Richtung der Träger im Rost ließ sich jedoch ein Lastausgleich erreichen. Die OG-Wände bestehen aus vorgefertigten tragenden Holzrahmenelementen; sie besitzen eine Dämmstärke von 22 cm und tragen raumseitig eine Bekleidung mit Gipskarton, außen eine vertikale Holzschalung. Die Latten sind unterschiedlich breit und tief, zudem wurden sie im wilden Verband angeordnet, sodass bei Sonnenschein ein lebendiges Schattenspiel entsteht. Mehr an gestalterischem Aufwand ist gar nicht nötig, um der Fassade ein abwechslungsreiches Erscheinungsbild zu verleihen, das die einfache Elementbauweise veredelt.

Die Unterkonstruktion des Daches wurde als klassische Balkendecke mit Spannweiten bis zu 8 m ausgeführt. Von außen ist das Dach begrünt, im Innern bilden abgehängte Decken mit Holzwolle-Akustikplatten den Raumabschluss in den Fluren, während die Unterrichtsflächen mit schallabsorbierenden Lamellensystemen aus geschlitzten Fichtensperrholzplatten bekleidet sind, die eine warme Raumwirkung erzeugen. Insgesamt erwies sich das gewählte Konstruktionssystem nicht nur als leicht, sondern auch als schnell liefer- und montierbar. Nur so ließ sich das Projekt trotz der derzeitigen Hochkonjunktur innerhalb des engen Zeitrahmens fertigstellen.

Die haustechnischen Installationen sind sehr einfach ausgeführt, ebenfalls auf schnelle Montage optimiert und nutzen die Verkehrsflächen als Verteilerzonen. Die Entwässerung ließ sich problemlos an die bestehenden Systeme anschließen, auch die Heizungsanlage musste nicht angepasst werden, da die Schule über einen Nahwärmeanschluss verfügt. Dank der gut gedämmten Aufstockung ist der Gesamtenergiebedarf des Gebäudes nun sogar niedriger als zuvor.

Kosten, Zwänge und Ausblick

Laut Aussage der Architekten liegt das Budget für die Bauaufgabe im unteren durchschnittlichen Bereich für vergleichbare Neubaumaßnahmen. Als Kostentreiber sind in erster Linie die momentane konjunkturelle Lage und das extrem enge Zeitfenster zu nennen. Die ursprünglichen Einsparungen innerhalb des fixen Kostenrahmens, wie die wirtschaftliche Aufstockung auf den Bestand oder die effiziente Holzrahmenbauweise, wurden durch die notwendigen Nachbesserungen im Gründungsbereich (hierfür lagen die Kosten dann letztlich wieder auf Neubauniveau) aufgefressen. Dies hatte wiederum zur Folge, dass man sich insgesamt auf einfachste konstruktive und gestalterische Details beschränken musste. Genau dies macht jedoch den besonderen Charakter des Umbaus aus, der den eher tristen Bestand deutlich aufwertet.

Eine gleichzeitige Modernisierung und energetische Verbesserung des EGs war zwar nicht Bestandteil der Bauaufgabe und auch kostenmäßig nicht eingeplant. Dennoch bereiteten die Architekten zukünftige Arbeiten am Altbau bereits vor, indem sie beispielsweise die OG-Fassade leicht auskragen ließen, sodass diese zu einem späteren Zeitpunkt problemlos im EG weitergeführt werden könnte. Auch die Blechleistengliederung innerhalb der neuen Lattenbekleidung ist schon jetzt auf die Höhen der unteren Etage abgestimmt. Hier zeigt sich die besondere Sorgfalt der Planer, die sowohl einen Zwischen- als auch einen Endzustand entworfen und darauf geachtet haben, dass das Gebäude in beiden Phasen eine gute Figur macht.


Standort: Wickopweg 2, 64297 Darmstadt
Bauherr: Magistrat der Stadt Darmstadt, vertreten durch Immobilienmanagement Darmstadt (IDA)
Architekten: prosa Architektur + Stadtplanung | Quasten Rauh PartGmbB, Darmstadt
Tragwerksplanung: ProfessorPfeiferundPartner, Darmstadt
Haustechnik: B&B Ingenieure, Haiger
Elektroplanung: Planungsbüro Ehrlich, Bensheim
BGF: 950 m²
BRI: 3250 m³
Baukosten: 1,65 Mio. Euro (KG 300 + 400 netto)
Gesamtkosten: 2,7 Mio. Euro (brutto)

Beteiligte Firmen:
Holzbau: Ochs, Kirchberg, www.ochs.eu
Holz-Alu-Fenster: »MIRA Contour« von GUTMANN, Weißenburg, www.gutmann.de
Unterdecke im Flur: »HERADESIGN SUPERFINE« von Knauf AMF, Grafenau, www.knaufamf.de
Kautschuk-Bodenbelag: »ARTIGO KAYAR« von objectflor, Köln, www.objectflor.de
Beschichtung der Betontreppe: »CAPAROL Disbopox 442 GaragenSiegel« von Caparol, Ober-Ramstadt, www.caparol.de
Nicht-brennbare Garderobenmöbel: »Thermax Fipro« von Thermax, Essen, www.thermax.eu
Beschichtung Garderobenmöbel: »Duropal« von PFLEIDERER, Neumarkt, www.pfleiderer.com


prosa Architektur + Stadtplanung | Quasten Rauh

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Gero Quasten

2000 Diplom. Mitarbeit in mehreren Architekturbüros. Seit 2003 bei prosa Architektur & Grafik als Partner, seit 2017 prosa Architektur + Stadtplanung. 2013-15 Professur am KIT Karlsruhe, 2017 an der HS Mainz.

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Katharina Rauh

1997-2005 Studium der Architektur und Stadtplanung an der TU Darmstadt und der ETSAV Barcelona. Mitarbeit in mehreren Architekturbüros, seit 2005 eigene Büros. Seit 2017 gemeinsames Büro mit Gero Quasten.


Über die Autorin Tanja Feil

Architekturstudium an der FH Regensburg, 2001 Diplom. Mitarbeit in mehreren Architekturbüros. 2005 Weiterbildung zur Energieberaterin für Gebäude. Seit 2007 Redakteurin und freie Fachautorin.