Bild: Georg Aerni, Zürich
Quartierszentrum in Zürich-Oerlikon

Vorhandenes verfeinert

Ein vielschichtiger Einkaufs- und Wohnkomplex aus Flachbauten und Hochhäusern – das Quartierszentrum Dorflinde verkörpert das Leitbild „Urbanität durch Dichte“ nahezu perfekt. Über dreißig Jahre nach der Fertigstellung waren kleine Schwächen jedoch unübersehbar. Die Planer der Gruppe für Architektur GFA zeigen, wie sich typische Siebzigerjahre-Bauten durch wenige, aber präzise Eingriffe und feines Nachjustieren bei den Farben aufwerten lassen.

Eine dichte Packung unterschiedlicher Nutzungen bietet das Quartierszentrum Dorflinde in Zürich-Oerlikon: Seniorenwohnen, Jugendheim, Schule, Turnhalle, Büros, Läden und ein Cafe tummeln sich auf engem Raum – verwoben in eine baulich zusammenhängende Struktur aus Hochhäusern, fünfgeschossigen Riegeln und flachen Pavillons. 1962 von den Architekten Marc Funk und Hans-Ulrich Fuhrimann entworfen und 1978 fertiggestellt, ist der Komplex inzwischen trotz kleiner Schwächen zu einem identitätsstiftenden Zentrum im Quartier avanciert. Um zu verhindern, dass er nach über dreißig Jahren durch unkoordinierte Teilsanierungen in seinem Gesamtbild gestört wird (er genießt noch keinen Denkmalschutz), gab die Stadt Zürich als Bauherrin ein umfassendes Sanierungskonzept für das komplette Ensemble in Auftrag.

Das Planungsbüro Gruppe für Architektur GFA löste zunächst ein paar stadträumliche Probleme. Die Läden im Erdgeschoss gruppieren sich um eine Folge von Plätzen, die jedoch wegen einer überwucherten Grüninsel und einem Cafépavillon vom Straßenraum kaum einzusehen waren. Dadurch hatten sie Hinterhofcharakter und waren schlecht frequentiert. Also musste das Grün weichen, und der Pavillon erhielt einen größeren Glasanteil in den Fassaden, was ihn durchlässiger wirken lässt.Eine Brunnen-Skulptur, die bislang Wege versperrte, wanderte vom zentralen Platz an den Rand der Anlage und verbessert die Zugänglichkeit der Läden. Vor allem aber erhielt die Platzfolge einen neuen Belag, entworfen vom Wiener Textilkünstler Gilbert Bretterbauer. Statt des bisherigen lieblosen,monochrom grauen Asphalts überzieht nun ein prägnantes Kreismuster den Boden und bindet die Außenräume zu einer Einheit zusammen. Die weißen Gussasphaltkreise spielen auf die psyche- delische Ästhetik der Siebzigerjahre an und passen damit gut zur vorhandenen Architektur.

Respektvoll weiterentwickelt

Auch energetisch erfuhr der Komplex eine Aufwertung. Da Sichtbeton – mal schalungsrau im Sockel- geschoss, mal als glattes Fertigteil bei den Fensterstürzen – ein gestaltprägendes Merkmal der Ge- bäudehülle ist, verbot sich eine Dämmung von außen. Die Fassaden erhielten lediglich eine kleine farbliche Auffrischung und blieben in ihrem Erscheinungsbild bewahrt. Doch mit neu- en Fenstern, einer Dachdämmung und einer Innendämmung ließ sich der Heizenergiebedarf des En- sembles um mehr als die Hälfte senken, im Fall des Altersheim-Hochhauses gar um stolze 74 Prozent.

Dieses Gebäude wurde auch im Inneren umgebaut, was Neff Neumann Architektinnen übernahmen. Sie vergrößerten die Raumzuschnitte und sorgten für barrierefreie Bäder, um zeitgemäßes Seniorenwohnen zu ermöglichen. Für die Flure ersann die Zürcher Künstlerin Vreni Spieser ein eigenes Farbkonzept. Da vor dem Umbau eine große Vogelvoliere in der Nähe des Eingangs stand, übersetzte Spieser das Bild schillernder Vogelfedern in abstrakte Farbverläufe, die sie auf Papierbögen drucken und auf die Flurwände tapezieren ließ. Jedes Geschoss zeigt ein etwas anderes Farbspektrum,was die Orientierung erleichtert. Von den Bögen wurden zehn Prozent Überschuss eingelagert, die bei Schäden als Ersatz dienen. Um für ausreichend Licht in den innenliegenden Fluren zu sorgen, ohne dabei den Stromverbrauch zu erhönen, erhielten die Wandleuchten übergroße runde Reflektoren aus Metall. Im Zusammenspiel mit der Farbgestaltung wecken auch sie Assoziationen an die psychedelischen Siebzigerjahre und wirken daher, als könnten sie aus der Entstehungszeit des Bauwerks stammen.

 

Verstehen, verstärken, vergolden

Farbstrategie für die Fassaden

Die poppigen Siebzigerjahre standen Pate bei der ursprünglichen Farbigkeit des Zentrums Dorflinde: Gelb, Orange und Braun, die typischen Töne jener Jahre, dienten als Vorbild für die Gestaltung der Fassaden. Bei der aktuellen Überarbeitung haben die Planer daran festgehalten. Da Farbe die architektonische Gliederung der Bauten unterstreicht und das Erscheinungsbild des Ensembles wesentlich prägt, wurde das Vorhandene lediglich leicht verfeinert. Der kräftige Ockerton der Regelgeschosse, der alle Baukörper zusammenfasst, blieb erhalten. Die überhohe Attika und das Sockelgeschoss aus Sichtbeton tragen ein ziegelähnliches Orange, sodass die Fassaden eine klassische Dreiteilung in Sockel, Wand und Dach auf- weisen. Zeigte bislang ein schlammiges Braun die Sonder- stellung der Ladenfront an, so übernimmt nun ein freund- licheres, leuchtenderes „Siena gebrannt“ diese Aufgabe. Der Pavillon mit dem Quartierscafé schließlich erhielt ein Rotbraun, was insgesamt einen harmonischen Zusammenklang aus erdigen Tönen ergibt. Zwar entsprechen nicht mehr alle Farben dem Original, passen aber in den Kontext der Siebzigerjahre.

Wichtiges Gestaltungsmerkmal der vorhandenen Bauten ist das Thema des Fügens. Der innere konstruktive Aufbau aus gemauerten Wänden und betonierten Geschossdecken zeichnet sich deutlich sichtbar auf den Fassaden ab, indem grob verputzte Flächen von horizontalen, roh geschalten Betonbändern unterbrochen werden. Dieses markante Thema haben die Architekten im Rahmen der Sanierung weiter gestärkt. Der Fuge zwischen Beton und Putz – bislang im gleichen Orange wie der Beton gestrichen – verordneten sie ein kräftiges Königsblau und betonen sie damit deutlich. Da der Farbton dunkler aussieht als die Beton- und Putzflächen, weicht er optisch stark zurück, was die Fuge tiefer wirken und dadurch stärker als bisher in Erscheinung treten lässt. Über das Blau kann man sicher geteilter Meinung sein, will es sich doch überhaupt nicht in den Siebzigerjahre-Farbkanon einordnen. Man mag es als Komplementärton zum umgebenden Orange begreifen oder als Versuch, Neues als neu zu kennzeichnen. Sollten sich spätere Generationen daran stören, lässt es sich auch leicht wieder überstreichen.

Sämtliche Fassadenflächen erfuhren zunächst eine Reinigung mit einem Hochdruckgerät. Wo der alte Putz dabei abbröckelte, wurde er erneuert: Dafür mussten die Handwerker erst an einer Testfläche das Kellenwurfverfahren üben, das heute kaum noch jemand beherrscht. Es folgte eine Tiefenhydrophobierung und danach ein Anstrich mit wasserlöslichen Mineralfarben, weil man sich von diesen auf lange Sicht eine höhere Farbtonstabilität versprach als von einem Dispersionsanstrich.

Die grobkörnigen, ockerfarbenen Putzflächen, welche die Hauptgeschosse der Bauten umhüllen, wurden darüber hinaus besonders aufgewertet: Nachdem der ursprüngliche Ockerton mit der Rolle wieder neu aufgetragen war, tupften die Handwerker mit dem Schwamm auf die Spitzen des Putzes eine Farbe, die echte Goldpigmente enthält. Das verleiht den Fassaden einen leicht metallischen Schimmer, der ihnen ein wenig von ihrer Schwere nimmt; das ursprüngliche

Erscheinungsbild ist wiederhergestellt und zusätzlich verfeinert – das Alte scheint unter dem Neuen durch.

Diese – auch materielle – Veredelung zeigt die außergewöhnliche Wertschätzung, mit der die Planer der vorhandenen Architektur begegneten. Ungewöhnlich auch, dass ein Bauherr einen solchen Schritt bei einem Gebäude aus den meist eher verhassten Siebzigerjahren mitgeht. Was die Entscheidung erleichtert haben dürfte: Die solchermaßen verfeinerten Oberflächen finden sich nie im Erdgeschoss, um keine „Goldgräberstimmung“ bei den Passanten aufkommen zu lassen.

 

Autor: Christian Schönwetter