Geschwister-Scholl-Schule in Lünen

Dem Original verpflichtet

Sie fehlt in keiner Abhandlung über die Geschichte des Schulbaus: Hans Scharouns Geschwister-Scholl-Schule in Lünen. 1958 eröffnet und als eine der ersten konsequent auf die Reformpädagogik zugeschnitten, hat sie bis heute Vorbildcharakter. Oskar Spital-Frenking und Michael Schwarz haben sie nun so detailgenau instand gesetzt, dass sich verloren gegangene Ursprungsqualitäten wieder neu entdecken lassen.

{Text: Christian Schönwetter

Zu Zeiten des Wirtschaftswunders muss in Lünen eine ganz besondere Aufbruchstimmung geherrscht haben. Wer heute durch das westfälische Städtchen schlendert, kann noch immer ablesen, wie aufgeschlossen man damals offensichtlich für Neues war. Dies zeigt sich etwa am Rathaus aus dem Jahr 1960, das als eines der ersten der Republik als Hochhaus errichtet wurde. Doch auch bei der nahegelegenen Geschwister-Scholl-Schule ließen sich die Stadtväter auf ein Experiment ein, als sie 1955 Hans Scharoun mit der Planung beauftragten. An den Rand der Fußgängerzone setzte er ein Stück organische Architektur, das mit Traditionen im Schulbau brach und international Aufsehen erregte. Anstatt die Räume in einer kompakten Lehranstalt zu bündeln, verteilte er sie in einer luftigen bungalowähnlichen Struktur. Der Vorteil: Es gibt keine innenliegenden, dunklen Flure und die Unterrichtsräume erhalten von mehreren Seiten Tageslicht. Für jede Klasse steht eine sogenannte »Schulwohnung« bereit, eine differenzierte Abfolge von kleinem Garderobenvorzimmer, höherem Haupt-, niedrigerem Gruppenraum und einem eigenen Freibereich, den die Schüler selbst bepflanzen können. Wie Reihenhäuser an einer Straße staffeln sich die Schulwohnungen hintereinander. Aula, Lehrertrakt und naturwissenschaftliche Fachsäle bilden jeweils eigene Baukörper, alle zusammengehalten von der langgestreckten Pausenhalle. Das abwechslungsreiche Ensemble lässt jede Strenge hinter sich und wirkt nahezu verspielt. In seiner Vielgestaltigkeit weckt es Assoziationen an eine kleine Siedlung, die sich am städtebaulichen Leitbild der 50er Jahre orientiert: der gegliederten und aufgelockerten Stadt.
Farbigkeit reaktiviert
Bis vor kurzem war die Schule, die seit 1985 Denkmalschutz genießt, vor allem für ihren fortschrittlichen Grundriss bekannt. Weniger ins Architektengedächtnis eingeprägt hatte sich hingegen ihr ausgefeiltes Farbkonzept – Anfang der 60er Jahre, als ihr letzter Bauabschnitt fertiggestellt war, hatten sich Farbfotografien in Fachzeitschriften und -büchern noch nicht durchgesetzt. Und im Laufe der folgenden Jahrzehnte waren die originalen Töne nach und nach unter neuen Anstrichen verschwunden.
Doch seit der aktuellen Instandsetzung durch die Architekten Spital-Frenking und Schwarz lässt sich das Bauwerk ganz neu entdecken. Ein Schwerpunkt der Arbeiten war es, Wand- und Deckenoberflächen wieder dem ursprünglichen Zustand anzunähern. Restauratoren haben beinahe jede einzelne Fläche auf ihre Farbigkeit untersucht. Nachträgliche Anstriche wurden entfernt und die Farben der 50er Jahre wieder aufgetragen. Es ist verblüffend, wie bunt die Schule war und nun wieder ist. Bei einem Gang durchs Gebäude erlebt man ständig wechselnde Farbeindrücke, da Scharoun sehr differenziert vorgegangen war. An den Decken der Flure beispielsweise sind Vorder- und Rückseite der Betonrippen in unterschiedlichen Tönen gestrichen, sodass sich beim Weg von der Pausenhalle zum Klassenzimmer ein völlig anderes Bild ergibt als beim gleichen Weg in die entgegengesetzte Richtung. Die Farbigkeit trägt dazu bei, Schülern eine freundliche, facettenreiche, inspirierende Umgebung zu bieten. Wenn es so etwas gibt wie den vielbeschworenen »Raum als dritten Pädagogen«, dann ist er in Lünen anzutreffen.
Unauffällig angepasst
Eine so detailgenaue, denkmalgerechte Instandsetzung hat natürlich ihren Preis. 8,57 Mio. Euro (inklusive der energetischen Ertüchtigung, s. S. 108) sind kein Pappenstiel. Die Stadtverwaltung hat jedoch die Gunst der Stunde genutzt und bei Bund und Land Gelder aus dem Konjunkturpaket eingeworben. Als zweiter Bauherr engagierte sich die Wüstenrot-Stiftung, die nicht nur rund ein Viertel der Baukosten trug, sondern auch ihre Erfahrung im Umgang mit Denkmalen der Moderne einbrachte. 2009-10 setzte man zunächst nur eine Schulwohnung probeweise instand, um die daraus gewonnenen Erkenntnisse in das übrige Gebäude einfließen zu lassen, das dann bis 2013 bearbeitet wurde. Erklärtes Ziel war es, die Architektur Scharouns wieder erlebbar zu machen.
Dazu waren nur wenige räumliche Eingriffe nötig. Im Süden ließen die Architekten einen Anbau aus den 70er Jahren abbrechen, der die originale Kubatur störte. Drei nachträglich in die Pausenhalle eingebaute Räume wurden entfernt, um der Halle ihre ursprüngliche Großzügigkeit zurückzugeben und die Sichtbeziehung zur Straße wiederherzustellen. Bauliche Ergänzungen beschränken sich auf ein Minimum. Aus Brandschutzgründen mussten die offenen Treppenhäuser im OG geschlossen werden, damit bei einem Feuer in der Halle der Rauch nicht in den Flur des oberen Stockwerks aufsteigen kann. Die gläserne Treppen-Einhausung mit äußerst schlanken Profilen ist jedoch so dezent, dass der Raumeindruck kaum beeinträchtigt wird – eine solche Filigranität würde man sich auch für Brandschutzsanierungen von Nicht-Denkmalen wünschen. Um für die obere Etage zwei Rettungswege sicherzustellen, teilten die Architekten die Halle in zwei Abschnitte, die im Ernstfall von einem Brandschutzvorhang getrennt werden. Er verbirgt sich unauffällig in einem Kasten, der an einem der Unterzüge angebracht und farblich an diesen angepasst ist. Auf diese Weise bleibt die Weitläufigkeit der Halle unverändert erhalten.
Reproduktionen ersetzen, was im Laufe der Jahrzehnte an ursprünglicher Ausstattung verloren gegangen ist. So ließen die Architekten etwa fehlende Leuchten anhand noch vorhandener Originale nachbauen, den Linoleumboden der Schulwohnungen als Sonderproduktion im bauzeitlichen Silberton anfertigen und beschädigte Terrazzofliesen in der Halle gegen eigens hergestellte Repliken austauschen.
Vorbild bis heute
All diese behutsamen Reparaturen tragen dazu bei, dass man Scharouns progressive Schularchitektur nun tatsächlich wieder weitgehend unverfälscht erleben kann. Und dass man den Eindruck gewinnt: Eine so hohe gestalterische und räumliche Qualität, wie sie in den 50er Jahren in Lünen entstand, ist seither im Schulbau nur noch selten erreicht worden. Mit den heutigen Anforderungen aus Schulbaurichtlinien und Musterraumprogrammen, die enge Vorgaben für die Flächen setzen, wäre die Großzügigkeit des Lünener Grundrisses nicht mehr realisierbar.
Bleibt die Frage, was die Schüler zu ihrem Bauwerk sagen. Wissen sie es überhaupt zu schätzen? Da neben dem Scharoun-Gebäude ein wenig ambitionierter Erweiterungsbau aus jüngerer Zeit steht, der inzwischen auch zur Geschwister-Scholl-Schule gehört, haben sie den direkten Vergleich. Bemerken sie den Unterschied? Die Antwort dürfte Architekten freuen: Laut Aussage des Schulleiters halten sich die Kinder und Jugendlichen deutlich lieber in den Räumen von Scharoun auf.

 

Energiesparen mit Augenmaß

Denkmalgerechtes Klimakonzept der Geschwister-Scholl-Schule
Wie bekommt man den Energieverbrauch eines Gebäudes in den Griff, das alles andere als ein günstiges A/V-Verhältnis hat? Und das unter Denkmalschutz steht? Eine Dämmung der gesamten Hülle hätte die Architektur stark verfälscht und wäre angesichts der besonders großen Umfassungsfläche auch unwirtschaftlich gewesen. Die Eingriffe zur Verbesserung des Wärmeschutzes beschränken sich daher auf ein vertretbares Maß. Die Pausenhalle als Bewegungsraum, in dem die Schüler häufig herumtoben, wurde überhaupt nicht gedämmt. Bei Aufenthaltsräumen wie den »Schulwohnungen« blieben die Wände frei von Dämmung, die Dachflächen hingegen wurden ertüchtigt: Die in den 90er Jahren dort aufgebrachte Dämmschicht machte Platz für eine neue, die bei gleicher Stärke eine niedrigere Wärmeleitfähigkeit besitzt. Dadurch brauchten die Dachkanten nicht erhöht zu werden. Die Oberlichter hatten schon in den 50er Jahren eine Zwei-Scheiben-Verglasung erhalten, die sich nun problemlos durch Isolierglas ersetzen ließ. Die unteren Fenster waren jedoch noch einfach verglast; hier ließen die Planer zunächst die Falztiefe der vorhandenen Holzrahmen etwas vergrößern, dann extradünne Isoliergläser einbauen, wie sie in der Denkmalpflege üblich sind, und anschließend wieder die alten Glashalteleisten einsetzen. So konnte nicht nur das Erscheinungsbild, sondern auch das Bauteil erhalten werden – mit einem minimalen Verlust an Originalsubstanz. Der mittlere Transmissionswärmebedarf der Räume ließ sich durch die Summe dieser Maßnahmen von 1,25 auf 0,75 W/m²K senken.
Entscheidend für den Energieverbrauch sind im Schulbau aber weniger die Wärmeverluste durch Transmission als durch Lüftung. Für die dicht besetzten Klassenräume wird in Schulbauempfehlungen und der EN 13 779 ein dreifacher Luftwechsel pro Stunde vorgeschlagen, das ist sechsmal mehr als etwa im Wohnungsbau mit einer Luftwechselrate von 0,5. Die Energieberater des Büros e² schlugen daher vor, sich von der verlustreichen Fensterlüftung zu verabschieden und stattdessen die stillgelegte Luftheizungsanlage zu reaktivieren, die schon Scharoun eingebaut hatte. Jede Schulwohnung verfügte bereits in den 50er Jahren über einen eigenen Technikraum. Von dort fließt nun wieder warme Frischluft über kleine Kanäle im Klassenzimmerboden zu Austrittsöffnungen unter den Fenstern. Über Gitter in der Wand zum Technikraum wird die verbrauchte Abluft wie früher abgesaugt und anschließend direkt über Dach nach außen abgeführt. Auf diese Weise werden Schüler und Lehrer besser und kontinuierlicher mit Frischluft versorgt als beim manuellen Lüften über die Fenster. Neu sind die Wärmerückgewinnungsanlage, die den Energieverbrauch senkt, und die Art der Energiebereitstellung: Der verbleibende Bedarf wird mit Fernwärme gedeckt. Da diese über einen sehr guten Primärenergiefaktor verfügt, ergibt sich auch für die Schule ein günstiger Primärenergiebedarf von 66 kWh/m²a – aufgrund der großen Hüllfläche des Gebäudes wären 214 kWh/m²a zulässig.

Die reaktivierte und modernisierte Luftheizungsanlage bietet darüber hinaus weitere Vorteile: So erwärmt sie die bauphysikalischen Schwachstellen des Raums (Boden und Sockel) und verhindert dort Kondensat und Schimmel. An den Außenwänden ohne Luftaustrittsöffnung übernehmen fußleistenintegrierte Warmwasserrohre diese Aufgabe. Außerdem konnten die zwischenzeitlich eingebauten Heizkörper wieder demontiert und damit eine Annäherung an den ursprünglichen Raumeindruck erreicht werden. Nicht zuletzt ließ sich mit der Wiederinbetriebnahme der Luftheizung eine technikgeschichtliche Besonderheit des Gebäudes bewahren. •

 


Standort: Holtgrevenstraße 2-6, 44532 Lünen
Auftraggeber: Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg, www.wuestenrot-stiftung.de bzw. Stadt Lünen, www.wuestenrot-stiftung.de
Nutzer: Geschwister-Scholl-Gesamtschule, Lünen, www.gsgluenen.de
Architektur: Spital-Frenking + Schwarz Architekten, Lüdinghausen/Dortmund, www.spitalfrenking-schwarz.de
Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Uwe Ostermann, Lünen, www.statiker-ostermann-luenen.de
Gebäudetechnikplanung: Ingenieurbüro Gerhard Kahlert, Haltern
BGF: 6.446 m²
Nutzfläche: 3.392 m²
Baukosten: 8,57 Mio. Euro
Beteiligte Firmen:
Rauchschutzvorhang: KGG Brandschutzsysteme, Wallerstein, www.kgg-brandschutz.de
Linoleum: Uni Walton, 2,5 mm, Sonderauflage, LPX-Oberfläche, Sonderfarbe silbergrau 1958, Armstrong DLW, Bietigheim-Bissingen, www.armstrong.de
Terrazzo: Terrazzoplatten SB 130 Aggloceppo, Linea Unico, Agglotech Marmocemento, Ellwangen, www.agglotech.com
Innenfarbe: Kunststoffdispersion Indeko-plus, Caparol, Ober-Ramstadt, www.caparol.de
weitere Informationen unter www.db-metamorphose.de

Spital-Frenking + Schwarz Architekten
Oskar Spital-Frenking
1988 Diplom an der Uni Dortmund. 1988-93 freie Mitarbeit in einem Architekturbüro. Seit 1994 eigenes Büro, seit 1998 mit Michael Schwarz. Seit 1997 Professur an der FH Trier.
Michael Schwarz
1995 Diplom an der Uni Dortmund. Seit 1995 eigenes Büro, seit 1998 mit Oskar Spital-Frenking. Seit 2012 Vertretungsprofessur an der Uni Dortmund.