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2. Preis
Kloster Marienstern in Mühlberg/Elbe

Mit einer geschickten Nutzung, die gut zur Bausubstanz passt, ist ein verlassenes Denkmal wiederbelebt worden: Das alte Kloster Marienstern avancierte zu einem überkonfessionellen Ort der Stille und Einkehr. Auf den heterogenen Bestand reagieren die Architekten Angelis und Partner dabei mit einer großen Bandbreite differenzierter Herangehensweisen – von der restauratorischen Instandsetzung über den Wiederaufbau verlorener Teile in moderner Form bis zur Erweiterung um einen gänzlich neuen Trakt. Die Gestalt der hinzugefügten Elemente ist nachvollziehbar aus den vorhandenen entwickelt, ohne sie zu kopieren.

{Text: Falk Jaeger

Mühlberg an der Elbe ist einer von vielen Orten in der ehemaligen DDR, die ratlos machen. Ein schönes altes Städtchen, mustergültig saniert, das Straßenbild fast zu schön, um historisch zu sein (aber die Patina wird schon noch kommen). Der Elbehafen mit dem neuen Anleger und das »Hafencafé« warten auf Freizeitschiffer. Alles in Ordnung hier, so scheint es. Doch es geht allzu beschaulich zu. Die Einwohnerzahl war schon zu DDR-Zeiten von knapp 9 000 auf 6 200 zurückgegangen. Heute leben nurmehr knapp 4 000 Bewohner in dem abgelegenen Ort im Südzipfel Brandenburgs und manch frisch sanierte Wohnung steht leer.
Ohne Zukunft schien auch das ehemalige Zisterzienserinnenkloster Marienstern am Nordrand der Altstadt. Gegründet wurde es 1228 und in seinen Grundzügen etappenweise errichtet bis 1355. Die reich geschmückte Westfassade der Kirche entstand vor 1500, der zweigeschossige Westflügel 1535, also schon zur Reformationszeit. Der hinhaltende Widerstand der altgläubigen Nonnen war dann 1540 endgültig gebrochen, das Kloster kam unter Zwangsverwaltung und durchlief im Lauf der Zeit das typische Schicksal säkularisierter mittelalterlicher Klöster. Es wurde auf einen Wirtschaftsbetrieb reduziert, was viele bauliche Veränderungen mit sich brachte. Im 18. Jahrhundert wurde die Anlage privatisiert. Die Kirche blieb weitgehend ungenutzt. Der Ostflügel und der Kreuzgang wurden zur Gewinnung von Baumaterial abgebrochen, der stattliche Westflügel wurde zum Herrenhaus, Um- und Anbauten veränderten das Bild der Anlage erheblich. Nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet, wurden die Gebäude von einer LPG, einem Kindergarten, dem DRK und einem Gesangverein genutzt. Nach der Wiedervereinigung sah sich die Stadt Mühlberg als Eigentümer plötzlich mit dem Problem konfrontiert, das kostenintensive Ensemble mit hohem Denkmalwert zu erhalten und einer adäquaten Nutzung zuzuführen.
Neuanfang in altem Gemäuer
So entstand der Plan, ein ökumenisches Haus für die Region Südbrandenburg und Sachsen zu etablieren. Die Ordensgemeinschaft der Claretiner nahm sich der Sache an. Doch auch die evangelische Kirche ist mit engagiert. Gemeinsam baut man das geistliche Zentrum als Ort der Einkehr und Stille auf, Kloster arienstern 2.0 sozusagen, das Tagungen, Seminare, Freizeiten und örtliche Veranstaltungen anbietet, aber auch für andere Organisatoren geistiger und kultureller Angebote offensteht.
Eine konventionelle denkmalpflegerische Aufgabe stellte sich dem Architekten Onno Folkerts vom Architekturbüro Angelis & Partner bei der Sanierung des Westflügels, die mit einer eingehenden bauarchäologischen Untersuchung begann. Neuzeitliche Um- und Einbauten wurden entfernt, Wandpartien aus dem 14. Jahrhundert herauspräpariert, Bauzier und Stuckdecken des frühen 16. Jahrhunderts restauriert. Im Erdgeschoss wurde der »Juttasaal« mit wunderbarem spätgotischem Zellengewölbe durch Ausräumen von späteren Einbauten und Auffüllungen wiedergewonnen. In diesem Bauteil ging es den Architekten um unauffällige Reparatur, um Ergänzung mit stilistisch angeglichenen Bauteilen, etwa nachgebrannten Schachbrett-Bodenfliesen. Entstanden sind eine Reihe von Versammlungsräumen unterschiedlicher Größe und Atmosphäre sowie zwei Gästezimmer.
Als Neubau heutiger Provenienz tritt der Ostflügel vor Augen, mit dem die Lücke des Klostergevierts wieder geschlossen wurde, die seit dem Abbruch des Kapitelsaals im Jahr 1594 bestand. In zwei Geschossen sind zwölf Gästezimmer untergebracht. Ein ursprünglich geplantes drittes Geschoss konnte aus Kostengründen nicht realisiert werden, hätte aber der ursprünglichen Kubatur der Klausur besser entsprochen, ebenso wie ein Dach aus roten statt grauen Ziegeln das Gesamtbild geschlossener gestaltet hätte. Ansonsten fügt der schlichte Ziegelbau mit tief eingeschnittenen, schmalen Fensteröffnungen dem Ensemble mit der Stilabfolge unterschiedlicher Bauzeiten wie selbstverständlich eine weitere Epoche hinzu. Die Gastzimmer, mit vom örtlichen Schreiner gebautem Interieur in hellem Holz, sind praktisch ausgestattet, aber naturgemäß von klösterlicher Schlichtheit. TV und WLAN gehören in einem Haus der Stille und Einkehr ohnehin nicht zum erwartbaren Standard.
Wiederaufbau in anderer Gestalt
Verbindendes Element ist in einem mittelalterlichen Kloster seit dem Idealplan der Benediktiner der Kreuzgang, ein im rechteckigen Klosterhof umlaufender, offener (im Winter kalter) Arkadengang, von dem aus alle Räume und die Kirche zugänglich sind. Der Kreuzgang im Kloster Marienstern ist seit vier Jahrhunderten abgängig. Über sein Aussehen gibt es keine Hinweise. Seine Lage konnte zum Teil durch Georadaruntersuchungen ermittelt werden. Die Architekten hatten nicht die Absicht, den Kreuzgang als Rekonstruktion wiedererstehen zu lassen. Dessen Funktion allerdings war erwünscht, um die neuerlich funktional zusammenhängenden Baulichkeiten Kirche, Versammlungsräume, Saal, „Dormitorium“ und Empfang auch gemeinsam zu erschließen. Ein neuer Kreuzgang würde diese Funktion am besten erfüllen und gleichzeitig den Bauorganismus ideell ergänzen und wieder erlebbar machen.
Ein rationalistisches Betontragwerk bildet das Dach des umlaufenden Kreuzgangs, unsentimental, nüchtern, unzweifelhaft eine moderne Zutat, und doch reflektiert der Kreuzgang den historischen Typus. Nur punktuell, dort wo das Mauerwerk belastbar bzw. historisch uninteressant erscheint, sind die Unterzüge des Gangs an die Wände der Klausur angeschlossen. Den Part der Arkatur übernimmt eine unprätentiöse Schürze aus metallenen Verschattungselementen. Die Decke des Gangs ist zur Schalldämpfung mit schlichten Heraklithplatten beplankt.
Der äußerst rigide Sparzwang hat zu einer einfachen, dennoch würdevollen Lösung geführt, hier wie an anderen Stellen im Kloster. Noch ist viel zu tun, in der Kirche, am Nordflügel, bei den Freiflächen. Der Ausbau geht langsam voran. Für manche Maßnahme haben die Architekten das Budget selbst akquirieren müssen. Onno Folkert, der einen Bürostandort im Nachbarort Herzberg hat, kennt die Region, den Ort, die Protagonisten und engagiert sich langfristig bei der Aufgabe, das Kloster zu einer überregionalen Institution zu entwickeln, die auch dem verschlafenen Städtchen Mühlberg neue Impulse verleiht. •
Standort: Altstädter Markt 9, 04931 Mühlberg/Elbe
Bauherr: Stadt Mühlberg/Elbe
Architektur: Angelis & Partner Architekten mbB, Oldenburg, Berlin, Herzberg, Wismar
Tragwerksplanung: Dr. Peter Thieme, Cottbus
HLS-Planung: IBH Ingenieurbüro Rainer Heimsch, Rastede
EnEV-Nachweis: Lutz Lehmann, Herzberg
Restaurierungsarbeiten: Ralf Schirrwagen, Doberlug-Kirchhain

Mühlberg/Elbe (S. 104)

 

Angelis & Partner
Onno Folkerts
1954 geboren. Architekturstudium an der FH Bremen, 1980 Abschluss und Eintritt ins Büro Angelis & Partner, seit 1995 Partner. Seit 1991 Leitung mehrerer Außenstellen des Büros, u. a. 2002-07 in Mühlberg.
Alexis Angelis
1971 geboren. 1992-99 Architekturstudium an der Leibniz Universität Hannover. Seit 2001 eigenes Büro, seit 2004 als Partner bei Angelis & Partner. 2002-04 Wiss. Mitarbeit an der Leibniz Universität Hannover, 2006 Gastdozent. Seit 2012 Gestaltungsbeirat Bremerhaven.
Phillip Raum
1977 geboren. 1997-2003 Studium an der Leibniz Universität Hannover und der University of Nebraska (USA). 2003-05 Partner bei 5elf Architekten, Hannover, 2005-10 Mitarbeit bei Barkow Leibinger. Seit 2010 Mitarbeit bei Angelis & Partner, Leitung des Büros Berlin.
Falk Jaeger
s. db 10/2013, S. 106
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