Tokio (JAP)

Neues Nationalstadion

Die Auswahl des Entwurfs für das neue Olympia-Stadion in Tokyo war holprig: Nachdem Zaha Hadid den Wettbewerb 2012 mit einem exaltierten »Fahrradhelm« gewonnen hatte, ätzten berühmte japanische Architekten wie Toyo Ito und Fumihiko Maki gegen den Jury-Entscheid. Auch Hadids nachgebesserter Entwurf ohne bewegliches Dach und auf kleinerer Fläche fand in Tokyo keine Gnade. Das Ergebnis wurde kurzerhand annulliert und eine zweite Konkurrenz, dieses Mal nur unter japanischen Bewerber-Teams aus Baukonzern und Architekt ausgelobt. Kengo Kuma setzte sich 2015 bei dieser ad-hoc-Mini-Auswahl als Huckepack-Architekt des Taisei-Baukonglomerats durch. Das doppelte Verfahren ließ Tokio als Gastgeber der Olympischen Sommerspiele in zeitlichen Verzug geraten. Das Nationalstadion aus den 60er Jahren, ein Meisterwerk des Architekten Mitsuo Katayama, wurde eilig abgerissen, um Platz für den Neubau zu schaffen. Dennoch ist das neue Stadion termingerecht fertiggestellt worden – mit dem letzten Schliff allerdings darf man sich umso mehr Zeit lassen, als die Eröffnung der Spiele wegen der Corona-Virus-Epidemie um ein Jahr verschoben wurde. Die Spiele sollen vom 23. Juli bis zum 8. August 2021 stattfinden.

Das jetzige Stadion mit drei Rängen ist alles, was Hadids Entwurf versprach nicht zu sein: Konventionell, baubar und behaglich. Während der Spiele werden 60 000 Zuschauer das Dachtragwerk bewundern können: Sein Stabwerk soll an die Pagode Gojunoto bei Nara erinnern.

Um keinen »weißen Elefanten« zu schaffen, wird das Stadion nach den Spielen zu einem Fußballstadion umgebaut und dann sogar 80 000 Zuschauern Platz bieten. Das ovale, weiße Teflon-Dach über den schüsselförmigen Rängen wird von einem Hybrid-Tragwerk aus Stahl und Holz-Fachwerkträgern getragen. Etwa 2 000 m³ Lärchen- (für die sichtbaren Bereiche) und Zedernholz-Laminate aus Japan (für die unsichtbaren) wurden verbaut. Angesichts der strengen Auflagen zur Erdbebensicherheit und zum damit verknüpften Brandschutz ist dies eine Revolution. Das Stadion wird mit Sprühnebel gekühlt. Um die Sportbegeisterten vor der Sommerhitze zu schützen, setzt Kuma Grünpflanzen in Trögen als Brise-soleil-Elemente ein. Der Dachrand trägt PV-Paneele. Japanische Laternen illuminieren das Stadion, in den Gesellschaftsräumen scheint Tageslicht durch Shoji-Wände – alles ist »typisch japanisch« – so wollte es der nationalistisch gesinnte Premierminister Shinzō Abe, auch deshalb wurde Hadids Entwurf einst gekippt.

~Ulf Meyer


Informationen zu den Wettkampfstätten »


Standort: 10-1 Kasumigaokamachi, Shinjuku City, Tokio 160-0013
Architekten:
Kengo Kuma & Associates, Tokio
Bauzeit:
Dezember 2016 bis Dezember 2019


Weitere Projekte von Kengo Kuma:
Kengo Kuma: OMM, EskisehirOdunpazarı Modern Müze (OMM), Eskisehir (TR) Kengo Kuma: Kengo Kuma: Victoria and Albert Museum DundeeVictoria and Albert Museum, Dundee (GB) Kengo Kuma: Coeda House, Atami (JAP)Coeda House, Atami (JAP)
Kengo Kuma: Teehaus, FrankfurtTeehaus, Frankfurt a.M. Kengo Kuma: »ArtLab« LausanneAusstellungsgebäude »ArtLab«, Lausanne (CH) Kengo Kuma: MarseilleFonds Régional d’Art Contemporain, Marseille (F)