Die neuen Kulturbauten in Marseille

Laisser-faire

Selbst in Frankreich tat man sich schwer damit, alle Bauprojekte rechtzeitig zum Kulturhauptstadtjahr fertig zu bekommen. Es ist aber vollbracht, Marseille hat einige diskussionswürdige Beiträge zur modernen Architektur vorzuweisen und wartet nur noch auf die Fertigstellung der letzten Baustellen und der zugehörigen öffentlichen Räume. Allem voran steht das MuCEM (Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée) mit seiner eindrucksvollen Fassadengestaltung aus ultrahochfestem Beton.

~Andreas Winkler, ~ge

Der natürliche, vor Wind und Wellen geschützte Hafen von Marseille wurde schon von den Griechen genutzt und bildete den Nucleus für die Ansiedlung. Eine sehr enge Einfahrt erlaubte die sichere Kontrolle und leichte Verteidigung. Zu beiden Seiten entstanden mächtige Festungsbauwerke; auf der Südseite eines von Vauban und gegenüber auf der Nordseite das Fort Saint-Jean, das, obwohl ohne nennenswerte Nutzung, vom französischen Militär bis in unsere Tage hinein blockiert war. Erst die Ernennung von Marseille und der gesamten Region Provence zur Kulturhauptstadt Europas 2013 ebnete den Weg zur Restaurierung und zur Öffnung für das Publikum – nun als Teil des groß angelegten Museums der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers (MuCEM). Neben den beiden Ausgliederungen bestehender Museen (Centre Pompidou-Metz und Louvre Lens) ist es seit der 2003 unter dem damaligen Präsidenten Jacques Chirac beschlossenen Dezentralisierung das erste französische Museum mit nationaler Bedeutung, das nicht in Paris gebaut wurde.
Von der Innenstadt kommend, muss der Fußgänger den tiefen Graben mit dem vierspurigen Boulevard du Littoral überqueren, der das Fort vom historischen Stadtteil Le Panier trennt. Das geschieht über eine 69 m lange Brücke in luftiger Höhe. Sie ist aus leichtem, aber extrem tragfähigem Faserbeton gefertigt, den der an der Côte d’Azur ansässige Architekt Rudy Ricciotti zusammen mit der Firma Lafarge entwickelt und zum Einsatz gebracht hat.
Den Besucher empfangen Gärten und Herbarien mit mediterraner Vegetation, Restaurants, Picknick-Plätze, ein Veranstaltungsbereich und Ausstellungen über die Festung. Eine zweite, 115 m frei überspannende Brücke führt hinüber auf das Dach des eigentlichen MuCEM-Gebäudes, »J4« genannt, dem unbestrittenen Star unter jenen Baulichkeiten, welche zum Kulturhauptstadtjahr entstanden sind. Rudy Ricciotti hat hier oben eine große Terrasse mit Restaurant, Ruhebereichen und Platz für Liegestühle eingerichtet. Schatten spendet eine Spezialität des Gebäudes: eine gitterartige Struktur aus ultrahochfestem Beton, die jeweils die Süd- und Westseite des Gebäudes komplett umhüllt, einen Großteil des Lichts und der Hitze absorbiert, Luftzirkulation zulässt und damit an Bauformen aus dem arabischen Raum erinnert; es entsteht ein angenehmer Halbschatten.
Der rund 4 m weite Zwischenraum zwischen Gitter und Außenhaut des Museums bietet einerseits Raum für einen Wald außenliegender, baumartiger, y-förmiger Stützen aus Faserbeton, welche die Ausstellungsebenen tragen, und andererseits für die Erschließung, die über eine Rampe ins EG hinabführt. Eine ziemlich lange Reise, bei der es leider kaum Einblicke durch die abgedunkelte Glasfassade hinein ins Innere gibt, dafür aber umso reizvollere Blicke hinaus aufs Mittelmeer.
Wahlweise ebenerdig vom Boulevard du Littoral oder vom Fort Saint-Jean aus über Rampe oder Lift gelangt der Besucher in einen ziemlich düsteren, wenig einladend wirkenden Foyerbereich mit Kassen, Buchladen und Cafeteria – er hat den Charakter einer Bahnhofshalle und leitet nicht eben spektakulär in die Ausstellung über. Man hat den Eindruck, durch einen Nebeneingang in die Dauerausstellung »Galerie des Mittelmeers« zu gehen. Hier wird die Vielfalt des Mittelmeerraums aufgefächert: vom bäuerlichen Leben, illustriert mit arabischen Schöpfrädern aus Mallorca und Pflügen aus Nordafrika, über eine Schäferhütte aus Albanien bis hin zu einem großen Bereich über Jerusalem. Es entsteht der Eindruck, dass es nicht gelungen ist, das Thema in seiner ganzen Komplexität zu erfassen und vieles fehlt – eine sehr französische Sicht des Mittelmeers. Für die Szenografie zeichnet Adeline Rispal, Paris, verantwortlich, die den stützenfreien Raum mit weißen Vorhängen in einzelne Kompartimente aufgeteilt hat. Der Wechselausstellungsbereich im 2. OG zeigt mit »Schwarz und Blau« ein merkwürdiges Nebeneinander von Mittelmeer-Malerei und Medienzeugnissen verschiedener kriegerischer Konflikte. Auch hier entsteht der Eindruck enormen Zeitdrucks, unter dem Inhalte und Exponate zusammengewürfelt werden mussten.
Abgehängte Esplanade
Die mit dem Kulturhauptstadt-Projekt verbundenen erheblichen Fördermittel flossen u. a. auch in die Verbesserung der Infrastruktur. Besonders deutlich zeigt sich das auf dem Gelände der ehemaligen Docks zwischen dem Fort Saint-Jean und dem Gare Maritime, von wo aus die Schiffe nach Korsika und Nordafrika abfahren. Es wurde freigeräumt, mit neuen Funktionen bedacht, »Esplanade« genannt und wartet nun auf Bebauung, Begrünung, Nutzung. Unter Esplanade stellt man sich allerdings etwas anderes vor. Alles wirkt ziemlich leer, obwohl neben dem MuCEM ein weiterer Neubau auf sich aufmerksam macht: die »Villa Méditerranée«, ein etwas merkwürdiges Gebäude von Stefano Boeri, das als Kongresszentrum für mediterrane Fragen dient, was auch immer das sein mag. Es soll das Meer ins Haus hineinholen, weshalb das große Ausstellungsgeschoss 40 m weit über einem Bassin auskragt und der größte Teil mit Auditorium und weiteren Ausstellungsflächen darunter im Untergrund versenkt wurde. Die aufwendige Konstruktion lässt sich von außen nur schwer erahnen, innen dominiert sie den Raumeindruck mit technizistischem Charme. Wer vom Boulevard du Littoral her kommt, sieht zunächst die Villa Méditerranée, sie verdeckt das dahinter gelegene MuCEM – was nicht weiter schlimm ist, denn Letzteres zeigt sich nach Norden hin ohnehin nicht von seiner besten Seite, nämlich mit einer schlichten Glasfassade ohne die charakteristische Betongitter-Struktur.
Jenseits der Küstenstraße, und somit immer noch schwer zu erreichen, liegt das im März eröffnete »Museé Regards de Provence«, die Stiftung eines Sammlers mit provenzalischer Kunst. Es handelt sich um die Modernisierung und den Umbau einer alten, lange Zeit vom Abriss bedrohten Sanitätsstation der Architekten Fernand Pouillon und René Egger aus dem Jahre 1948. Die Cafeteria bietet einen schönen Ausblick auf Hafen und MuCEM.
Darüber thront, erhöht auf einer Art Domplatte aus dem 19. Jahrhundert, die Kathedrale »la Major« in neoromanisch-byzantinischem Stil. Auch sie bleibt während des ganzen Kulturhauptstadtjahrs, wie überhaupt das gesamte Altstadtviertel Panier, durch breite Straßen von der Esplanade abgetrennt. Es ist beklagenswert, dass der Boulevard du Littoral bis heute noch nicht zur Gänze unter die Erde gelegt wurde, fließt doch der Transitverkehr, den die Autobahn bis tief in die Innenstadt hineinspült, bereits im Tunnel. Schuld daran ist die Dauerbaustelle »Les Voûtes de La Major«, ein Einkaufszentrum mit 5 000 m² Fläche, das die ehemaligen Lagergewölbe im Sockel der Kathedrale belegt und eine attraktive, autofreie Verbindung der unterschiedlichen Geländeniveaus herstellen soll. Besitzerwechsel, Bauverzögerungen, unbekannter Eröffnungstermin …, warum sollte es in Marseille besser laufen als anderswo? Das städtebauliche Konzept erklärt sich dem Besucher derweil noch nicht. Es bleibt zu hoffen, dass nach der Fertigstellung – auch der vorgelagerten Promenade – noch ein wenig gebauter Raum und v. a. etwas Leben in dieses Vakuum kommt.
Neben den großen Bauten brachte das Kulturhauptstadtjahr auch jede Menge »Gimmicks« in die Stadt. Dazu gehören das faszinierende Spiegeldach, das Norman Foster aus rostfreiem Stahl am Kopfende des Vieux-Port platziert hat, und ›
› auch die kleinen, einheitlichen Geräteschuppen für Segler und Fischer an den Bootsstegen in Blockbauweise aus etwa 8 cm dicken Holzbohlen, die ein einheitliches Bild in den alten Hafen bringen. Neben dem barocken Rathaus (übrigens immer noch geziert vom Sonnenkönig Louis XIV) ist ein Holzbau entstanden, in dem sich alle Museen Marseilles präsentieren. Die Konstruktion besteht aus unregelmäßigen Rahmen aus Holzleimbindern mit dazwischen liegender Verglasung und soll später wieder abgetragen werden.
Zwei weitere Großbauten sollen das übel beleumundete, ziemlich heruntergekommene Hafenviertel Grands-Carmes aufwerten. Zum einen die »Tour CMA CGM« von Zaha Hadid, die Hauptverwaltung eines Logistikunternehmens, ein 145 m hoher Stumpen, der als Landmarke des Hafens fungiert, leider aber keine besondere Stelle markiert und irgendwo anders genauso gut hätte stehen können. Zum anderen das Gebäude für den Fonds Régional d’Art Contemporain, das sehr viel erfreulicher ausgefallen ist. Der »Frac« sammelt und vermittelt zeitgenössische Kunst und bekam dazu vom Architekten Kengo Kuma (Tokio) eine Mischung aus Museum und Büro hingestellt. Das spektakuläre Hochhaus beeindruckt mit Freibereichen auf dem Dach und in einem über drei Geschosse reichenden Einschnitt im Baukörper. Charakteristisch sind weiße, rechteckige Blenden, die in verschiedenen Winkeln ein unregelmäßiges, schachbrettartiges Muster bilden. Auch diese Institution ist der Dezentralisierung zu danken und hilft mit, das Image der Stadt als Schmuddelkind am Hafen zu verändern.
Dass die Planungen für Marseille und deren Realisierung noch nicht ihr Endstadium erreicht haben, ist freilich bedauerlich und für die »Grande Nation« schmachvoll – aber verzeihlich, denn man ist ja hier im »midi«, im Süden, wo alles etwas langsamer, vielleicht aber auch entspannter geht. •
Der frankophile Autor Andreas Winkler ist in Karlsruhe ansässig und als Architekt u. a. im Produktdesign und in der Lehre tätig. http://www.mp2013.fr/le-territoire/villes-en-mutations/
… Mit leichtem Ostwind sind wir nach Marseille gesegelt. Schon von Weitem sieht man das neue Hochhaus von Zaha Hadid – es steht noch ganz alleine und unvermittelt mitten in der Stadt. Meiner Meinung nach sollten noch einige dazukommen. Die Villa Méditerranée hat mich nicht überzeugt. Und auch das MuCEM nicht ganz – es ist zwar ziemlich spektakulär und die durchbrochene Fassade sehr interessant, aber, wenn man um das Museum herumgeht, sieht man gleich, dass die Details nicht gepflegt wurden und nicht durchdacht sind. So musste schon ein Drahtzaun angebracht werden, damit spielende Kinder sich nicht verletzen.
Wirklich überzeugt hat mich das Dach von Norman Foster. Funktional top, denn da, wo die Touristen auf die Abfahrt der Ausflugsboote warten müssen, gibt es nun Schatten, und dank der verspiegelten Untersicht ergibt sich ein wunderschönes Spiel von Distanz und Bewegung; so ist das Warten überhaupt kein Ärgernis mehr. Auf jeden Fall hat man wieder einmal den Eindruck, dass nicht überlegt wurde, dass diese Gebäude über viele Jahre hinweg mit Inhalt gefüllt werden müssen und diesen zu erarbeiten viel Geld kostet, welches man in Marseille mit seiner extrem hohen Arbeitslosigkeit wohl besser ausgeben könnte. Interessant war der Besuch von Marseille aber auf jeden Fall, und eine ausgezeichnete Bouillabaisse gab es ebenfalls!
Die segelnde Urlauberin ist Inhaberin der architekturaffinen Presse-Agentur Gianoli PR in Bern.