16. Architekturbiennale in Venedig

Leere als Prinzip

Die 16. Architekturbiennale in Venedig steht unter dem Motto »Freespace«. Als einer der wenigen politischen Beiträge fällt im Deutschen Pavillon die Berliner Mauer zum zweiten Mal. Doch der Goldene Löwe ging bezeichnenderweise an den Spaßbeitrag der Schweiz, die den Löwen damit überhaupt zum ersten Mal bekommen hat.

~Bernhard Schulz

Selten wurde im Vorfeld der Architekturbiennale in Venedig so viel über den deutschen Beitrag gesprochen und geschrieben wie dieses Mal. Das Vorhaben des Büros GRAFT und der Bürgerrechtlerin Marianna Birthler, mit dem Titel »Unbuilding Walls« den Fall der Berliner Mauer und die Öffnung der innerdeutschen Grenze vor 28 Jahren – so lange her, wie die Mauer zuvor gestanden hatte – zum Ausgangspunkt einer Bestandsaufnahme zu machen und zu untersuchen, was sich seither in diesem Grenzraum architektonisch getan hat, erregte Aufmerksamkeit weit über den engeren Fachzirkel hinaus. In langen und zahlreichen Interviews, die die drei GRAFT-Männer Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit gemeinsam mit Frau Birthler bereitwillig gaben, ging es stets um Grundfragen der deutschen Einheit. So war die Messlatte hoch, als sich die Besucher zur Eröffnung vor dem Pavillon in den Giardini in Venedig stauten. Sie war, wie sich zeigten sollte, dann doch ein gutes Stück zu hoch.

Nicht, dass GRAFT gestalterisch enttäuschte. Das Trio, das seine Karriere sehr öffentlichkeitswirksam mit Aufträgen in Los Angeles begonnen hatte, »kann« Innenarchitektur, das hat GRAFT von der Zahnarztpraxis bis zum renovierten Altbau hinlänglich bewiesen. In Venedig blickt dem Besucher durch das Portal des Pavillons erst einmal eine schwarze Mauer entgegen, hermetisch geschlossen wie das reale Vorbild zwischen den Stadthälften Berlins. Doch dann, beim Hineingehen, verschiebt sich die Perspektive, erweisen sich die einzelnen Segmente als hintereinander gestaffelt und geben Zwischenräume frei, durch die der Besucher in den Pavillon schlüpfen und in ihm herumwandern kann. Dort fungieren die »Mauersegmente« als Stellwände, auf deren Rückseite jeweils ein Projekt, sei’s stadt- oder landesplanerisch oder architektonisch, dargestellt und erläutert wird, das für den zuvor tödlich gesicherten Grenzstreifen in Angriff genommen und / oder auf ihm realisiert worden ist.

Das ist alles richtig, auch ein wenig schulmeisterlich wie eine Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung, deren Präsident, der frühere Berliner Senator der Nachwendezeit Thomas Krüger, an den Vorgesprächen ja auch beteiligt war. Aber, so recht zünden will es nicht. Warum? Lars Krückeberg hat in einem Vorab-Interview einen entscheidenden Hinweis gegeben: »Wir wollen erreichen, dass es auch für Besucher, die wenig Zeit im Pavillon verbringen, einen Moment gibt, in dem sie die Quintessenz der Ausstellung emotional erleben können.« – »Emotional erleben«, das ist allerdings genau das, was dem deutschen Beitrag abgeht. Über den Aha-Effekt der Mauer hinaus, die sich beim Hineingehen optisch öffnet, spricht der Pavillon eben jene emotionale Ebene nicht an, die sich mit dem Fall der Mauer, mit dem Zerreißen des Eisernen Vorhangs quer durch Europa verbindet.

Dabei hat der deutsche Beitrag beinahe ein Alleinstellungsmerkmal: Er ist politisch. Er ist das, was die Biennale-Kuratorinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara, die für die Themenausstellung im Zentralpavillon der Giardini – dem ehemaligen Padiglione Italia – und den Corderie im Arsenal-Gelände zuständig sind, im Übrigen gerade nicht wollten. Ihr Motto »Freespace«, unterfüttert durch ein eher poetisches als argumentenscharfes »Manifest«, zielt auf Architektur ohne politischen, ökonomischen oder sozialen Auftrag ab, wie sie bei der vorangehenden Biennale von Sonnyboy Alejandro Aravena allzu plakativ in den Vordergrund gerückt worden war.

Die 71 eingeladenen Architekten respektive Büros, die in den beiden Teilen der Zentralausstellung, v. a. aber im Arsenal ausstellen dürfen, haben die Einladung dann auch gerne angenommen, einfach mit dem loszulegen, was sie gerade im Sinn hatten. Es darf gebastelt werden!, scheint in den Corderie die Hauptlosung gewesen zu sein, dankbar befolgt etwa von Andra Matin aus Indonesien, der die seit Jahren so beliebten »lokalen Materialien« für tropische Leichtbauten verwendet, oder BC Architects & Studies aus Belgien, die ein bisschen Ziegelmauerwerk aufführen, oder gar VTN Architects, die eine Bambusstruktur aus dem heimatlichen Vietnam bis ans Arsenale-Wasserbecken transportieren ließen. Manch einer brachte Modelle, wie Laura Peretti mit einem der wenigen Sozialbauprojekte der ganzen Biennale, und manchem reichen Fotos, wie Rafael Moneo oder dem mit einem Goldenen Löwen preisgekrönten Eduardo Souto de Moura.

Den Goldenen Löwen für den besten der diesmal nicht weniger als 63 Nationenbeiträge heimste (erstmals) die Schweiz ein, für das Scherzprojekt »Svizzera 240: House Tour«, das mit unterschiedlichen Maßstäben einer fiktiven Inneneinrichtung spielt und den Besucher mal als Riesen durch niedrige Türchen kriechen und mal als Zwerg (oder Kleinstkind) kaum an die Türklinke heranreichen lässt. Bei den Briten darf man auf ein den ganzen Pavillon überspannendes Gerüst klettern und sich Nachmittagstee servieren lassen, bei den Franzosen sich der bei unserem westlichen Nachbarn nicht minder als bei uns beliebten Heimwerkelei, hier als Bricolage bekannt, hingeben, bei den Japanern Zeichnungen bestaunen und im Russischen Pavillon eine von der Staatsbahngesellschaft bezahlte Ausstellung über den zivilisatorischen Charakter der Eisenbahn in dem Riesenland bestaunen – und vielleicht daran denken, dass die großartige Transsib eine Errungenschaft bereits des späten Zarenreichs ist, aber das nur nebenbei. Immerhin, im Olympia-Spekulationsort Sotschi ist ein Bahnhof von Calatrava-artiger Anmutung entstanden.

Es sind die kleineren Länder, die mit ihren Beiträgen glänzen. Ägypten widmet sich der informellen Struktur der Straßenhändler, die das Stadtbild prägen und so etwas wie eine ungeplante Stadtplanung bewirken, freilich immer wieder bedroht und verscheucht von einer Staatsmacht, die selbst zu keinerlei Planung fähig ist. Das Ganze mit Hunderten von Objekten von Händlern und Trödelmärkten verziert, die von der Decke hängen, über einem Straßenkarren, der mit einem Mal wie ein Füllhorn erscheint – Metapher dafür, dass die Fülle des Stadtlebens eben auch aus ihren ärmsten Teilen erwachsen kann.

Dafür hatte die Jury kein Auge. Und aus politischen Gründen nicht für Israel, das sich dem heiklen Thema der Religionskonflikte, auch

derer innerhalb der Religionen widmet, anhand der Grabeskirche in Jerusalem, um deren Inneres fünf Konfessionen einen absurden Kleinkrieg führen, bis hin zum Recht auf das Wischen einer einzelnen Treppenstufe; dann der Patriarchengräber in Hebron, die alle drei monotheistischen Religionen als Heiligtümer verehren und in deren Betrieb sie sich abwechseln (müssen); und schließlich des Tempelbergs, dessen seit der israelischen Eroberung von 1967 freigeräumter Platz vor der Westmauer (die nur im Deutschen »Klagemauer« heißt) Gegenstand endloser, fruchtloser Planungen ist, bis hin zum irrwitzigen Vorschlag eines Architekten und Likud-Mitglieds, auf einer pfeilergestützten Grundplatte neben dem Plateau des Hügels den »Dritten Tempel« als Kopie des von den Römern 70 n. Chr. zerstörten (zweiten) Tempels zu errichten.

Und das Gastgeberland auszuzeichnen, bestehen wohl stets gewisse Hemmungen. Dabei ist Italien diesmal so stark wie lange nicht: In acht »Rundfahrten« von den Alpen bis nach Sardinien sind Dutzende von Projekten aufgeführt, von Schutzhütten in den Bergen bis zu Interventionen in den Ortskernen dessen, was uns voller Sehnsucht als Inbegriff abendländischer Stadt dünkt. Das ist, ganz hinten in den »Tese« genannten Bauteilen des Arsenale, endlich einmal eine Übersicht gebauter Architektur, sachlich und unprätentiös, wie man sie nicht erst bei dieser Biennale ansonsten so schmerzlich vermisst.

Interessant sind auch die arabischen Teilnehmer: Saudi-Arabien, das erstmals auftritt, mit einem selbstkritischen Beitrag zum ungebremsten Wachstum seiner Städte – bei der Vorbesichtigung vorgestellt übrigens von jungen Leuten ohne Scheu und Schleier –, und die VAE mit einer Untersuchung der nicht-autogebundenen Pfade innerhalb der Stadt, so etwas wie ein Hilferuf, die Emirate nicht länger nur als Heimat spritfressender Allradler anzusehen. Nur Bahrein, vor Jahren mit seinem Beitrag »Reclaim« Löwen-prämiiert, kehrt mit einem Verweis auf die Rolle der Moschee den spirituellen freespace gegenüber allem Gebauten heraus.

Wo Saudi-Arabien teilnimmt, darf der Vatikan nicht fehlen, möchte man witzeln – denn tatsächlich hat sich auch der Heilige Stuhl ein erstes Mal zur Teilnahme entschlossen. Und klotzt gleich richtig: Auf der (dem Staat gehörenden) Klosterinsel San Giorgio Maggiore, die über einen enorm weitläufigen, baumbestandenen Park verfügt, durften zehn Architekten, einsam bestimmt vom Bauhistoriker Francesco dal Co, »Kapellen« genannte Andachtsbauten oder -räume schaffen. Sie sind, ums kurz zu machen, nicht wirklich der Rede wert, Souto de Moura vielleicht ausgenommen, der sich von einer Natursteinfirma den schönen gelben Kalkstein in Blöcken hat liefern lassen, aus denen er seinen kargen Bau gefügt hat; nicht ganz unähnlich der Ästhetik übrigens, mit der sich Carlo Scarpa so fein und doch spürbar in die Baugeschichte Venedigs eingeschrieben hat. Hunderte, wohl gar Tausende kamen zur Eröffnung des Vatikanauftritts – und wären mal lieber anderentags in den Zentralpavillon gepilgert, wo – ein Höhepunkt dieser Biennale – Peter Zumthor 16 Modelle seiner Bauten hat aufstellen lassen, darunter das der Bruder-Klaus-Feldkapelle in der Eifel. An deren Qualität reicht keines der Vatikan-Häuschen auch nur im Entferntesten heran. Mit seinem protzigen Auftritt tut sich die römische Kirche wahrlich keinen Gefallen. Und überhaupt – im Großen und Ganzen kann man dieser Biennale, der Biennale der beiden gutwilligen, von der Größe ihrer Aufgabe augenscheinlich überforderten irischen Architektinnen, keine lange Erinnerungsdauer voraussagen.

Der Autor ist Redakteur im Kulturressort des Tagesspiegel Berlin.

Architekturbiennale Venedig, bis 25. November. Zweibändiger Katalog (ital. o. engl.) 80 Euro. www.labiennale.org