Das Thema Energie in doppelter Lesart: Im Vordergrund der Pipeline-Beitrag Estlands, im Hintergrund der Deutsche Pavillon mit gleißendem Lichtvorhang

Architekturdämmerung in Venedig

Nachbetrachtungen: Eine Biennale sollte es werden, die den Traum von den Möglichkeiten (der Architektur) lebendig halte, ohne sich im gefährlichen Vertrauen auf Utopien zu verlieren. Das war eine der (kryptischen) Kernaussagen, mit der Aaron Betsky als diesjähriger Kurator der Architekturbiennale sein sehr offenes Programm umriss und seinen hohen Anspruch »Out there – Architecture beyond build-ing« postulierte. Ein Anspruch, dem nicht nur er, sondern auch viele weitere Teilnehmer nur in Teilen gerecht werden konnten.

Eine Biennale der gescheiterten Träume? Nur zu Teilen. Vielleicht auch ein Abbild des aktuellen Aktionismus im Architekturgeschehen, das seine klare Ausrichtung noch nicht gefunden hat. Oder akzeptieren muss, dass die Anforderungen an Architekten mittlerweile genauso komplex-undurchsichtig sind wie das gesamte Globalisierungsgeschehen.

Wenig Zeit sei ihm nach seiner späten Nominierung zu Anfang des Jahres geblieben, die diesjährige Architekturbiennale zu kuratieren, berichtete Betksy auf der Pressekonferenz während der Preview-Tage Mitte September in Venedig. So habe er, anders als sein Vorgänger, nicht die Möglichkeit gehabt, sich durch ausgedehnte Reisen weltweit auf die Suche nach richtungsweisenden Projekten zu machen. Und, so Betsky weiter, deshalb wäre sicher eine Lücke im Bereich der Ideen, die im Mittel- und Südamerika entstehen sowie in weiteren Regionen, zu verzeichnen. Deshalb – das nahm er gleich vorweg – akzeptiere er die Kritik, nicht mit genügend wegweisenden Projekten aufwarten zu können.
Die im Arsenale und zum Teil auch im von ihm mitbetreuten Italienischen Pavillon vertretenen Büros und Projekte seien unter anderem als Resultat aus einer Ideenwerkstatt hervorgegangen, die er gemeinsam mit seinen Studenten als einen Intensivworkshop für die Suche nach richtungsweisenden Architekturbüros veranstaltet habe.
So weit, aber nicht so gut. Der Versuch einer Entschuldigung im Vorhinein, weil er selbst mit dem Resultat seiner Arbeit nicht so zufrieden ist? Vielleicht. Über das Ergebnis mag man in weiten Teilen tatsächlich streiten. Schließlich hat Betsky mit dem Thema »Out there – Architecture be-yond building«, das in den deutschen Übersetzungsversionen sehr unterschiedliche Interpretationen zuließ, schon einen hohen Anspruch gesetzt. Und an dem muss er sich messen lassen. Denn wie eine Architektur über das Gebaute hinaus aussehen könnte, ist vielleicht eher ein Thema für ein architekturtheoretisches Symposium als für eine Biennale. Wie schwierig die Umsetzung, sofern sie in den einzelnen Länderpavillons angestrebt wurde, war, davon konnte man sich bei einem Rundgang durch die Giardini überzeugen. »Wie können wir uns durch Architektur die moderne Welt zu unserem Zuhause machen?«,die zweite von Betsky immer wieder aufgeworfene Frage, schien den Anspruch dann auch teilweise zu konterkarieren. Zumindest machte sie es nicht leichter, seinen kuratorischen Ansatz zu verstehen.
Dass Betsky als Autor mit häufig intelligent- provokanten und gelegentlich süffisanten Thesen zu brillieren weiß, zeigt sich in der Vielzahl seiner Schriften. Inwieweit eine solche Haltung bei einer so kurzen Vorlaufzeit eine ganze Biennale tragen kann, erscheint angesichts der Ergebnisse eher zweifelhaft.
»Familientreffen«
So ist es – mit einem gewissen Glamour-Faktor, dem auch Betsky nicht abhold ist – in weiten Teilen ein »Familientreffen« geworden. Aaron rief und Frank (O. Gehry, sein großer Freund und Förderer), Zaha (Hadid), die exzentrische Diva der Architektur, aber auch die alten Weggefährten Thom (Mayne) und Wolf (Prix) waren zur Stelle. Und an mehr als einer. Im Italienischen Pavillon, an dessen Konzeption Betsky beteiligt war, bekam jeder von ihnen eine eigene »Hall of Fame«, und im Arsenale genügend Platz zur Selbstdarstellung, wobei dort noch am ehesten Prix – zwar mit einem eigenen Remake – zu überzeugen wusste. Als »Meister des Experimentellen« wurden sie auf jeweils großzügig bemessener Ausstellungsfläche präsentiert. Kein Zweifel an ihrer Bedeutung für die Architektur – aber sind es nicht eher Klassiker des Experimentierens?
Die Meisterschaft mag man ihnen gewiss nicht absprechen, aber vielleicht die anhaltende Experimentierfreudigkeit, die bei einigen von ihnen eher einem saturierten Starkult gewichen ist. Gehrys Lehmbaustelle ebenso wie Hadids »Schönes Wohnmöbel« jedenfalls zeigten nicht auf, wie eine Architektur aussehen könnte, die sich jenseits des Gebauten versteht, oder präziser, die sich in ihrer Verantwortung vornehmlich jenseits des Gebauten versteht.
Die Verleihung des Goldenen Löwen der Architekturbiennale an Frank O. Gehry für sein Lebenswerk, ein Vorschlag Betskys, dem das Direktorium der Biennale unter Vorsitz von Paolo Baratta folgte, war, dessen ungeachtet, eine nachvollziehbare und richtige Entscheidung. Gehry habe die moderne Baukunst transformiert, konstatierte Betsky während der Preisverleihung.
Das alte Thema
»Architektur jenseits von Gebäuden«, »Architektur, die über das Gebaute hinausgeht«, um nur ein paar der eher unglücklichen Übersetzungen des im Englischen so prägnanten Biennale-Mottos aufzuführen, ist ein Thema, das Betsky schon seit den frühen Neunzigern umtreibt. Was einerseits für ein frühes Problembewusstsein spricht, andererseits aber erstaunt die Wahl, da er im Zuge von dessen Erörterung eigentlich hätte wissen müssen, dass gerade eine Biennale mit ihrem jeweils länderspezifischen Selbstdarstellungsdrang wohl kaum den richtigen Rahmen für einen Diskurs darüber bieten können würde.
Was zur Frage danach führt, wie zeitgemäß das Konzept von Länderpavillons für eine Architekturbiennale überhaupt noch ist. Wirken sie doch zum Teil wie überdimensionierte Bühnen, die im zweijährigen Rhythmus bespielt werden müssen. Ob dies in Zeiten der auch und gerade in Venedig immer wieder thematisierten Globalisierung noch sinnvoll ist, mag man bezweifeln. Andererseits, wer käme und wäre bereit, das ganze Event mit zu finanzieren, wenn es diese Spielstätte nicht gäbe? Egal wie, Hauptsache bespielt, ist man geneigt hinzuzufügen, wenn man sich unter anderem den diesjährigen Beitrag Deutschlands ansieht.
»Updating Germany«
Was immer die Jury bewogen haben mag, diesen Beitrag – wieder einmal aus der Berliner Ecke – zu wählen, erscheint schwer nachvollziehbar. Ebenso wie der Bezug zum Biennale-Thema. Aber das mag auch daran liegen, dass ›
› dieser schon »beschlossene Sache« war, als die Frage nach »architecture beyond building« aufgeworfen wurde. Dem spannungsreichen Anspruch begegnen die Kuratoren mit einer bunten Spielelandschaft zum Thema »Gelungene ökologische Projekte in Deutschland« in langweiligster Oberlehrermanier.
Nicht laut, aber relativ einstimmig schwang dann bei der Er-öffnung des Deutschen Pavillons bei den Besuchern Enttäuschung mit. Da konnte Engelbert Lüdtke-Daldrup auf wackligem Podest noch so engagiert die Zukunftsträchtigkeit des Projekts loben, der schale Geschmack eines multiplen Déjà-vus blieb im Raum. Das Fazit: Ein schöner Gedanke macht noch kein schlüssiges Konzept – ungeachtet der verführerischen Wortblasen an der Oberfläche.
… UND ES GIBT SIE DOCH: Entdeckungen
Spannend, neu und eher im Geiste der Aufforderung nach einer Architektur über Gebautes hinaus waren Kroatien und Estland – und der von Betsky selbst ausgelobte studentische Wettbewerb »Everyville«, der vielleicht dem Gedanken der diesjährigen Biennale am nächsten kam. Die Esten, denen kein eigener Pavillon in den Giardini beschieden ist, fanden dennoch ihren Weg dorthin – mit einer Installation. Sie verlegten entlang des Wegs vom Russischen zum Deutschen Pavillon eine leuchtend gelbe Pipeline. Ein Protest gegen das geplante Projekt Nordstream, mit dem Gas übers Baltikum von Russland nach Deutschland geleitet werden soll. Ironisiert wurde das Ganze durch eine in die Pipeline eingebaute Kamera, die Livebilder der ratlos »in die Röhre guckenden« Be- sucher ins Arsenale schickte.
»The Architecture after tomorrow«, ließe sich das preisgekrönte polnische Konzept in Anlehnung an den Klimakatastrophenfilm zusammenfassen. Was könnte mit Gebäuden geschehen, wenn sie ihrer ursprünglichen Nutzung beraubt, adaptiert werden. Kirchen zu Freizeitbädern, Hochhäuser zur Urnenwänden und Flughäfen zu Tierzucht-Anlagen, lautete die (fragende) Antwort.
Vielleicht hat Betsky für Venedig genau die richtige Frage gestellt und fast alle sind eine Antwort schuldig geblieben. Aus dieser Erkenntnis ließe sich bestimmt der größte Gewinn ziehen, sofern jemand den Mut dazu aufbringt. ~elp