Neue Nutzung für Schlüsselwerk von Aldo van Eyck

Bürolandschaft statt Waisenhaus

In Amsterdam hat Wessel de Jonge das berühmte Waisenhaus von Aldo van Eyck modernisiert – um nach langem Leerstand Büros darin unterzubringen. Welche Eingriffe waren dafür nötig und sind sie denkmalgerecht ausgeführt?

Text: Anneke Bokern

Aldo van Eycks Waisenhaus in Amsterdam – wer hat es nicht mindestens einmal im Architekturstudium vorgesetzt bekommen? Der 1961 eröffnete Bau ist ein Prototyp des Strukturalismus und läutete beinahe im Alleingang das Ende der Spätmoderne in den Niederlanden ein. Mit der hierarchielosen Zellenstruktur, die auf einem einzigen, simplen Raummodul basiert, wollte Aldo van Eyck das menschliche Maß wieder zum Eichpunkt der Architektur machen »Die Idee war, dieses Kinderheim davon zu überzeugen, dass es sowohl ein Haus als auch eine Stadt sein sollte; ein Haus wie eine Stadt und eine Stadt wie ein Haus«, schrieb er. Acht Pavillons und mehrere Patios sind in eine Binnenstraßen-Landschaft eingebettet. Die Konstruktion besteht aus Stützen, Trägern und Kuppeln aus Beton, ausgefacht mit Sichtmauerwerk und Glasbausteinen.

30 Jahre lang diente das Gebäude als Heim, anfänglich für 118 Kinder und 25 Mitarbeiter. 1986 wollte die Organisation es durch einen weniger eigenwilligen Neubau ersetzen, aber Aldo van Eycks Schüler Herman Hertzberger setzte sich, unterstützt von zahlreichen internationalen Architektenkollegen, für den Erhalt ein und richtete schließlich 1991 das Berlage-Institut (ein Postgraduierten-Labor für Architektur) im Südteil des Gebäudes ein. Nachdem das Institut 1997 ausziehen musste, wurde das Waisenhaus 15 Jahre lang mehr schlecht als recht als Gewerbebau genutzt. Zuletzt stand es größtenteils leer. Sein Schicksal wendete sich, als es 2014 von einem privaten Investor übernommen wurde, der es wieder in altem Glanz erstrahlen lassen wollte – allerdings mit einer neuen Aufgabe als Bürobau. Im selben Jahr wurde es unter Denkmalschutz gestellt.

Funktionsänderung – eine Herausforderung bei Denkmalen

Den Auftrag für die Konversion erhielt das Rotterdamer Büro Wessel de Jonge, das bereits viel Erfahrung mit der Transformation moderner Architekturikonen vorweisen konnte. Anfänglich sollten die Pavillons alle als autonome Einheiten eingerichtet und einzeln vermietet werden, aber dann fand sich ein Projektentwickler als alleiniger Mieter für das gesamte Gebäude, was den Umbau deutlich vereinfachte. Die Aufgabe lautete nun, das Waisenhaus in eine offene Bürolandschaft für flexibles Arbeiten zu verwandeln und es den aktuellen energetischen Standards anzupassen. Die Neugestaltung des völlig verwahrlosten Außenraums übernahm das Landschafts- und Städtebaubüro Atelier Quadrat.

Zukünftige Funktionsänderungen hatte Aldo van Eyck in seinem Entwurf eigentlich nicht vorgesehen. Seinen Bau hatte er ganz auf Kinder als Nutzer zugeschnitten, mit eingebauten Leseecken und gemauerten Bänkchen, deren Höhe auch noch nach Altersgruppe variierte. Vieles davon war im Laufe der Zeit bereits verschwunden, aber was noch vorhanden war, haben die Architekten geschickt in den Umbau eingegliedert. So dient manch eine ehemalige Spielnische nun als Besprechungszone, und aus dem Festsaal mit Sitzkuhle wurde ein großer Arbeitsraum für das Kreativteam. Für die Farbgestaltung der neuen Interieurs wurde van Eycks Farbpalette analysiert und als Grundlage genutzt.

Burgerweeshuis Aldo van Eyck in Amsterdam

Bild: Aviodrome Lelystad – Luchtfoto archief (Trefwoorden: Amsterdam weeshuis)

Die Kuppeln von Aldo van Eyck

Besonders charakteristisch für den Bau ist sein von arabischen Kasbahs inspiriertes Kuppeldach. Ursprünglich hatten die Betonkuppeln eine raue Innenseite, die aber in den 1990er Jahren – wie alle Betonoberflächen im Gebäude – mit einer glatten, graugrünen Beschichtung überzogen worden war.  Die Architekten ließen die Beschichtung entfernen und reinigten den freigelegten Beton und das Mauerwerk. Bei den Kuppeln entschieden sie sich jedoch für eine dünne Spritzbetonschicht, die optisch dem ursprünglichen Beton ähnelt, die Akustik verbessert und in die alle Leitungen integriert werden konnten. Auch LED-Leuchten wurden in die Kuppeln eingebaut – eine unter Puristen umstrittene Maßnahme, denn bei van Eyck gab es keine Deckenleuchten. Aber wie alle Eingriffe wurde auch dieser in Absprache mit einer gemeinschaftlichen Kommission aus Denkmalschutz und Gestaltungsbeirat durchgeführt und ist im Zweifelsfall reversibel.

Um das Gebäude energetisch zu sanieren, wurde auf einem Teil des OGs (in dem früher die Wohnräume der Mitarbeiter lagen) ein 250 m² großes Kollektordach installiert, das eine Wärmepumpe speist. Die Büroräume wurden mit Niedertemperatur-Fußbodenheizung und Konvektoren ausgestattet, und alle Fenster sind nun mit sonnenreflektierendem Isolierglas versehen.

Verblüffend gut geeignet

Das Waisenhaus von Aldo van Eyck war immer eine widerspenstige Perle der Architekturgeschichte. Es hat auch nie so funktioniert wie geplant, denn schon kurz nach der Eröffnung wurde das Waisenhaus von horizontalen auf vertikale Wohngruppen umgestellt: Kinder verschiedener Altersgruppen wohnten nun zusammen, und die pro Alterskategorie maßgeschneiderte Pavillon-Einrichtung verlor ihren Sinn. Jahrzehntelang wusste keiner so recht, wie man sich mit diesem schwierigen Bau arrangieren sollte. Umso erstaunlicher ist, dass sich das Gebäudekonzept mit großen Fensterfronten, die überall Blickbezüge quer durch die Innenhöfe bieten, und großzügigen Verkehrsflächen nun ausgerechnet als sehr geeignet für eine moderne, kommunikative Bürolandschaft erweist. Da scheint es fast wie Ironie, dass eine andere verlassene Ikone des Strukturalismus, nämlich Herman Hertzbergers Verwaltungsbau für Centraal Beheer in Apeldoorn (1972), demnächst die umgekehrte Entwicklung durchmachen und vom Büro- zum Wohnungsbau umgenutzt werden soll.


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