Strukturalism Reloaded

Rule-Based Design in Architecture and Urbanism. Tomáš Valena (Hrsg.) mit T. Avermaete, G. Vrachliotis. Engl., Hardcover, 86 Euro, Edition Axel Menges, Stuttgart / London 2011

~Christian Holl

Er wird in aktuellen Diskussionen immer wieder als Bezug genannt – der Strukturalismus scheint mit der neuen Freude an großen Formen, an parametrischem Entwerfen ein Revival zu erleben. Drei Tagungen gingen 2010 der Frage nach, wie belastbar die Ideen von damals für die Entwürfe von heute sind. Die Beiträge des Münchener Symposiums erscheinen nun opulent aufgemacht, teilweise stark nachbearbeitet und sorgfältig dokumentiert. Der Band ist wahrscheinlich das Umfassendste, was man derzeit zur Diskussion bekommen kann, und so ist es durchaus aufschlussreich, dass die Auseinandersetzung mit dem historischen Strukturalismus zur Hauptsache wird. Der Herausgeber nennt dafür einen Grund: Der historische Strukturalismus müsse untersucht werden, um heutige Phänomene einordnen zu können. Entsprechend kommen mit Arnulf Lüchinger und Herman Hertzberger Architekten zu Wort, die selbst noch von diesem ursprünglichen strukturalistischen Architekturverständnis geprägt wurden. Wiederholt wird auf Kenzo Tange, Peter und Alison Smithson u. a. rekurriert. Damit verfestigt sich, was die eigentliche Fragestellung zu bearbeiten erschwert: dass der Strukturalismus eine historische Epoche war. Je mehr aber der Begriff historisiert wird, desto weniger ist er geeignet, die Parallelen zu aktuellen Entwurfsstrategien unter dem gleichen Begriff zu fassen. Bezeichnet der Begriff, auf heutige Phänomene angewendet, überhaupt noch das, was ursprünglich gemeint war? Verbinden Architekten heute mit diesen Ansätzen noch die Hoffnung auf eine Form von Objektivität, die zeitlos ist oder muss man die Definition des Strukturalismus weiter fassen, als Entwerfen nach Regeln, wie es der Autor vorschlägt? Diese weite Fassung des Begriffs lässt dann allerdings kaum noch Raum, Strukturalismus unterscheidbar zu machen – und letztlich wird das Versprechen, einen Strukturalismus von heute zu identifizieren, dann auch nicht eingelöst. Trotzdem soll das die Qualität des Buchs nicht schmälern: Der Strukturalismus wird überzeugend aufgearbeitet – nun stellt sich die Frage nach der Relevanz der Idee des Strukturalismus angesichts anderer Tendenzen, etwa der Geschichtsromantisierung in den Innenstädten. Dazu braucht es aber theoriebegabte und debattenfreudige Architekten. Vielleicht ist das ja das eigentliche Problem.