… in die Jahre gekommen

Wohnhof LiMa

»Das vielleicht gelungenste Projekt der Neubau-IBA«, befand die db 4/1987. Für den »Spiegel« war es hingegen »eine freundliche Fehlgabe, (…) rundum gelungen für Leute, die gern friedlich, traulich, demokratisch wohnen«. Die »Innenstadt als Wohnort«, damals herbeisubventioniert, ist in Berlin längst ein Selbstläufer – nur sehen Baugemeinschaften heute viel normaler aus. Wie lebt es sich in der Oase der Selbstbauer von damals, in »unserem kleinen Dorf« inmitten der Metropole?

  • Architekt: Herman Hertzberger
  • Kritik: Christoph Gunßer Fotos: Uwe Rau, Christoph Gunßer
Als die Mauer fiel, war es vorbei mit der Ruhe. Das IBA-Gebiet Südliche Friedrichstadt lag plötzlich zentral, die den Wohnhof flankierende Linden- und die Markgrafenstraße (darum der Projektname LiMa) wurden über Nacht zu Einfallschneisen der Ostdeutschen, es stank nach Trabis, fremde Kinderbanden zündelten im Hof, Obdachlose suchten Zuflucht, Müll und Graffiti wurden zum Problem: Willkommen in der Wirklichkeit.
Doch Städte können träge sein. Erst heute macht sich im Gebiet, das noch immer keinen rechten Kiezcharakter hat, eine schleichende Aufwertung bemerkbar. Hotels und Galerien fassen Fuß, der Wegfall der Belegungsbindung vieler Sozialwohnungen fördert die Verdrängung. Noch klaffen große Lücken im Stadtgefüge. Vis-à-vis vom Wohnhof ist gerade ein schicker Neubau hochgezogen worden, schneeweiß, mit einer dreistöckigen Loftwohnung. Aufwertung, ein ambivalenter Prozess, metropolentypisch.
Rückblende: Eine grosse Wohngemeinschaft
Damals, zu IBA-Zeiten, waren es nicht Obdachlose, sondern Architekturtouristen, die in Scharen durch den Hof pilgerten. Die Genossen stellten einen Opferstock auf – und wurden freundlich mit Spenden bedacht. Zwischen all den postmodernen »Sozialpalästen« war Herman Hertzbergers bescheidener Rundling eine Ausnahmeerscheinung. Ein historischer, aber durch unsensible Zubauten der Nachkriegszeit disparater Ort war durch den Wohnreformer aus Amsterdam unspektakulär repariert worden – ohne Schaufassaden, eher wie ein (strukturalistischer) Bienenkorb. Wo die ›
› architektonischen Koryphäen der Figur zuliebe oft arge »Verquetschungen« (Spiegel) in den Grundrissen erlitten, bot der LiMa-Block 48 gut geschnittene Wohnungen, geräumige Balkone und helle Treppenhäuser, die in öffentliche Dachterrassen mündeten. Herman Hertzberger wird nachgesagt, er entwerfe »wie eine Hausfrau«, und so bestand die tortenartige Gruppierung von nur drei- bis viergeschossigen Zweispännern um einen geräumigen Hof den Praxistest.
Der Architekt wollte zeigen, dass anders als im steinernen Berlin humanes Wohnen am Hof möglich ist – wenn man es richtig macht. Er gliederte das »Dorf« in sieben Ein- und Aufgänge, an denen sich Hausgemeinschaften bildeten. »Das hat besser funktioniert als in Holland«, stellt Herman Hertzberger rückblickend fest, der hier einige Elemente aus dem Reformwohnungsbau seiner Heimat übernahm. Zwar traten bald nach der Fertigstellung diverse Bauschäden auf; sie gingen jedoch weniger auf Fehlplanung zurück als auf die Sparsamkeit des Bauherrn, einer großen Wohnungsbaugesellschaft. Schwierig ist nach Auskunft mancher Bewohner bis heute die Akustik im Hof, wo selbst Flüstern von Wohnung zu Wohnung hörbar ist. Und dass ausgerechnet ein Niederländer keine Fahrradstellplätze vorsah, nervt viele bis heute.
Offenheit als Programm
Der Kern der Selbstbaugenossenschaft, die bis heute als Generalmieter fungiert, hatte vor 25 Jahren Erfahrung in linken Kollektiven gesammelt. Drum war man sich bewusst, dass so ein gemeinsam verwaltetes Haus viel Selbstdisziplin, gegenseitige Rücksicht und Verantwortung verlangt. Genossenschaften erfordern einen erheblichen rechtlich-bürokratischen Aufwand – ein Grund dafür, dass sie bis heute unter den Baugemeinschaften selten anzutreffen sind.
Trotzdem war es eine wilde Zeit, als die Genossen sich während des Selbstausbaus der Häuser reihum auf dem Baugerüst besuchten – 550 Stunden Eigenleistung wurden pro Wohnung erbracht, im Durchschnitt zehn Stunden pro Woche. »Als die Wohnungstüren eingebaut wurden, war das eine echte Zäsur«, erzählt Dietmar Silber, Bewohner der ersten Stunde und lange Jahre »Aufgangssprecher« im Haus 5. »Wir waren eine verschworene Gemeinschaft«, schwärmt Reinhard Sappok, der damals als Architekt die Selbstbauarbeiten leitete und bis heute im Projekt wohnt. Mit den Jahren sei man nur fauler geworden, merkt er an, und wegen des zunehmenden Mieterwechsels habe die starke Identifizierung mit dem Gebäude nachgelassen. Viele »Ureinwohner« sind nicht mehr übrig – wenn das zweite Kind kam, wurden die maximal 80 m² oft zu klein.
Der offene Hof blieb jedoch Programm: Künstlerisch mitgestaltet von Hertzbergers Tochter, war er der Treffpunkt für Feste, Versammlungen oder die hofeigene Kita, die fortbesteht und auch Kinder aus den umliegenden Blocks aufnimmt, obwohl inzwischen direkt gegenüber eine neue Kita errichtet worden ist. Von hier zweigen Werk-, Party- und Fitnessraum ab, über eine zentrale Treppe geht es in die Tiefgarage. Anfangs gab es einen Schwangerentreff und lange Zeit einen FoodCoop. Als in den ersten Wintern der Schnee bis vor die Wohnungstüren wehte, erstritten sich die Genossen die verglasten Hoftüren. Sie werden bis heute nicht abgeschlossen. Die verglasten Treppenhäuser hingegen, ein Element, das Hertzberger ähnlich kommunikativ immer wieder verwendet hat, sind hier nie Orte längeren Verweilens geworden, das bedauert auch der Architekt. Die öffentlichen Dachterrassen wirken verwaist und ungepflegt. Es gibt nur einmal im Jahr eine gemeinsame Putzaktion. Gleichwohl pochen die Genossen auf ihr »Aufgangsrecht«: Bei einem Mieterwechsel dürfen die Anwohner die Nachmieter aussuchen. Wegen der geringen Verwaltungskosten (man leistet sich nicht mal einen richtigen Hausmeister) kann die Miete weiter niedrig gehalten werden: Bei 6,05 Euro kalt ist Leerstand kein Problem.
Multikulti im grünen Pelz
Heute lebt eine gemischte Bewohnerschaft im Block, weiterhin auch viele Familien mit Kindern. Türken und Arabern sind die Grundrisse zu offen (keine Trennung zwischen Küche und Wohnraum), mittags tummelt sich gleichwohl eine multikulturelle Kinderschar auf den Spielgeräten. Die Instandhaltung könnte besser sein, moniert die Verwaltung. Doch gnädig breitet sich ein grüner Pelz über blätternde Farbe und mürbe Profile, ein Effekt, der von Anfang an auch vom Architekten gewünscht war. Im langsam härter werdenden Umfeld – mit John Hejduks KreuzbergTower wird gerade der erste große IBA-Bau saniert und entmietet – wirkt der Rundling also wie eine Oase der Ruhe. Trotz seiner offensichtlichen Qualitäten hatte das Projekt kaum Nachfolger, architektonisch nicht und auch nicht sozial. Einzig Herman Hertzberger plante gut zehn Jahre später auf der Stralauer Halbinsel wieder einen Rundbau, luftiger und großzügiger, auch teurer. Und trotz des Baugruppen-Booms ist das Genossenschaftsmodell im Neubau weiter eine Rarität. •
Architekt: Herman Hertzberger, Amsterdam; Mitarbeit: Henrik de Weijer Kontaktarchitekten: Hinrich+Inken Baller, Berlin Bauherr: Wohnbau Nord, Berlin Generalmieter: Selbstbaugenossenschaft Berlin eG, www.selbstbaugenossenschaft.de Wohnfläche: 3 752 m² Grundstücksgröße: 3 031m² Kosten: 13 Mio. DM Planungs- und Bauzeit: 1982-86