Stadthaus Krefeld von Egon Eiermann verrottet

Rechenkünstler am Werk

Jahrelang hat sie am Unterhalt gespart und ihren Verwaltungsbau von Egon Eiermann herunterkommen lassen. Nun kehrt die Stadt Krefeld dem Gebäude endgültig den Rücken, statt es denkmalgerecht instandzusetzen – eine kultur- und finanzpolitische Farce.

Im Scheinwerferlicht durfte diese Fassade schon lange nicht mehr baden. Doch die großen Strahler am Fuße des »Stadthaus Krefeld« zeigen zumindest, dass es einmal Zeiten gab, in denen die Bedeutung des denkmalgeschützten Bauwerks und seine Qualitäten ins rechte Licht gesetzt wurden. Nachdem sich die Kommune jahrelang nicht um die Instandhaltung des Eiermann-Baus gekümmert hat, gibt sie ihn nun mit ihrem Auszug dem Verfall preis.

Dabei war mit dem beispielhaften 50er-Jahre-Bau und seiner öffentlichen Nutzung doch eigentlich zusammengekommen, was zusammengehört: Eiermann hatte das Gebäude ursprünglich für die Vereinigten Seidenwebereien (VerSeidAg) errichtet – und nach dem Schrumpfen der Textilindustrie, der Krefeld seine Glanzzeit verdankt, hatte die Stadt sich des Gebäudes angenommen und es Anfang der 80er Jahre zum technischen Rathaus umgebaut. Die weitere Nutzung und denkmalgerechte Instandsetzung hätten also von Geschichtsbewusstsein und einem tief verwurzelten baukulturellen Verständnis zeugen können. Hätten.

Während der zwischen 1950 und 1953 errichtete Riegel am Konrad-Adenauer-Platz noch belegt ist, steht der drei Jahre später dahinter errichtete Büroturm bereits leer. Trotz bröckelnder Bekleidungen und rostender Stahlrahmen ist die einstige Eleganz der Architektur noch immer zu spüren: Die von der Straße zurückgesetzte Lage an einer Grünfläche erlaubt eine herrschaftliche Vorfahrt, die unter einem filigranen langgezogenen Vordach endet, von wo ein Steg zum Eingang führt. Im Kontrast zu dieser pompösen Geste steht das Ensemble selbst, das Eiermann zurückhaltend und reduziert gestaltete, dabei aber Wert auf jedes Detail legte. Besonders deutlich wird das bei den Fenstern. In enger Zusammenarbeit mit dem ausführenden Unternehmen Fenestra-Crittall plante der Architekt einen Prototyp [1]. Nur etwa 400-mal produziert wurde das Bauteil, bei dem Rahmen, Beschläge, Schließmechanismen, ausstellbarer Sonnenschutz, Farbgebung und der Einbau mit flächenbündigem seitlichem Anschluss penibel durchdacht und auf die Gesamtwirkung kalkuliert wurden. An den Längsfassaden nehmen die Fenster ungefähr zwei Drittel der Fläche ein, zu zweit sitzen sie jeweils in den Feldern des sichtbaren tragenden Stahlbetonrasters. Die ehemals schwarzen Feinsteinzeugfliesen, die die Brüstungen bekleiden, bilden einen dunklen Hintergrund, der die filigranen weißen Fensterelemente zusätzlich betont.

Ursprünglich hatte der Gemeindrat sogar beschlossen, das Stadthaus Krefeld endlich zu sanieren. Die Entscheidung beruhte dabei v. a. auf Kostenerwägungen, da der Umbau günstiger kalkuliert wurde als ein Neubau an einem anderem Standort. Ein Sanierungskonzept wurde erarbeitet, das Denkmalpflegeamt involviert, Förderanträge in Millionenhöhe gestellt und bewilligt. Der damalige Planungsdezernent der Stadt ließ verlauten, dass diese Zuwendungen »die architektonische und nationale Bedeutung des Eiermann-Baus in Krefeld unterstreichen«. Die Denkmalpfleger legten v. a. Wert darauf, fachmännisch zu prüfen, ob sich die Fenster erhalten lassen, eine naheliegende Forderung in Anbetracht der Bedeutung des Bauteils. Die Stadt ließ Musterfenster verwirklichen, doch man konnte sich nicht auf eine denkmalgerechte Lösung einigen. Derweil wurde ein ÖPP-Verfahren durchgeführt, allerdings ohne abschließende denkmalrechtliche Erlaubnis, also mit einem Risikofaktor für die potenziellen Investoren. Nach dem Scheitern des Verfahrens machte die Stadt den Sanierungsbeschluss im Herbst 2018 dann rückgängig und will das Gebäude nun verkaufen.

In der lokalen Presse sprechen die Verantwortlichen gerne von einer »Kostenexplosion«, die sich durch eine Instandsetzung mit denkmalpflegerischem Segen ergeben hätte. Die Stadt kann derweil nur hoffen, dass niemand auf die Idee kommt, nachzurechnen. Wie genau die Verwaltung in Zukunft untergebracht werden soll, steht noch gar nicht fest; ein Neubau in der Innenstadt war angedacht, ein Entwurf liegt aber noch nicht vor. Die Kosten, die sich inzwischen summiert haben – Erstellung Sanierungskonzept, Ausschreibungen, Verzögerung des Baubeginns, Wegfall der Fördergelder, Anmietung von adäquaten Ersatzräumen auf bisher unbestimmte Zeit etc. – sind allerdings bereits jetzt enorm.

Nicht beziffern lässt sich der Verlust, den sich Krefeld in Bezug auf sein baukulturelles Selbstverständnis zuschreiben lassen muss. Denn wer, wenn nicht die öffentliche Hand, ist als Vorbild dafür verantwortlich, wertvolles Kulturgut zu erhalten? Für den Eiermann-Bau muss man nun hoffen, dass sich ein privater Investor mit mehr Weitsicht findet – möglichst, bevor das Stadthaus Krefeld zu marode ist, um noch gerettet werden zu können.

~ Claudia Hildner

[1] siehe dazu den Beitrag »Stahlfenster von Fenestra-Crittall in den Bauten der Verseidag Krefeld. Bedeutung und Erhalt« des Bauforschers Daniel Lohmann in Heft 31 »Fenster im Baudenkmal: Wert, Pflege und Reparatur« der Mitteilungen des LVR-Amts für Denkmalpflege im Rheinland


Und wie ergeht es anderen Gebäuden von Egon Eiermann?

Gedächtniskirche in Berlin (Bild: Thomas Wolf/Wüstenrot Stiftung)

Siedlungshaus in Hettingen (Bild: Bernd Hausner)

IBM-Zentrale in Stuttgart (Bild: Markus Bachmann)