Kloster Santa Maria in Gonzaga (I)

Zeitgemäß nachgebildet

Auch kleine Bauaufgaben bieten große Gestaltungspielräume. LR Architetti ergänzten ein altes Kloster um ein zweistöckiges Fluchttreppenhauses und interpretierten dabei mit einer besonderen Verwendung des Baustoffs Ziegel den Bestand auf neue Weise.

Das ehemalige Kloster Santa Maria in der Nähe von Mantua stammt aus dem späten 15. Jahrhundert. Heute beherbergt es die Stadtbücherei und einige Veranstaltungs- und Ausstellungsflächen. LR Architetti aus Venedig sollten die barrierefreie Zugänglichkeit der öffentlichen Räume sicherstellen und zugleich einen neuen Notausgang schaffen. Im Innern der Anlage bauten sie dazu schlichte hölzerne Rampen ein, mit deren Hilfe sich die vorhandenen Höhenunterschiede zwischen Kreuzgang und Ausstellungsbereichen im EG bzw. Korridor und Lesesälen im OG mühelos überwinden lassen. Gleichzeitig fungieren die reversibel eingestellten Rampen als Möbel: Die niedrigen Seitenwände dieser Holzkonstruktionen dienen als Sitzbänke und Regale für Auslagen.

Den Haupteingriff bildet jedoch ein Treppenhausturm mit Aufzug, angebaut an den backsteinernen Nordflügel des Komplexes. Dort war früher eine einfache Stahlfeuerleiter aufgestellt. Der neue Kopfbau des Trakts nimmt zwar Fassadenbezüge zum Altbau auf, etwa die Höhe von Fenster und Tür, gibt sich mit der puristischen Ausgestaltung seiner Öffnungen ohne Sims und sichtbaren Sturz aber deutlich als modernes Element zu erkennen. Auch seine Ziegelhaut – obwohl sie das vorhandene Mauerwerk nachbildet und auf diese Weise in Dialog mit dem Bestand tritt – folgt zeitgenössischen Bautechniken. Denn der Anbau ist aus Brandschutzgründen in Stahlbeton erstellt und zeigt sich im Innern mit Sichtbetonoberflächen, außen hingegen mit Ziegelfliesen verblendet. Die Architekten wählten einen einfachen, nach römischem Vorbild gefertigten Steintyp namens Pianella, der normalerweise für Fußböden verwendet wird und mit seinen Abmessungen von 250 x 60 x 35 mm flacher und länger als ein herkömmlicher Backstein ist. Mit einem Verhältnis zwischen Ziegelhöhe und Mörtelfuge von 2:1 und drei unterschiedlichen Rottönen konnten die Planer das Erscheinungsbild von antikem römischen Mauerwerk erreichen, ohne auf alte oder handgefertigte Ziegel zurückgreifen zu müssen. Dieselbe Backsteinbekleidung verwendeten sie auch als Dachhaut. Das prägnante Eckfenster auf Höhe eines der Zwischenpodeste bietet einerseits Ausblicke zur Ruine der nahegelegenen Kirchenapsis, andererseits erlaubt es Einblicke ins Innere des Treppenhauses.

~Tanja Feil

Das Projekt ist eine der zahlreichen Einreichungen zum Fritz-Höger-Preis, der besondere Backsteinbauten kürt. Die Sieger stellen wir in Ausgabe 12/2017 der gedruckten Zeitschrift vor – im Heftteil db-Metamorphose.