Radisson Blu Royal Hotel in Kopenhagen (DK)

Jacobsens Erbe

Mit diesem Hotel schrieb Arne Jacobsen nicht nur Architektur-, sondern auch Designgeschichte. Space Copenhagen hat das Haus gründlich saniert, Möbelklassiker restauriert und manches Detail neu interpretiert. In wenigen Wochen ist Wiedereröffnung.

In vielerlei Hinsicht war das Radisson Blu Royal Hotel seiner Zeit voraus. 1960 für die skandinavische Fluggesellschaft SAS errichtet, war es das erste Hochhaus in Kopenhagen und bis 1969 das höchste Gebäude Dänemarks. Es sollte nicht nur als Hotel, sondern auch als Terminal für die Abfertigung der Fluggäste dienen. Typologisch avancierte es mit der Kombination aus Flachbau und Bettenturm zu einem Vorbild, das in der Gastronomiearchitektur weltweit zahlreiche Nachahmer fand. Und es war das erste Designhotel – geschaffen zu einer Zeit, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. Beauftragt mit der Planung wurde Arne Jacobsen, der mit diesem Bau sein letztes Gesamtkunstwerk realisierte. Viele Möbel, die heute als Klassiker gelten, entwarf er ganz speziell für das Hotel: die Stühle Drop, Egg und Swan, die Sofaserie 3300. Während SAS mit dem Haus ganz bewusst einen Hort dänischen Designs schaffen wollte, wussten offenbar nicht alle nachfolgenden Manager den Wert der Objekte zu schätzen. Vieles wurde in den Jahren zerstört, abgebaut, überpinselt oder umfunktioniert.

Doch nun haben die Innenarchitekten von Space Copenhagen in akribischer Detektivarbeit das Puzzle der Designstücke wieder zusammengesetzt. Sie recherchierten in Fotoarchiven, gingen auf Spurensuche und fanden noch etliche originale Möbelstücke in den Lagerräumen des Hotels. Wo notwendig, passten sie die Ausstattung und das Design so an, dass sie heutigen Anforderungen gerecht werden.

In der Lobby entfernten sie Verkaufsflächen und die Rezeption – sie war schon lange nicht mehr das Original von Jacobsen – und strukturierten den Raum neu. Dadurch konnten sie eine zeitgemäße Lounge für die Gäste schaffen: kleine Nischen zum Verweilen oder Arbeiten am Laptop. Das Café öffnet sich jetzt zur Lobby und bekam einen etwas lässigeren Charakter. Neben gemütlichen Sesseln und Sofas stehen die Drop-Stühle von Jacobsen und laden zum Arbeiten oder Erholen ein. Im Restaurant trifft man auf einige seiner weniger bekannten Möbelstücke, wie das Sofa Mayor oder der Tisch Giraffe, die sich im Keller fanden. Mit einem zusätzlichen Eingang und neuen raumhohen Fenstern, durch die man die geschäftige Straße überblicken kann, ist das Café nun zu einem Designmittelpunkt für Hotelgäste und externe Besucher geworden.

Mit der großen Wendeltreppe, die vom Foyer in die erste Etage führt, hatte Jacobsen 1960 die Grenzen des technisch Möglichen ausgelotet. Der gefalzte stählerne Treppenlauf hängt an 14 Drahtseilen von der Decke herab. Anhand der Fotos vom Originalzustand konnten viele Details wiederhergestellt werden, z.B. der lederbezogene Handlauf, der in leichtem Schwung nach oben führt. Eine spezielle Beleuchtung setzt die Treppe in Szene.

Die Konferenzräume im 1. OG huldigen dem Erbe des Altmeisters ganz besonders: Jeder wurde nach einem seiner Design-Klassiker benannt und mit den restaurierten Stühlen Egg und Swan ausgestattet. An den Wänden finden sich Lithografien, die die Geschichte des Hotels erzählen.

Der atemberaubende Blick, den man aus den 260 Zimmern und Suiten über die gesamte Stadt hat, ist vielleicht die größte Attraktion für die Gäste. Space Copenhagen bauten deshalb wieder die tiefen Fenstersimse aus hellem Marmor ein. Und sie entwarfen eine Spiegelserie: Sie greift das Motiv der Bandfenster auf, die in den Zimmern von Wand zu Wand durchlaufen, und holt die Aussicht über die Stadt wie ein langgestrecktes horizontales Bild an die Wand.

Mit der Renovierung des Radisson Blu Royal Hotels wollten Peter Bundgaard Rützou und Signe Bindslev Henriksen von Space Copenhagen den Spagat schaffen zwischen der Hommage an einen Meister des dänischen Designs und den Anforderungen und Ideen unserer Zeit. Er ist ihnen gelungen.

~Petra Ralle

 

In unserer Rubrik »…in die Jahre gekommen« haben wir schon 2012 ausführlich über das Hotel berichtet. Hier finden Sie den Beitrag.

 

Weitere Projekte von Arne Jacobsen:

Rathaus in Mainz

Arne-Jacobsen-Foyer in Hannover

Stuhl der Serie 7