Totgesagte leben länger …

Der Deutsche Werkbund ist 100 Jahre und wird aus diesem Anlass in Berlin, Stuttgart, Krefeld und München gebührend gefeiert. Den Gründern ging es um »die Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk.« Ihre Arbeit gründeten sie auf den drei Säulen: Erziehung, Propaganda und Geschlossenheit.

~Ira Mazzoni

»Professioneller Idealismus« sei die Kernkompetenz des Werkbunds, meint Architekt Hannes Rössler, Vorsitzender des Bayerischen Werkbunds. Nur mit konkreter Projektarbeit könne er wirken und wieder an Einfluss gewinnen. Aber sein Jubiläums-Projekt, die Werkbundsiedlung Wiesenfeld, scheint an der Realität deutscher Wohnungsbauförderrichtlinien zu scheitern. Die drei beteiligten öffentlichen Bauträger monieren Erschließungskosten und Energieeffizienz. Sie drängen zum gewohnten Mittelmaß und zielen auf das Herz der lichtvollen Anlage. Bedenken werden auch von Werkbundmitgliedern laut: Bei aller Bewunderung für den aus einem internationalen Wettbewerb hervorgegangen städtebaulichen Entwurf von Sakamoto, bei aller Zustimmung für ein zugleich durchgrüntes wie dichtes Wohnviertel für alle Generationen mitten in der Teuer-Stadt München hegen viele den Verdacht, der Mythos »Werkbundsiedlung« könne letztlich immobilien-wirtschaftlich missbraucht werden. So herrscht zum Gründungsfest, das mit der Re-Union der regionalen Werkbund-Vereine gefeiert werden soll, mehr Skepsis als Zuversicht, mehr Widerspruch als Corporate Identity. Zwar will der Werkbund wieder »mit einer Stimme sprechen«, aber ein gemeinsames Programm fehlt. Der Blick zurück in die hundertjährige Geschichte – das zeigen die großen Werkbund-Retrospektiven in Krefeld und München – böte eine Vielzahl von Anknüpfungsmöglichkeiten.
Gründung
Am 5./6. Oktober 1907 wurde der Werkbund im Hotel Vier Jahreszeiten in München gegründet. Gründungsmitglieder waren 12 »Künstler« und 12 »Unternehmen«. Die Künstler waren meist Allrounder, der Architektur wie dem Kunstgewerbe verpflichtet: Peter Behrens, Theodor Fischer, Josef Hofmann, Wilhelm Kreis, Max Laeuger, Adelbert Niemeyer, Joseph Maria Olbrich, Bruno Paul, Richard Riemerschmid und Julius J. Scharvogel. Bei den Unternehmen gaben Werkstätten und Buchverlage den Ton an. Auf dem Programm stand die »Veredlung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk.« Über hundert Sympathisanten waren nach München gereist. Bereits im ersten Jahr des Bestehens konnte der Werkbund 429 Mitglieder verzeichnen. Den ersten Vorsitz übernahm Architekt Theodor Fischer, Geschäftsführer wurde Wolf Dohrn von den Deutschen Werkstätten in Dresden. Die neue PR-Agentur zur Durchsetzung der »guten Form« war nicht nur einem humanistischen Bildungsideal verpflichtet, in dem sie eine »harmonische Kultur« im Industriellen Zeitalter propagierte und ernsthaft daran glaubte durch Schönheit die Gesellschaft zu bilden. Sie verfolgte auch handfeste wirtschaftliche Interessen. Es ging um die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte auf dem Weltmarkt. Hermann Muthesius, von Beginn an treibende Kraft der Vereinigung, war ja nicht nur Architekt, sondern auch preußischer Beamter, Vertreter des Handelsministeriums – weswegen er dem Gründungsakt fernbleiben musste. In England hatte er Vorbilder gefunden. Und so machte er Front gegen die Stileskapaden des Historismus und die wuchernden Gewächse des Jugendstils. Sein Rezept: die »ungeschmückte Sachform«, funktional, maschinell herzustellen und doch schön.
»Vom Sofakissen bis zum Städtebau«
Der Formwille der Sozialreformer umfasste nahezu alle Lebensbereiche. Als erste Werkbundsiedlung könnte die Gartenstadt Hellerau bezeichnet werden. Den am guten alten Dorf orientierten Städteplan verantwortete Richard Riemerschmid. Außer ihm bauten noch Fischer, Muthesius und Tessenow an dem Gesamtkunstwerk, das Arbeit, Wohnen und Kultur im naturnahen Raum vereinte. In der Baukomission des Genossenschaftlichen Projekts wirkten auch Fritz Schumacher und Hans Poelzig mit. Ersten Streit gab es um das Festspielhaus, inhaltlich und formal. Die »Bildungsanstalt« für rhythmisch musische Erziehung wurde aus dem Zentrum der Siedlung an ihren äußersten Rand verschoben. Die Klassizität des Tanztempels befremdete Riemerschmid. Auch Fischer und Muthesisus distanzierten sich.
Schon 20 Jahre vor dem Dessauer Bauhausprogramm von Walter Gropius war industrielles Design Thema des Werkbunds. Winfried Nerdinger, Leiter des Architekturmuseums der Technischen Universität München, behauptet gar, Riemerschmids Hellerauer Maschinenmöbelprogramm habe das Ikea-Prinzip vorweg genommen. Mit den zerlegbaren Zimmereinrichtungen sei der entscheidende Durchbruch zu günstigen, gut gestalteten Möbeln gelungen. Doch lässt sich leicht nachrechnen, dass die gradlinigen ›
› Garnituren selbst für die gut entlohnten Hellerauer Qualitätsarbeiter unerschwinglich waren. Bekannt ist auch, dass die schnörkellos robusten Möbel nicht jedermanns Geschmack waren. Für das wohlgemeinte Angebot gab es keine Nachfrage.
Unverbesserliche Weltverbesserer
Von Anfang an litt das Bündnis an der Uferlosigkeit seiner Weltverbesserungsprogramme. Zu sehr divergierten auch die Interessen der Künstler und Fabrikanten. Konservative und Progressive, Heimatschützer und fortschrittsgläubige Gestalter stritten im Werkbund um das Wahre, Gute, Schöne. Schon 1914, anlässlich der Werkbundausstellung in Köln, stand die Vereinigung der »intimsten Feinde« kurz vor dem Aus. Vordergründig lieferten sich die Verfechter der reinen Industrieform mit jenen eines künstlerisch hochwertigen Handwerks einen Positionskampf.
In den Zwanziger Jahren förderte der Werkbund zusammen mit dem Bauhaus, das aus ihm hervorgegangen war, das »Neue Bauen« und das »Neue Leben«. Karl Schmidt, Leiter der Deutschen Werkstätten, hatte schon 1907 von der Produktion eines »Maschinenhauses« geträumt. Jetzt bauten Werkbundarchitekten zusammen mit einer Internationalen Avantgarde Minimalwohnungen in Serie gegen die akute Wohnungsnot. Die Ausstellungen »Die Form« 1924 und »Die Weißenhofsiedlung« in Stuttgart 1927 waren programmatische Bekenntnisse zur neuen Zeit. Doch auch hier gab es Opposition: Eine starke Fraktion wandte sich gegen den mechanistischen Funktionsbegriff der Modernisten. So formulierte unter anderem Hugo Häring sein Unbehagen gegenüber einer allgemeingültigen Kultur der Geometrie und wies auf den Zusammenhang von Topographie und Stadtgestalt hin. Gleichzeitig legte sich Häring aber auch mit dem Werkbund-Gründungsmitglied Schultze-Naumburg an, dessen Heimatschutzbewegung zunehmend eine Blut- und Boden Politik vertrat. Schultze-Naumburg trat 1927 aus dem Werkbund aus und gründete mit Bonatz, Schmitthenner und Tessenow den »Block«.
Wer meinte, der Werkbund sei wie das Bauhaus von den Nationalsozialisten aufgelöst worden irrt. Er versuchte sich zu arrangieren, wurde gleichgeschaltet und damit bedeutungslos. Es gab Werkbundmitglieder wie Wilhelm Wagenfeld oder Herman Gretsch, die unter der Führung des Amts Schönheit der Arbeit weiter für die gute Form zum Wohle der Allgemeinheit wirken konnten. Auch der Volksempfänger von Walter Maria Kersting war ein Werkbund-Produkt. Offiziell aufgelöst wurde der Restbund dann 1938.
Der Werkbund war von Beginn an pädagogisch, moralisch, missionarisch. Auch dieses Problem gäbe es zu diskutieren. Die Ideologie der »guten Form« beherrschte die von Osthaus organisierten Wanderausstellungen und Wettbewerbe, sie triumfierte in den Stuttgarter Schauen »Die Form« 1924 und »Die Wohnung« 1927 und sie bekam durch Werkbund-Kisten, die zum unmittelbaren Anschauungsunterricht in die Schulen geschickt wurden, 1957 neuen Auftrieb. Theodor Heuss, langjähriger Geschäftsführer des Werkbunds in der Weimarer Republik, sprach dann 1955 vom »Gesetz der Anmut« und definierte: »Qualität ist das Anständige«. Immerhin wurden in den fünfziger Jahren die von Werkbund-Mitgliedern und dem hoheitlich gegründeten Rat für Formgebung empfohlenen Produkte wie feuerfestes Haushaltsgeschirr von Löffelhardt, Porzellane von Gretsch, Braun-Entsafter und Junghans-Uhren tatsächlich Gemeingut der »Anständigen«, die mit der braunen Vergangenheit nichts zu tun haben wollten. Auch waren es Werbundarchitekten wie Sep Ruf und Egon Eiermann, die der jungen Demokratie international ein neues Gesicht gaben. Das Wie des Wiederaufbaus sorgte für manchen Diskussionsstoff in dem föderal organisierten Verein. »Viel Licht, Viel Grün« waren alte wie neue Werkbundthemen, die auf der Internationalen Bauausstellung in Berlin 1957.
Mit der Tagung »Die große Landzerstörung« 1959 benannte der Werkbund lange vor dem Club of Rome die Probleme von Industrialisierung und Verstädterung. Auch die in München gestartete Ausstellung Profitopolis aus dem Jahr 1981 hat kaum etwas von ihrer Brisanz verloren. Zeitgemäß wandelte sich der Bund zur Aktionsgemeinschaft. Doch die Politisierung war nicht allen Mitgliedern Recht. 1974 drohte erneut eine Spaltung. Das Innenministerium kündigte an, seine Fördermittel zu streichen.
Zukunftsfähiges Modell?
Und heute? Trotz mangelnder Förderung gibt es den Werkbund noch. Sechs Landesverbände sind unter dem Dach des Deutschen Werkbunds e.V. »vereint«, dazu gehört der nach der Wende neu gegründete Sächsische Werkbund. Drei Vereine haben sich vor mehr als zehn Jahren separiert. Über eine Reunion wird nachgedacht. Aber welche Ziele kann sich der Club der 1640 Aufrechten stecken? Bisher sind es die Landesbünde, die sich selbstbewusst und kritisch in lokale Debatten einbringen. So hat der sächsische Werkbund sich nicht nur in Hellerau um die Aufarbeitung der Geschichte gekümmert, sondern auch um die Revitalisierung der Wasserstadt Leipzig oder die Umwandlung der Braunkohlewüsten. Werkbund-Mitglieder gehören auch zu den Mahnern wenn es um schrumpfende Städte geht. Sie empören sich gegen den Abriss wichtiger Industriedenkmäler genau wie der Moderne. Sie engagieren sich seit langem für die Alpenregion. Begleiten moderierend die Agglomeration am Oberrhein. Aber wie hat sich der Dachverband einer bewusst interdisziplinären Vereinigung zu positionieren? Hat man durch die lange Krise alle Kompetenz an Parteien, Organisationen, Forschungsinstitute und Medien verloren? Muss der Werkbund neue Mustersiedlungen kreieren, um das prekäre Thema Wohnen in der Großstadt neu zu diskutieren? Sollte er sich aus seiner Tradition heraus vor allem für gutes Ökodesign und echte Ökoeffizienz engagieren? Oder muss der Werkbund vor allem eine Bildungsdebatte führen, um sich im medialen Dauerrauschen interdisziplinär und kritisch über drängende Fragen der Zeit verständlich machen zu können? Und überhaupt: Wie wird der Werkbund wieder attraktiv für Jüngere? Bietet die neu gegründete Bundesstiftung Baukultur nicht gar Grundlagen zu einem Hyper-Werkbund? Ist der 100-jährige Werkbund dann nur noch gut für Bilderbuch-Retrospektiven und breit angelegte DFG-Forschungsprojekte?
Die Autorin ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und der ZEIT.