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Bauhaus-Phraseologie reloaded

»Drei Tage in Weimar und man kann auf Lebenszeit kein Quadrat mehr sehen«, ätzte Paul Westheim, führender Architekturkritiker der 20er Jahre, über das Bauhaus. Zum 100. Jahrestag der Gründung der Kunstschule wird nicht mehr geätzt. Stattdessen herrscht zwischen Weimar, Dessau und Berlin der totale Bauhaushype, der kolossal nervt: Jedes Haus, das auch nur entfernt nach Neuem Bauen aussieht, bekommt das Label »Bauhaus« aufgedrückt.

~Jürgen Tietz

Gleichgültig, ob der betreffende Architekt jemals etwas mit dem Bauhaus zu tun hatte oder nicht. Da werden Bruno Pauls Berliner Kathreiner-Hochhaus, Hugo Härings Bauteil für die Großsiedlung Siemensstadt und Emil Fahrenkamps Shell-Haus am Berliner Landwehrkanal kurzerhand verbauhaust. Alles was weder Säulen hat noch steiles Dach, muss ja wohl vom Bauhaus sein. Nein, muss es nicht! Solche architekturgeschichtlichen Fake-News verstellen den Blick dafür, dass das Bauhaus weder das Neue Bauen noch die Moderne an sich erfunden hat. Auch war es keineswegs die einzige Kunstschule, die einen neuen Ansatz in der Kunstvermittlung suchte. Das Bauhaus erwuchs vielmehr aus einer breiten Reformbewegung, die seit dem späten 19. Jahrhundert die Kunstwelt revolutionierte. Während man in der Dessauer Provinz kaum mehr als ein Werkstattgebäude und ein paar Meisterhäuser realisierte, zeigte das Neue Bauen andernorts sein wirkliches Potenzial. In Berlin rückten Bruno Taut und Stadtbaurat Martin Wagner der grassierenden Wohnungsnot so farbenfroh wie massenweise mit ihren legendären Siedlungen zu Leibe. Gleiches unternahmen Ernst May im neuen Frankfurt und Otto Haesler in Celle. Hans Scharoun verwirklichte organische Gebäudestrukturen und revolutionierte die Architektur mit der Idee einer Stadtlandschaft. Und dann gab es noch den großen Erich Mendelsohn, der im Sauseschritt den Weg vom expressiven Potsdamer Einsteinturm (1921) zur klaren Linie im Haus Sternefeld (1923-24) in Charlottenburg fand und damit das erste wirklich moderne Haus Berlins verwirklichte. Daneben übersetzte Mendelsohn das Neue Bauen in eine atemberaubende Großstadtarchitektur, die mit ihrem teils sachlichen, teils eleganten gläsernen Schwung noch heute in Berlin, Breslau oder Chemnitz begeistert.

Ruppig stritten die führenden modernen Architekten der Weimarer Republik um den richtigen Weg zur »richtigen« Moderne. So wurde Erich Mendelsohn sein wirtschaftlicher Erfolg geneidet, während er selbst Gropius als Choleriker beschrieb, »immer zum Hieb bereit. Zum Krach und nicht zu überzeugendem Elan«. Kein gutes Haar ließ Mendelsohn auch an Mies van der Rohes Werk in Chicago, das er als preußische Strenge ohne Charme beschrieb, so »tot wie Julius Caesar«. Autsch! Dass Bauhaus-Kuben und -Quader der »komplexen Wirklichkeit« nicht gerecht würden, betonte der große Kirchenbaumeister Rudolf Schwarz schon Ende der 20er Jahre. Ebenso wie Bruno Taut wandte er sich gegen den »öden Schematismus« des Bauhauses. Nach dem Zweiten Weltkrieg legte Schwarz in der legendären Bauhaus-Debatte von 1953 noch einmal kräftig gegen Gropius nach und umschrieb dabei das Dilemma der Kunstschule insgesamt: »Das Schlimme am Bauhaus war überhaupt nicht sein Versagen im Technischen, sondern seine unerträgliche Phraseologie. Sehr früh war ihnen dort die Theorie vom Zweck in den falschen Hals gekommen.« Nochmals Autsch!

Der ärgerlich unkritische Bauhaus-Jubel verstellt den Blick für die Vielgestaltigkeit des Neue Bauens, das eben viel mehr war als weiße Kuben und Quader.

Wäre das Bauhausjubiläum doch ein wenig leiser und viel selbstkritischer. Doch so viel Demut passt weder zur touristischen Ausschlachtung des Bauhauserbes, noch zum sendungsbewussten Selbstverständnis der Kunstschule. Schon mit dem ersten Bauhausbuch von 1925 arbeitete Gropius, dieser begnadete Propagandist in eigener Sache, an der Klassizität des Bauhauses. Doch wie sähe wohl unsere Wahrnehmung heute aus, hätten ihm Alfred Barr und Philip Johnson nicht mit der Ausstellung und Publikation »International Style« am jungen Museum of Modern Art den Weg in die Neue Welt bereitet? Jener Johnson, der derzeit in Mark Lamsters Biographie »The Man in the Glass House« demaskiert und dessen Beziehung zu Nazi-Deutschland kritisch hinterleuchtet wird.

Als Ende der 70er Jahre mit der Eröffnung des Bauhaus-Archivs in Berlin – spät genug – eine kritische Würdigung des Bauhauses in Deutschland gesellschaftsfähig wurde, begannen Jürgen Habermas und Heinrich Klotz den amalgamierenden Begriff der »Klassischen Moderne« zu verwenden. Zeitgleich befreiten die Architekten Helge Pitz und Winfried Brenne die Berliner Großsiedlungen der Weimarer Republik von ihren falschen Farbüberzügen und trugen so entscheidend zur erfolgreichen Wiederentdeckung des Neuen Bauens bei. Daran gilt es im Bauhaus-Jubeljahr anzuknüpfen. Anstatt das Bauhaus zu glorifizieren, sollte es auf Normalgröße zurückgestutzt werden, als eine der schillernden Facetten der architektonischen Avantgarde der 20er Jahre. Schließlich haben die Leitthemen des Neuen Bauens bis heute nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt: bezahlbaren gemeinschaftlichen und hygienischen Wohnraum zu schaffen und dabei die Gestaltung des öffentlichen Raums nicht zu vergessen. Die Moderne auf das Bauhaus zu reduzieren, bedeutet dagegen, die geballte Innovationskraft dieser Avantgarde als Ressource für die Gegenwart zu gering zu schätzen. Was für ein Verlust!


{Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.



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