Unscharfe Erinnerung

~Falk Jaeger

Man muss sich die Meisterhäuser vor 1990 nochmals vor Augen führen, wie sie dem Verfall näher waren als dem Weiterleben: im DDR-üblichen Schmutziggrau, mit Wasserschäden, löchrigem, schrundigem Putz, mit vermauerten Glaswänden und maroden Holzfenstern, mit außen angefügten Schornsteinen für die Einzelraum-Ofenheizung. Heute steht an der Ebertallee wieder das strahlende Ensemble, das zur Genese dessen, was man später (eher unwillig) als »Bauhausstil« hat kodifizieren müssen, so entscheidend beigetragen hat: das Doppelhaus Kandinsky/Klee, das 1999 saniert wurde, dann das Doppelhaus Schlemmer/Muche, das von der Wüstenrot Stiftung in gewohnt akribischer Modellsanierung wieder instand gesetzt wurde, sowie das Einzelhaus Walter Gropius [4] und das Doppelhaus Feininger/Moholy-Nagy [5].
Die Haushälfte Moholy-Nagy war nach Kriegszerstörung ersatzlos abgeräumt, auf dem Kellergeschoss von Gropius ein schlichtes Satteldachhaus errichtet worden. Ob und wie die beiden fehlenden Häuser ersetzt werden sollten, darüber gab es jahrelang Streit zwischen der Stadt einerseits, die aus touristischen Gründen für eine exakte Rekonstruktion plädierte, und der Stiftung sowie engagierten Fachleuten aus aller Welt andererseits, für die das einer Geschichtsklitterung gleichgekommen wäre. Es war der inzwischen in Ungnade gefallene Direktor der Bauhausstiftung, Philipp Oswalt, dem es gelang, nach einem Architektenwettbewerb den siegreichen Entwurf allen Kontrahenten schmackhaft zu machen.
»Gebaute Unschärfe« nennen die Architekten Bruno Fioretti Marquez ihr Konzept, die Baukörper exakt nachzuformen, aber die Fenster als graue Milchglas-Rechtecke auszuführen. Sie wollten gegenüber dem heroischen Bestand »leise auftreten, ins Gespräch kommen«. Der Gesamteindruck der Baugruppe wurde rekonstruiert, die beiden Neubauten aber als neue Artefakte charakterisiert. Es sind eben keine Wohnhäuser mehr, sondern Sitz der Kurt-Weill-Stiftung das eine, Museum das andere. Innen tut sich eine neue Welt auf, mit neuen Raumerfahrungen, denn manche Wände und Decken wurden weggelassen. Der Künstler Olaf Nicolai gestaltete die Innenwände, beschichtete sie mit Flächen unterschiedlich gekörnten Marmorstaubs und inszeniert ein poetisches Spiel mit dem Licht. Kein Abbild, ein Nachbild der Moderne ist entstanden, eine neue, zusätzliche Attraktion.