Eine »Entscheidung«, die ratlos stimmt

1925 konnte Walter Gropius sein Meisterwerk in Dessau realisieren, eben das Bauhaus, und dazu die Meisterhäuser. Einen Wettbewerb gab es nicht, warum auch, er war ja vom Oberbürgermeister der aufstrebenden und betont modernen Industriestadt eingeladen worden, seine Lehranstalt hierher zu bringen, samt Schulgebäude. Wie sich die Zeiten doch geändert haben. Dessau ist heute weder aufstrebend noch modern; vom Zweiten Weltkrieg mit der Zerstörung der Junkers-Flugzeugwerke hat sich die Stadt nie mehr erholt. Heute gibt es einen Oberbürgermeister, von dem man nicht genau sagen kann, ob er das Bauhaus wirklich schätzt, und einen Kulturminister, der sich mit dem letzten Direktor der Stiftung bis zu dessen Abgang gefetzt hat – und natürlich ein ausgefeiltes Wettbewerbswesen.
Zur 100-Jahrfeier im Frühjahr 2019 soll das Bauhaus ein Museum bekommen; dafür wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sich sage und schreibe 831 Architekten beteiligt haben. Dieser Wettbewerb ist zwar abgeschlossen, hinterlässt aber alle Beteiligten ratlos. Denn die Jury unter Vorsitz von Wolfgang Lorch und mit so namhaften Fachpreisrichtern wie Jürgen Mayer H. und Regine Leibinger konnte sich nicht auf einen 1. Preis verständigen – sie vergab deren gleich zwei. Die aber liegen dermaßen weit auseinander, dass man sich schon fragt, wie es zu einer derart ärgerlichen Entscheidung kommen konnte. Die neue Stiftungsdirektorin Claudia Perren soll nun in Verhandlung mit den Wettbewerbssiegern prüfen, welcher Entwurf am ehesten dem Ausstellungskonzept entspricht. – Konnte das nicht die Jury sehen? Vielleicht nicht bei 831 Einreichungen. Im Grunde hat der Wettbewerb also kein handhabbares Ergebnis gebracht, denn die Entwürfe von Gonzalez Hinz Zabala aus Barcelona und Young & Ayata aus New York sind so verschieden, dass die endgültige Wahl einer Glaubensentscheidung gleichkommt. Das spanische Trio sieht einen 100 m langen zweigeschossigen Riegel vor, der das von der Stadt bestimmte Grundstück am Rande des Stadtparks – also in der Mitte der Stadt, wenn man bei Dessau überhaupt von einer »Mitte« sprechen will – der Länge nach ausnutzt. Die Ausstellungsfläche ist im OG vorgesehen, in einer Black Box hinter einer über beide Stockwerke reichenden Glasfassade, wobei das EG zwischen Straße und Park durchlässig sein soll. Mancher glaubte Mies van der Rohe zu sehen, doch womöglich haben sich die Spanier eher an der seriellen Architektur der DDR orientiert, die die Dessauer Mitte kennzeichnet?
Die New Yorker aber haben ein richtiges Ei gelegt: eine Addition von – je nach Zählweise – 22 oder auch 36 im Grundriss halb- oder vollrunden Bauten, die sich nach oben zu veritablen Zipfelmützen verjüngen, manche einzeln, andere zu Doppelzipfeln verbunden. Zu allem Überfluss sollen die Hütchen auch noch in Modefarben wie Pink, Altrosa und Orange angemalt sein. Die Belichtung erfolgt durch Öffnungen in der Zipfelspitze, die Erschließung von der Ecke des an einer Straßengabelung gelegenen Grundstücks. Man könnte an Vasen aus der Töpferwerkstatt des Weimarer Ur-Bauhauses denken, doch dürfte eher eine im weitesten Sinne organische Architektursprache gemeint sein. Und getöpfert wurde im Dessauer Bauhaus nur mehr am Rande.
Das ist ja genau die Crux dieser Wettbewerbsentscheidung. Dessau wird von auswärtigen Besuchern mit dem Originalgebäude assoziiert und deshalb fährt man hierhin. Wer alle Perioden des kurzen Bauhauslebens sehen will, fährt ohnehin nach Berlin ins Bauhaus-Archiv, das – Ironie der Geschichte oder Schildbürgerstreich? – bis 2019 ebenfalls eine Erweiterung erhalten soll. Der Dessauer Neubau konnte nicht in Nachbarschaft zum historischen Gebäude errichtet werden, denn die zu DDR-Zeiten noch vorhandenen Freiflächen wurden mit der Fachhochschule bebaut, deren Bibliothek sehr hübsch in dem DDR-»Konsum« nebenan untergebracht wurde. Aber ein Platz in der Nähe der zugegebenermaßen vom Stadtzentrum schon recht weit entfernten Meisterhäuser wäre möglich. So aber wird ein räumlicher Zusammenhang der Bauhaus-Geschichte vollständig verfehlt.
Das Originalgebäude kann für Dauerausstellungen nicht genutzt werden, das lassen die katastrophalen klimatischen Bedingungen nicht zu, und schon die jetzigen Maßnahmen, das Haus nutzbar zu machen, stellten die Denkmalpflege vor arge Probleme. Die Bauhäusler haben eben im Winter gefroren und im Sommer geschwitzt. Metallrahmenfenster und die Ausrichtung des Werkstättentrakts zur Sonnenseite brachten das mit sich. So war die Entscheidung für einen Neubau die logische Folge, und das Grundstück sollte »in« der Stadt liegen und nicht jenseits der Bahnlinie, an der hin und wieder ein Regionalzug hält. Von da ist es zwar nicht weit zum Original, aber die Lokalpolitik verspricht sich eine Aufwertung ihrer mit Verlaub trostlosen Mitte.

Vielleicht könnte der 3. Preisträger, das Basel-Zürcher Büro Berrel Berrel Kräutler, die Lösung sein? Der Entwurf mit mehreren über einem verglasten EG aufgeständerten Kisten, die sich gegeneinander versetzt geschickt um einen großen Baum im Park gruppieren, wäre daraufhin zu untersuchen. Letztlich liegt die Wurzel des Problems anderswo. Die Stiftung Bauhaus, die anfangs keine oder jedenfalls keine nennenswerte Sammlung besaß und dann von einem Design-Galeristen ein großes Konvolut erwarb, hatte immer den Ehrgeiz, eine Schule, experimentell versteht sich, zu sein und zu allen Fragen von Stadt- und Umweltplanung Workshops zu veranstalten. Wie der quälend zögerliche Umgang mit den teilzerstörten und verhunzten Meisterhäusern zeigt, hatten die Stiftungsmitarbeiter nie ein Verhältnis zum Erbe des Bauhauses gefunden. Doch man muss den Sammlungsgegenstand lieben, wenn etwas Rechtes herauskommen soll. Architektur und Stadtplanung werden an zahllosen Universitäten gelehrt, aber das historische Bauhaus gibt es nur einmal und eben nur in Dessau. Die ungelöste Frage, wie zeitgeistig man sein will und darf, wenn man zuallererst ein historisches Haus zu hüten hat, kommt in der Ratlosigkeit der Juryentscheidung erneut zum Ausdruck.

~Bernhard Schulz

Der Autor ist Redakteur im Kulturressort des Tagesspiegel Berlin.

Alle Entwürfe sind online einzusehen unter
c4c-berlin.de/projekte/bmd-de »