Kuranlagen in Bad Neuenahr-Ahrweiler

Freiwillige Amputation

Die Bauten am Rande des Kurparks von Bad Neuenahr sind nicht irgendeine bauliche Anlage – sie gehören zum identitätsstiftenden Kern des Ortes. Nun sollen sie abgerissen werden, um willigen Investoren Platz zu machen.

{Text: Claudia Hildner

Stilvolle Bauten für betuchte Kurgäste: Nachdem der Gemeinde Neuenahr im Jahr 1927 offiziell der Titel eines »Bades« verliehen worden war, wollten die Verantwortlichen ihrem Stolz auch baulich Ausdruck verleihen. In dem daraufhin ausgelobten Wettbewerb, für den sie so renommierte Preisrichter wie Ernst May und Herrmann Muthesius verpflichteten, errang der junge Architekt Hermann Weiser einen zweiten Platz. Eine überarbeitete Version seines Entwurfes durfte er ab 1933 umsetzen. Im Zentrum der Anlage im Stil der Neuen Sachlichkeit steht die Trinkhalle, die dank integrierter Konzertmuschel auch für musikalische Veranstaltungen genutzt werden kann.

Der Bau mit seiner klaren, reduzierten Gestaltung und der Leichtigkeit, die durch die gebäudehohen Verglasungen erreicht wurde, schafft am östlichen Ende des Kurparks ein angemessenes architektonisches Pendant zum sorgsam gestalteten Landschaftsgarten. »Es scheint mir wesentlich zu sein, dass in den Heilbädern den Gesundheit und Erholung suchenden Gästen das Erlebnis der Natur in reichen und vielseitigen Eindrücken aufgeschlossen wird, und dabei spielt die Rolle, die der Baukunst zufällt, nicht unbedeutend mit«, erläuterte der Architekt in einem Aufsatz die Intention seines Entwurfs. Ein gleichzeitig mit der Halle entstandener – später an mehreren Stellen durchbrochener – Wandelgang rahmt den Platz, der zum Kurpark überleitet. Im Westen formen die Kleine Trinkhalle und eine eingeschossige Ladenzeile den Übergang zu den Kuranlagen und Hotels jenseits der Kurgartenstraße. Bis in die 50er hinein wirkte Hermann Weiser an der schrittweisen Erweiterung der Anlage mit. Die Generaldirektion Bauliches Erbe Rheinland-Pfalz führt seine Gebäude für den Kurpark – bis auf die Überdachung des Ehrenhofes – auf der Denkmalliste. Auf Anfrage bestätigte die Behörde: »Diese Anlagen und Bauten sind konstituierende Bestandteile der Denkmalzone.« Es gebe somit einen Substanzschutz.

Den Verantwortlichen der Gemeinde Bad Neuenahr, in deren Besitz sich die sanierungsbedürftigen Bauten befinden, scheint sich der Charme des Ensembles jedoch nicht zu erschließen. Über eine Instandsetzung oder einen nur partiellen Rückbau – bei dem etwa auch Veränderungen der letzten Jahrzehnte wieder rückgängig gemacht werden könnten, die dem Gesamteindruck eher schaden – wird gar nicht erst nachgedacht. Vielmehr sammelt der Gemeinderat emsig Nachweise, um die Untere Denkmalschutzbehörde von einem Abriss zu überzeugen. Ein Sachverständiger attestierte den Bauten im Auftrag der Gemeinde bereits mangelnde Denkmalwürdigkeit: »Die historischen Gebäude der wichtigen Zeit des Parks, zwischen der Erstbebauung 1858 und den 1920er Jahren, existieren heute nicht mehr … Bei den hier in Rede stehenden Gebäuden handelt es sich um stark veränderte, einfache Baulichkeiten aus den 1930er und 1950er Jahren«, schreibt Geerd Dahms in seinem erstaunlich modernefeindlichen Gutachten. Ein ortsansässiges Architekturbüro fertigte eine städtebauliche Vorplanung, auf deren Basis derzeit Investoren gesucht werden. Erhalten bleibt bei diesem Konzept nur die grob aus der Trinkhalle herausgeschnittene Konzertmuschel, der Denkmalwürdigkeit zugestanden wird. Dass das gleiche Büro im Auftrag der Gemeinde auch eine Liste von Schäden an den Bestandsbauten zusammenstellen durfte, scheint niemand als Interessenskonflikt wahrzunehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Neubau ähnlich hohe Gestaltqualitäten wie Weisers Anlage haben wird, ist eher gering: Einen Architektenwettbewerb haben die Verantwortlichen bereits ausgeschlossen.

Nicht nur für die Bürgerinitiative »Lebenswerte Stadt« ist es bitter, dass einem der wichtigsten, identitätsstiftenden Orte von Bad Neuenahr mit solcher Kurzsicht begegnet wird. Die Chance, das gesamte Ensemble unabhängig von Rendite-Interessen soweit möglich in seiner ursprünglichen Eleganz wiederherzustellen, evtl. ergänzt um eine behutsame Erweiterung, wird vertan. Statt die Architektur zu würdigen und ihre Bedeutung für den Ort zu ermessen, wird automatisch davon ausgegangen, dass Komplettabriss und Neubau die Attraktivität der Kuranlagen steigern würden. 1927 wurde ein Wettbewerb ausgerufen, um das Beste für Bad Neuenahr herauszuholen. Das Ergebnis soll nun zerstört werden, um auf die Schnelle und mit wenig Aufwand eine Lösung zu finden, die v.a. möglichen Investoren gerecht werden soll.