Wohnungsbau am Mehrgenerationenplatz Forstenried in München

Einer für alle

Eine neue Waldorfschule in München versteht sich als »Mehrgenerationenplatz«, der nicht nur vielfältige Schulgebäude umfasst, sondern auch Geschosswohnungsbau beinhaltet. Mit zahlreichen baulichen und organisatorischen Angeboten zur Ausbildung einer engen Hausgemeinschaft bietet der Neubau beste Voraussetzungen für ein aktives Miteinander verschiedener Bevölkerungsgruppen.

Architekten: bogevischs bueroTragwerksplanung: Bauart Konstruktion

Kritik: Roland PawlitschkoFotos: Michael Heinrich
»Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.« Dieses afrikanische Sprichwort nahm die vor sechs Jahren auf einer ehemaligen Brachfläche in München-Forstenried eröffnete Freie Waldorfschule München Südwest zum Leitmotiv sowohl für ihren pädagogischen Ansatz als auch für die städtebauliche Struktur des Schulgeländes. Da sich die Schule derzeit noch in der Aufbauphase befindet, d. h. es gibt noch nicht alle Klassen bis zur Oberstufe, sind von dieser Gesamtstruktur bislang nur Fragmente realisiert: in Grund- und Aufriss unregelmäßig geformte Bauten, die mit überwiegend kräftigen Fassadenfarben und begrünten Dächern in lockerer Beziehung zueinander stehen. Bereits fertiggestellt sind ein kleines Schulgebäude aus dem Gründungsjahr (2010), ein großes Schulgebäude mit Mensa (2014) sowie ein Kinderhaus zur Betreuung von Ein- bis Sechsjährigen (2015). Teil des Ensembles ist aber auch ein neuer, zickzackförmiger, rund 130 m langer Wohnungsbau am westlichen Rand des Areals.
Initiiert wurde dieser ursprünglich von einigen Mitgliedern des Fördervereins Freie Waldorfschule München Südwest. Sie gingen 2010 auf die Wohnungsbaugenossenschaft Wogeno zu, um mit ihr zusammen die Idee eines »Dorfs« umzusetzen, in dem die »Strukturen der Großfamilie wieder ins Zentrum der Gesellschaft« rücken. Aus der daraufhin entstandenen Kooperation ging das Konzept eines »Mehrgenerationenplatzes« hervor, das ein Jahr später mithilfe eines Architektenwettbewerbs für das gesamte Schulgelände in die Realisierungsphase ging. Zu den erklärten Zielen der beiden Auslober zählen u. a. »vielfältige Synergien, Kooperationen und soziale Impulse«, die sich aus der gemeinsamen Nutzung nicht nur der Freiflächen, sondern auch der Mensa, des Theatersaals, der Turnhalle und der Werkstätten ergeben sollen – die letzten drei Nutzungen werden in den im Lauf der nächsten Jahre noch zu errichtenden Gebäuden untergebracht sein. ›
Wegenetz aus Treppen und Laubengängen
Der nach Plänen der siegreichen Architekten von bogevischs buero errichtete, größtenteils fünfgeschossige Wohnungsbau (Schulgebäude und Kinderhaus wurden von anderen Architekten realisiert) vermittelt zwischen der Waldorfschule und den westlich benachbarten Wohn- und Bürogebäuden an der Limmatstraße. Während sich die privaten Balkone und Terrassen dorthin orientieren, ist das Gebäude auf der Ostseite nicht zuletzt wegen der offenen Laubengangerschließung eng mit dem Schulgelände verknüpft. Die an drei Treppenhäusern angebundenen Laubengänge können von den Bewohnern der 70 Wohnungen frei »durchwandert« werden. Um zufällige Begegnungen und gemeinsame Aktivitäten im Haus zu fördern, verfügen sie über vereinzelt vor Fenstern aufgestellte Sitzbänke sowie Balkonerweiterungen, die sich z. B. als zusätzlicher Freisitz eignen. Wesentlich mehr Spielräume bieten in diesem Zusammenhang die beiden Dachterrassen, die sich – eingebunden in ein Wegenetz aus Treppen und Laubengängen – wie die Sonnendecks auf einem Kreuzfahrtschiff großflächig nach beiden Seiten und zum Himmel öffnen. Dies gilt insbesondere für die südliche Dachterrasse im 3. OG, an der einer der beiden Gemeinschaftsräume mit Küche sowie ein Gästeapartment liegen. Die enorme Größe der Terrasse, die beiden offenen Treppen zum 4. OG bzw. zur Dachfläche sowie die beidseitig aufragenden Stirnwände des 3. und 4. Wohngeschosses schaffen einen angenehm kleinmaßstäblichen Bereich mit fast dörflicher Atmosphäre. Davon dass die Terrasse tatsächlich viel genutzt wird, zeugen neben Grillutensilien aufgestellte Tische, Bänke und Hochbeete. Gemeinschaftliche Angebote wie diese lassen es verschmerzen, dass die zum Laubengang orientierten Küchen, Wohn- und Schlafräume dank der großen Fenster gut belichtet, aber eben auch gut einsehbar sind. Viele Bewohner betrachten dies als Chance zum offenen Miteinander, während sich andere mit blickdichten Vorhängen und Jalousien eher abschotten.
Vielfältige Gemeinschaft
Ein weiterer Gemeinschaftsraum, der zudem über einen Waschsalon und eine Mobilitätsstation verfügt (hier lassen sich Car- und E-Bike-Sharing-Angebote nutzen), befindet sich zwischen mittlerem Treppenhaus und dem zweigeschossig hohen Durchgang zwischen Limmatstraße und Schulgelände. Einen wesentlichen Beitrag zum Entstehen der heutigen Hausgemeinschaft leistete der Entschluss, die Bewohner gleich nach Vergabe der Wohnungen in ›
› den Planungsprozess einzubinden. Selbst wenn es dabei weniger um Grundsätzliches als vielmehr um Ausbaudetails ging, war es im Sinne des Zusammenhalts doch wichtig, die überaus heterogene Bewohnerschaft an einen Tisch zu bringen. Einerseits wohnen dort Lehrer und Schüler der Waldorfschule, die den Mehrgenerationen-Gedanken bewusst leben wollen. Auf der anderen Seite wurde fast die Hälfte der Wohnungen im Rahmen der einkommensorientierten Förderung (EOF, Amt für Wohnen und Migration) bzw. nach dem »München Modell« (Sozialreferat) vergeben. Hinzu kommen eine »familienorientierte traumapädagogische Wohngruppe« für acht Kinder und Jugendliche ab sechs Jahren, acht Apartments für einzelbetreutes Wohnen sowie eine betreute Wohngemeinschaft für insgesamt acht sehbehinderte Menschen.
Konstruktion und Ausbau
Um dieser Vielfalt entsprechend Raum geben zu können, entschlossen sich die Architekten für eine tragende Struktur aus Betonschotten. Diese Bauweise sorgt zwar für klar definierte, unverrückbare Wohnungsbreiten, ermöglicht zugleich aber eine völlig flexible Grundrissaufteilung, bei der übereinanderliegende Abwasserschächte die einzigen Fixpunkte darstellen. Und so gibt es Single-Wohnungen oder zweigeschossige Maisonette-Wohnungen zwischen zwei Betonschotten ebenso wie große Familienwohnungen, die sich über drei Schottenfelder erstrecken. Die Außenwände bestehen zum großen Teil aus nichttragenden Holzrahmenelementen, die mitsamt Fenstern und vorvergrauter Holzfassade aus Weißtanne vorgefertigt wurden – woraus sich relativ kurze Montagezeiten und Kostenvorteile ergaben. Positiv auf die Gesamtkostenbilanz wirkte sich auch aus, dass im gesamten Bauvorhaben, neben Terrassen- und Balkontüren, nur zwei Fensterformate zum Einsatz kamen – teils mit Schwing-, teils mit Drehflügeln. Aufgrund solcher seriellen Lösungen und dank des einfachen konstruktiven Prinzips, zu der auch die aus Fertigteilen vor die Außenwand gestellte Betonkonstruktion der Balkone zählt, war es den Architekten an anderer Stelle möglich, hohe Standards zu verwirklichen: z. B. Holzfenster und Eichenparkett in allen Wohnungen, unabhängig von Größe, Förderungsmodell und Nutzer. Am Ende lagen die Baukosten des im KfW-55-Standard errichteten Wohnungsbaus nach Angaben der Architekten im Münchener Durchschnitt.
Energiekonzept und Synergien
Der Einsatz nachwachsender Rohstoffe spielt nicht nur in der Fassade, sondern auch beim Energiekonzept eine wesentliche Rolle. So befindet sich im UG des Wohnungsbaus ein mit Holzpellets betriebenes Blockheizkraftwerk mit 40 kW elektrischer Leistung, mit dem sowohl die Wohnungen als auch die Schule mit Warmwasser, Heizwärme und Strom versorgt werden – Betreiber ist ein eigens gemeinsam von der Wohnungsbaugenossenschaft und der Waldorfschule gegründetes Unternehmen. Hinzu kommt eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des nördlichen Gebäudeteils, die u. a. zum Aufladen der Elektroautos bzw. E-Bikes in der Tiefgarage beiträgt. Die Tatsache, dass dort überdies Fahrzeuge eines Carsharing-Anbieters zur Verfügung stehen, ermöglichte die Anwendung eines reduzierten Stellplatzschlüssels, sodass weniger Stellplätze gebaut werden mussten als baurechtlich gefordert – was wiederum zu Kosteneinsparungen führte. ›
› Inwieweit die Rechnung des gemeinsamen Energiekonzepts und die gegenseitige Nutzung von Wohn- und Schulräumen aufgeht, wird sich in den nächsten Jahren nach Fertigstellung des Schulcampus’ zeigen. Schon heute sind allerdings zwei Dinge sichtbar. Zum einen bilden der eher rationale, fast monochrom graubraune Wohnungsbau (Akzente setzen grüne Blumenkästen, Sitzbänke und Treppenhauswände) und die eher frei geformten und farblich gestalteten Schulgebäude – trotz ihrer unterschiedlichen architektonischen Haltung – eine harmonische Einheit. Zum anderen machen rege genutzte Balkone, Laubengänge, Dachterrassen und Gemeinschafträume deutlich, dass die kommunikativen Angebote tatsächlich wahrgenommen werden.

Standort: Limmatstraße 3-7, 81476 München
Bauherr: Wogeno München eG, vertreten durch die Cohaus München GmbH
Architekten: bogevischs buero architekten & stadtplaner, München
Mitarbeiter: Katrin Hauth (Projektleitung)
Tragwerksplanung, Brandschutz, Bauphysik: Bauart Konstruktion, München
HLS-Planung: Energieagentur Berghamer und Penzkofer, Moosburg
Elektro-Planung: PfG Planungsbüro für Gebäudetechnik, Moosinning
Landschaftsarchitektur: grabner+huber landschaftsarch. partnerschaft, Freising (heute: grabner huber lipp landschaftsarch. & stadtplaner partnerschaft)
BGF: 11 486,5 m² (inkl. TG), Wohnfläche: 6 369,5 m²
BRI: 33 378,6 m³ (inkl. TG)
Baukosten (KG 300+400): 1 716 Euro/m² WF
Bauzeit: August 2013 bis Januar 2015
Beteiligte Firmen:
Rohbau: Xaver Lutzenberger, Pfaffenhausen, www.lutzenberger-bau.de
Balkone: Ing. Hans Lang, Terfens (A), www.langbau.at
Balkon- und Laubengangbrüstungen: Alucubond – 3A Composites, Singen, www.alucobond.com
Holzbau: Anton Ambros, Hopferau, www.ambros-haus.de
Schlosserarbeiten: Metallbau Pröbst, Wartenberg, www.metallbau-proebst.de
vorvergraute Fassade: Habisreutinger, Weingarten, www.habisreutinger.de
Fenster: Huber & Sohn, Eiselfing, www.huber-sohn.de
Aufzug: Haushahn, Stuttgart, www.haushahn.de
Duplexparker: Klaus Multiparking, Aitrach, www.multiparking.com
Leuchten: (Treppenhaus) Fluora Leuchten, Herisau, www.fluora.ch; (Laubengang: Lisilux) THPG Thomas Hoof Produktgesellschaft, Waltrop, www.produktgesellschaft.de; (Durchfahrt) XAL, Graz, www.xal.com

MÜNCHEN (S. 28)

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Roland Pawlitschkos. db 1-2/2016, S. 104
bogevischs buero
Ritz Ritzer1986-93 Studium an der TU München und der ETSA Barcelona. Seit 1996 gemeinsames Büro mit Rainer Hofmann. 1997-2001 Lehrauftrag an der TU München, u. a. Lehre und Forschung zu anonymer Baukultur.
Rainer Hofmann1993 Diplom an der TU München, 1995 Master. 1995-2000 Mitarbeit u. a. bei Sauerbruch Hutton, London. Seit 2000 gemeinsames Büro mit Ritz Ritzer. Lehraufträge u. a. in London und an der Hochschule Coburg.

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Unser Kritiker Roland Pawlitschko zeigte sich von der großen Dachterrasse begeistert und würde sich am liebsten sofort im Gästeapartment des »Mehrgenerationenplatzes« einmieten.