1957-59, 1962-64, Erweiterung 1976-78

Studentendorf Schlachtensee

In den späten 50er Jahren als vorbildliche Anlage erbaut, schien das Studentendorf Schlachtensee in den 90er Jahren vor seinem Ende zu stehen. Doch zum Glück kam es anders: Bei der 2006 begonnenen Sanierung gelingt es, die gestalterischen Qualitäten der Anlage wieder freizulegen und gleichzeitig ihre Zukunftsfähigkeit zu sichern.
  • Architekten: Fehling, Gogel und Pfannkuch mit Hermann Mattern;
    Erweiterung: Kraemer, Sievers und Partner
  • Kritik: Mathias Remmele
    Fotos: Reinhard Friedrich, Mila Hacke, Mathias Remmele u. a.

Das Projekt erhielt einen Preis beim db-Wettbewerb
»Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2018.

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Auch wenn es heute als Denkmal von »nationaler Bedeutung« anerkannt und geschützt ist – es ist alles andere als selbstverständlich, dass das Studentendorf Schlachtensee überhaupt noch existiert. Das Schicksal der gesamten Anlage, die einst als Symbol für den demokratischen Neubeginn in Deutschland und den Behauptungswillen West-Berlins galt, hing vor rund 15 Jahren noch an einem seidenen Faden. Nicht weniger als zwei Abrissbeschlüsse bedrohten in den 80er und 90er Jahren den Fortbestand des hierzulande einzigartigen Ensembles. Die herausragende konzeptionelle und gestalterische Qualität der Anlage war in Vergessenheit geraten und durch die jahrzehntelange Vernachlässigung hatte die Bausubstanz erheblich gelitten. Die fast schon dramatische Geschichte des Studentendorfs, die vom eklatanten Versagen staatlicher Institutionen bzw. Entscheidungsträger und dem fruchtbaren Wirken zivilbürgerlichen Engagements erzählt, ist ein Lehrstück über die wandelbare Wertschätzung von Architektur.
Die Anlage entstand in drei Bauabschnitten auf einem rund 5 ha großen, zuvor landwirtschaftlich genutzten Areal. 1957-59 wurden nach Plänen von Hermann Fehling, Daniel Gogel und Peter Pfannkuch 21 Gebäude mit 710 Wohneinheiten sowie das Rathaus, die Bibliothek und ein Laden errichtet. 1962-64 kamen, ebenfalls von diesen Architekten entworfen, zwei Wohnhäuser, das Gemeinschaftshaus und das (mittlerweile abgerissene) Direktorenhaus hinzu. 1976-78 schließlich wurden vom Büro Kraemer, Sievers und Partner vier weitere Wohnhäuser mit 352 Wohneinheiten realisiert, die bisher nicht unter den Denkmalschutz fallen.
Finanziert wurde das Projekt in der ersten Phase mit Mitteln des US State Departments im Rahmen des Re-Education-Programms, das auf die Förderung einer demokratischen Entwicklung Deutschlands ausgerichtet war. Im Studentendorf, das in seiner Gesamtanlage der Campus-Idee amerikanischer Universitäten folgt, sollte gemeinschaftliches Wohnen und Lernen mit einer umfassenden demokratischen Bildung verbunden werden – etwa durch spezielle Tutorenprogramme oder durch Elemente der studentischen Selbstverwaltung.
Egalität und Individualität
Den Berliner Architekten Fehling, Gogel und Pfannkuch (allesamt frühere Mitarbeiter von Hans Scharoun) gelang es, in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsarchitekten Hermann Mattern für das »Dorf« städtebaulich und architektonisch eine Form zu entwickeln, die diesen politisch-gesellschaftlichen Impuls zum Ausdruck bringt und gleichzeitig auch in gestalterischer Hinsicht überzeugt. Im Zentrum des Geländes, das einer natürlichen Bodenbewegung folgend in einer leichten Senke liegt, platzierten sie die gemeinschaftlichen Gebäude wie Rathaus (Verwaltung), Bibliothek und Gemeinschaftshaus. Ringsum gruppierten sie die (ursprünglich nach Geschlechtern getrennten) zwei- bzw. dreigeschossigen Wohnhäuser, die entweder für sich stehen oder als Doppelhäuser mit einem gemeinsamen Hofraum konzipiert sind. Städtebaulich entspricht die Siedlung damit dem damals herrschenden Ideal einer offenen, durchgrünten Stadtlandschaft. Die Freiraumgestaltung von Mattern, die sich aus Baumgruppen, niedrigen Büschen, Rasenflächen und den Wohnhäusern zugeordneten Staudenbeeten zusammensetzt, unterstützt dieses Bild. Das von ihm entwickelte Wegesystem ist auf die Gemeinschaftsbauten in der Mitte der Anlage ausgerichtet. Ein leichter Erdwall definiert die Grenzen des Dorfs und soll so das Gemeinschaftsgefühl stärken.
Die Architektur der Häuser, die als Putzbauten ausgeführt wurden, folgt stets einem nur leicht abgewandelten Schema. An den beiden Längsseiten der Gebäude liegen, an einem schmalen Flur aufgereiht, die 9,5 m² großen, jeweils mit Tisch, Stuhl, Bett, Einbauschrank und Regal ausgestatteten »Buden«. Dazwischengeschaltet wurde der um ein Treppenhaus und einen zentralen Lichthof herum organisierte Gemeinschaftsbereich, der pro Geschoss aus Sanitärräumen, Teeküche und dazugehörigem Sitzplatz besteht. Bemerkenswert erscheint, wie es den Architekten gelang, in den Wohnheimen die Idee der Egalität mit dem Ideal der Individualität zu verbinden. Die Zimmer für die Studierenden mögen gleich groß und gleich ausgestattet sein, und doch gleicht keines exakt dem anderen: Die Einteilung der Fenster, die Lage von Einbauschrank und Regal, die Farbigkeit von Decke und Wänden (von denen jeweils eine mit Holz verschalt wurde) variiert von Bude zu Bude. Diese Wertschätzung der Individualität ist auch an den Fassaden der Häuser ablesbar, die jeweils nach dem gleichen Muster »gestrickt« sind und dennoch immer ein wenig anders aussehen.
Authentizität und Wirtschaftlichkeit
Nachdem 2003 nach langem Ringen endlich eine neu gegründete Genossenschaft das Studentendorf übernommen hatte, konnte 2006 die dringend gebotene Sanierung beginnen. Dabei bestand die Aufgabe darin, zwei potenziell gegensätzlichen Ansprüchen gerecht zu werden – nämlich die Authentizität des Denkmals zu bewahren und gleichzeitig einen wirtschaftlichen Betrieb des Dorfs zu ermöglichen. Drei wesentliche Problemfelder taten sich dabei auf: Die Behebung offensichtlicher baukonstruktiver Mängel, die Verbesserung der nach heutigen Maßstäben katastrophalen energetischen Situation sowie Veränderungen bei der inneren Struktur der Wohnheime. Ein Standard, der Ende der 50er Jahre als normal gelten konnte – etwa, dass sich bis zu acht Menschen nur eine Toilette und nur eine Dusche teilen –, ist heute nicht mehr zeitgemäß.
Die mit der Sanierung betrauten Büros – in der ersten Phase Autzen und Reimers Architekten, später Brenne Architekten – erarbeiteten dafür in Kooperation mit der Genossenschaft Lösungen, die, ungeachtet von Unterschieden im Detail, beide als vorbildlich gelten dürfen.
Für die Zimmer wurden drei Varianten entwickelt und realisiert: 1. Von drei nebeneinanderliegenden Buden wird die mittlere zugunsten eines Bads aufgegeben. 2. Aus zwei benachbarten Zimmern wird ein Apartment mit Nasszelle und Miniküche. 3. Der bisher gemeinschaftlich genutzte Sanitärbereich wird so umgebaut, dass jeder Bude ein individuelles Bad zugeordnet ist. Diese neuen Grundrisslösungen, die in jedem Haus umgesetzt werden, ermöglichen es, die konzeptionell so wichtigen Gemeinschaftszonen der Häuser (Küchen, Essplätze und Aufenthaltsräume) zu erhalten und aufzuwerten.
Mit einem Bündel von Maßnahmen wird der Energiebedarf der Häuser gezügelt, wodurch sich eine Reduktion der Heizkosten um rund 50 % ergibt. Ein wesentlicher Beitrag dazu wird durch eine komplette Erneuerung der Fenster erzielt. Die aufgrund von Kondenswasserbildung meist stark korrodierten alten Stahlprofil-Fenster werden durch thermisch getrennte Fenster ersetzt, deren Profile den Originalen visuell erstaunlich nahe kommen. Das bisher völlig ungedämmte, einschalige Mauerwerk erhält eine effektive Dämmung. Autzen und Reimers kombinierten dabei eine Außendämmung aus 40 mm dicken Resolplatten, die direkt auf die vom alten Putz befreiten Mauern appliziert wurden, mit einer Innendämmung aus 100 mm dicken Kalzium-Silikat-Platten, die man im Brüstungsbereich der Fenster verbaute. Winfried Brenne hingegen verstärkte die Außendämmung auf 60 mm Resolplatten und verzichtete dafür auf die Innendämmung. Der für das äußere Erscheinungsbild der Häuser so wichtige durchgefärbte Edelkratzputz kann originalgetreu erneuert werden. Selbstredend erhalten auch die Flachdächer im Zuge der Sanierung die maximal mögliche Dämmung. Um die Belüftung der Räume sicherzustellen und weiteren Bauschäden vorzubeugen, wurden ebenfalls verschiedene Wege beschritten: Autzen und Reimers favorisierten eine zentrale Lüftungsanlage, während Brenne Architekten nicht zuletzt aus Kostengründen auf Einzelraumbelüftung mit Wärmerückgewinnung setzten. Beide Varianten konnten weitgehend unsichtbar realisiert werden.
Die Zukunft des Studentendorfes darf heute als gesichert gelten. Seine Erneuerung aber ist ein »work in progress«. Wenn 2022 – so die momentane Planung – alle denkmalgeschützten Wohnhäuser saniert und umgebaut sein werden, stehen weitere Projekte an: die Gemeinschaftsbauten und die Wohnhäuser des dritten Bauabschnitts. Ein Blick nach Schlachtensee dürfte sich da bald wieder lohnen. •

Der Autor: Mathias Remmele

1963 geboren. Studium der Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie in Berlin und Wien. Freier Journalist, seit 1999 Gastkurator am Vitra Design Museum. Veröffentlichungen über Design und Architektur. Seit 2000 Dozent für Design-, Architektur- und Kulturgeschichte an der HGK Basel.


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