Studentendorf Schlachtensee in Berlin

Sparen mit Sinn und Verstand

Beim Sanieren von Studentenwohnungen ist besondere Sparsamkeit angesagt, sollen die Mieten doch erschwinglich bleiben. Wie man dabei den Energieverbrauch senkt, den Denkmalschutz beachtet und neue Wohnqualitäten schafft, zeigt dieser Umbau in Berlin.

Das Projekt erhielt einen Preis beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2018.

Jurybegründung:
Architektur der 50er Jahre energetisch zu sanieren, ohne dass die feingliedrige Gestaltung leidet, ist alles andere als einfach. Beim denkmalgeschützten Studentendorf Schlachtensee ist genau dies geglückt. Der Energieverbrauch wurde um 60 % gedrosselt, die zwischenzeitlich verlorene originale Farbigkeit wiederhergestellt – und das Ganze mit einem Budget, das keine großen Sprünge gestattet, weil die Mieten auch nach der Sanierung niedrig bleiben sollen.

Architekten: BRENNE ARCHITEKTEN
Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Rüdiger Jockwer

Text: Matthias Remmele
Fotos: Mila Hacke, Berlin und BRENNE ARCHITEKTEN

Es waren die renommierten Berliner Architekten Fehling, Gogel und Pfannkuch (allesamt frühere Mitarbeiter von Scharoun), die das Studentendorf Schlachtensee seit 1957 in mehreren Bauabschnitten errichtet hatten. Nach einer langen Phase der Nichtachtung und der Vernachlässigung gewinnt die Anlage nun wieder an Attraktivität. Dies liegt nicht nur an dem seit Jahren dramatisch anwachsenden Wohnungsmangel und den stark gestiegenen Mieten in Berlin. Die neue Wertschätzung verdankt sich auch wesentlich den umfangreichen Sanierungsarbeiten, die der genossenschaftlich organisierte Träger des Dorfes energisch vorantreibt. Seit 2006 modernisiert er Schritt für Schritt das gesamte denkmalgeschützte Ensemble und orientiert sich dabei an drei zentralen Zielsetzungen: Erstens geht es darum, die ursprüngliche gestalterische und konzeptionelle Qualität der Anlage wiederherzustellen und neu erlebbar zu machen. Zweitens muss sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus ökologischen Gründen dringend eine energetische Sanierung der Gebäude durchgeführt werden. Drittens hat im Rahmen der Sanierung eine Anpassung der inneren Gebäudestruktur an die veränderten Nutzungserwartungen und heutigen Standards zu erfolgen. Dass sich bis zu acht Personen eine Toilette und eine Dusche teilen, ist – Baudenkmal hin oder her – nicht mehr vermittelbar.
Es liegt auf der Hand, dass die Erfüllung dieser Aufgaben bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Denkmalschutzvorgaben die Entwicklung von individuellen und innovativen Lösungsansätzen notwendig machte. Selbst ein in diesem Bereich so erfahrenes Büro wie Brenne Architekten aus Berlin sah sich hier vor eine herausforderungsreiche Aufgabe gestellt.

Wiederherstellung der gestalterischen Qualität

Das Studentendorf war entsprechend der städtebaulichen Ideale der Planungszeit als offene, durchgrünte Stadtlandschaft konzipiert worden. Um Gemeinschaftsbauten wie Verwaltung und Bibliothek im Zentrum der Anlage gruppieren sich die zwei- bzw. dreigeschossigen, als Putzbauten ausgeführten Wohnhäuser, die bisweilen als Doppelhäuser einen gemeinsamen Hofraum erhielten. Die innere Struktur der Häuser folgte einem klaren Schema. An den Längsseiten der Gebäude liegen, an einem schmalen Flur entlang aufgereiht, die 9,5 m² großen, als Buden bezeichneten Zimmer, jeweils mit Tisch, Stuhl, Bett, Einbauschrank und -regal ausgestattet. Zwischengeschaltet wurde der Gemeinschaftsbereich, der um ein Treppenhaus und einen zentralen Lichthof herum organisiert ist und aus Sanitärräumen, Teeküche und Sitzplatz besteht. Mithilfe eines variantenreichen Farb- und Materialkonzeptes gelang den Architekten dabei eine Individualisierung sowohl der Häuser, als auch der einzelnen Buden. Diese durch gedankenlose Renovierungen verlorengegangene gestalterische Qualität konnte bei der Sanierung wiederhergestellt werden.

Bei der Anpassung der Anlage an heutige Nutzungsansprüche wurde der Verlust einiger Zimmer in Kauf genommen, um legitime Bedürfnisse, etwa nach Verbesserung der Sanitäranlagen und einer Vergrößerung der Küchen, zu erfüllen. Zu diesem Zweck wurden für die einzelnen Häusertypen unterschiedliche Grundrisslösungen gefunden, die den Komfort deutlich erhöhen und die Zukunftsfähigkeit des Dorfes langfristig sichern.

Erfolgreiche energetische Sanierung

Mit einem Bündel von Maßnahmen konnte der Energiebedarf der Häuser um rund 60 % reduziert werden. Einen wichtigen Beitrag dazu bildete die komplette Erneuerung der Fenster. Die durch Kondenswasserbildung oft stark korrodierten alten Stahlprofile werden durch thermisch getrennte Fenster mit Dreifach-Isolierverglasung ersetzt, deren Profile den Originalen visuell erstaunlich nahe kommen. Das bisher ungedämmte, einschalige Mauerwerk erhält ein effizientes, nur 8 cm starkes Wärmeverbundsystem aus Resol-Hartschaumplatten und durchgefärbtem mineralischen Kratzputz. Auf diese Weise gelang es, das originale äußere Erscheinungsbild der Häuser weitestgehend zu erhalten. Um die Belüftung der Räume sicherzustellen und weiteren Bauschäden vorzubeugen, wurde eine individuell regelbare Einzelraumbelüftung mit Wärmerückgewinnung installiert. Eine Sanierung der Flachdächer komplettierte die Maßnahmen zur energetischen Ertüchtigung der Gebäude.


Standort: Wasgenstraße 75, 14129 Berlin
Bauherr: Studentendorf Schlachtensee eG, vertreten durch Andreas Barz (Vorstandsvorsitzender)
Architekten: BRENNE ARCHITEKTEN, Berlin
Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Rüdiger Jockwer, Berlin
Haustechnik: Häfner Ingenieure, Berlin
Elektroplanung: HDH Ingenieurgesellschaft (Haus 5, 6, 9+10, 18, 22+23, 28); IGP Technik (Haus 2, 12+13, 17), Berlin

Beteiligte Firmen:
Stahlfenster mit thermisch getrennten Stahlprofilen: »OS2«, Secco Sistemi, Preganziol (I), www.seccosistemi.com/de
Faserzement-Fassadentafeln »Equitone Pictura«, Eternit, Heidelberg, www.eternit.de
WDVS: »weber.therm RS 021 Fassade plus ultra« Resol-Hartschaum-Dämmplatte 60 mm mit angefärbtem Kratzputz »weber.top 200« mit Grobzuschlägen Quarz Rundkorn, gebrochenem Kalkstein und Glimmer, SAINT GOBAIN Weber, Düsseldorf, www.sg-weber.de
Einzelraumlüfter mit Wärmerückgewinnung: »Lunos e²«, LUNOS Lüftungstechnik, Berlin, www.lunos.de
Linoleumboden: »Uni Walton«, DLW, Bietigheim-Bissingen, www.dlw.de
Kautschukboden: »ARTIGO KAYAR«, objectflor, Köln, www.objectflor.de


BRENNE ARCHITEKTEN

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Winfried Brenne

1975 Diplom an der TU Berlin. 1978-90 Architekturwerkstatt Pitz-Brenne mit Helge Pitz. Seit 1990 BRENNE ARCHITEKTEN und 1994-2004 Arge Winfried Brenne – Joachim Eble, Berlin. 1990-92 Lehrauftrag an der Beuth Hochschule für Technik.


Über den Autor Mathias Remmele

Studium der Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie in Berlin und Wien. Freier Journalist, seit 1999 Gastkurator am Vitra Design Museum. Seit 2000 Dozent für Design-, Architektur- und Kulturgeschichte an der HGK Basel.