Zentrale der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin

Keine grüne Symbolik

Ein errechneter Primärenergiebedarf von 55, gemessen sogar von 44 kWh/m²a – das ist ein guter Wert für ein Gebäude mit Büro- und Konferenzräumen, die EnEV erlaubt das Doppelte. Dabei sieht die neue Heinrich-Böll-Stiftung im Herzen Berlins keineswegs wie ein bislang typischer Ökobau aus – im Gegenteil, sie wirkt klassisch-elegant und wohltuend zeitlos. In der selbsternannten »grünen Denkfabrik« liegen die Stärken im Verborgenen. Doch wird durch den Neubau auch ein Wandel im Verständnis von Nachhaltigkeit und Ökologie deutlich, der fragwürdig ist.

    • Architekten: e 2 a eckert eckert architekten Tragwerksplanung: RPB Rückert

  • Kritik: Christoph Gunßer Fotos: Jan Bitter
12 000 Euro an jährlichen Stromkosten allein, um die Computerserver zu kühlen – das war früher. Heute, im Neubau, zahlt die Heinrich-Böll-Stiftung denselben Betrag für die Heizung des ganzen Hauses: Der Fernwärme-Anschluss im Keller ist winzig, ein 1 ½“-Rohr. Die Abwärme der Computerserver, in wasserdurchströmten »Cool Racks« eingefangen, reicht in der Übergangszeit aus, um das Gebäude komplett zu heizen. Das funktioniert mit weitgehend natürlicher Lüftung: Fenster zum Hof sorgen für den Luftaustausch. Erst dort wird die Abwärme der Abluft zentral auf die Frischluft übertragen. Im Sommer zieht die Wärme auf demselben Weg durch das dann offene Glasdach ab, von außen strömt Frischluft nach. Zusätzlich kühlt ein von Schweizer Ingenieuren neu entwickeltes System, dessen Herzstück ein recht simples Aggregat im Keller ist, eine Art großer Grill aus Kupferrohren. Während der erwärmte Rücklauf aus der Fußboden- heizung/-kühlung durch das Gerät strömt, wird kaltes Leitungswasser über den Rohren des Grills versprüht. Die Verdunstungskälte kühlt das Wasser in den Rohren, ehe es zurück zirkuliert. Teil des Wasserkreislaufs sind auch dezentrale Brüstungsklimageräte unter den Fenstern, wo je nach Bedarf kleine Lüfter für die Verteilung der Kühle sorgen. 6 m3 Leitungswasser täglich (Kosten: 12 Euro) genügen dem adiabatischen Rückkühler, um die Büros angenehm zu temperieren. Heizung wie Kühlung arbeiten im »Niedrigsttemperaturbereich« zwischen 18 und 27 8 C.
Eine beeindruckende Bilanz ökotechnischer Neuerungen, sympathisch einfach, angemessen für eine Institution, die Ökologie, Bildung und Menschenrechte fördert und hier Partner aus aller Welt empfängt. Bert Bloß, technischer Leiter der Stiftung, kennt alle Zahlen und engagiert sich für kleinste Details. Er ließ z. B. noch nach Fertigstellung alle Umwälzpumpen austauschen, da sie überdimensioniert waren. Weil er so wesentlich mithalf, den Energiebedarf seines Arbeitgebers zu senken, erhielt er bereits einen »Green CIO Award«.
Doch die Innovationen funktionieren gewiss nur in einem Gehäuse, das kompakt, dreifachverglast, supergedämmt und solide konstruiert ist. Die knapp 7 000 m² der Stiftung wurden sinnvoll geteilt in zwei öffentliche und vier darüberliegende Büroetagen. Die 1 400 m² Konferenzbereich, bei größeren Anlässen herkömmlich klimatisiert, kragen als vollverglaste Beletage in den angrenzenden Stadtgarten aus. So wurde die Grundfläche des ›
› Gebäudes minimiert, was den nahegelegenen alten Bäumen das Überleben sicherte. Auf eine Tiefgarage wurde verzichtet. Dennoch irritieren einige wesentliche Eigenschaften des Neubaus den Betrachter.
Kalte Schulter
Da ist zuerst die Materialwahl. Aluminium ist dafür bekannt, dass es bei der Herstellung größte Energiemengen verschlingt (14 000 kWh/t allein für die Elektrolyse). Hier wird es nicht nur für die Fassade, sondern auch in den Innenräumen verwendet. Selbst wenn es unbeschichtet und damit voll reziklierbar bleibt, belastet die graue Energie die Ökobilanz – nach dem Schweizer Minergie-P-Eco-Standard hätte es da schon Schwierigkeiten gegeben. Die EnEV lässt die Materialbilanzen dagegen außer Acht.
Ein weiterer Punkt ist die völlige Gleichbehandlung der Fassaden, unab-hängig von den Himmelsrichtungen. Die Komplettverglasung der Beletage mag gestalterisch zwingend für die Selbstdarstellung der Stiftung sein, sie beschert dem Gebäude indes auch mit Sonnenschutzverglasung größte Wärmelasten. Die »Transparenz der Demokratie«, sie wurde schon zu oft beschworen. Ökologisch sinnvoll sind bewohnte Glashäuser nicht.
Überdies zeigt das Gebäude dem angrenzenden Stadtteil die kalte Schulter. Kontextualiät, Einbindung in vorhandene Netz- und Regelwerke sozialer, historischer, ästhetischer Art – das ließe sich als die »weiche« Seite der Ökologie bezeichnen, neben den »harten« Fakten von Stoffströmen und Energieeffizienz. Zudem wirkt die Lage am Rande des Stadtgartens (es durfte nur ein ehemaliger Parkplatz bebaut werden) unglücklich. ›
› Der Solitär kommt hier nicht zur Geltung. Das Gebäude wirkt wie gekappt – tatsächlich war erst eine Etage mehr geplant; später wurde diese zurückgestutzt.
Kein Ranken und kein Holz
Warum kleidet sich nun eine so fortschrittliche, unangepasste Institution wie die Heinrich-Böll-Stiftung in einen »Verschnitt zweier Mies-Gebäude«? Das Zitat stammt von Piet Eckert selbst, die Architekten e 2 a beziehen sich explizit auf das Farnsworth House und das Seagram Building. Seit den 70er Jahren galt die gerasterte Stahl-/Glas-Moderne und ihre vielen Nachahmer rings um den Globus als Inbegriff von Dominanz, Big Business, Energie- verschwendung. Viele diplomatische Vertretungen der USA sahen so aus. Hatte sich die Alternativbewegung nicht anfangs vorgenommen, alles anders zu machen?
Das ist lange her, und offenbar wollte die Stiftung jene »grüne« Nischenarchitektur vermeiden, keine Rankfassade also und kein Holz, nirgends. Nach Jahren grüner Regierungsbeteiligung wollte sie endlich als seriöse, professionelle Institution ernst genommen werden. Dabei ist die Stiftung aber offenbar ins andere Extrem verfallen. »Wir wollten keine Windräder auf dem Dach, keine Freak-Architektur«, sagt auch Piet Eckert. »Wir haben genau das Gegenteil davon gemacht«. Dabei ist nur teilweise Ideologie im Spiel – beide Gebrüder Eckert waren früher Mitarbeiter von Rem Koolhaas (»fuck context«, wir erinnern uns). Dort lernten sie auch, mit geringen Mitteln zu arbeiten – z. B. eine Kunsthalle für 2 000 Euro/m² zu errichten. Das enge Budget mag an manchem schuld sein. So sei es einfach rationeller gewesen, die teure Dreischeibenverglasung ringsum einheitlich zu bestellen, bemerkt der Architekt. Ökonomie sticht Ökologie.
Karges Innenleben
Richtig gespart wurde an der Innenausstattung. Das Gebäude rangiert nach Kriterien des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung »knapp über einem Provisorium« (Piet Eckert). Da keine Lüftungskanäle oder Sprinklerleitungen – aufgrund des Brandschutzkonzepts ließen sich Letztere ver-meiden – zu verbergen waren, verzichtete man im ganzen Haus auf abgehängte Decken. Holzwolle- und Akustikplatten, in den Konferenzräumen Tieftonabsorber aus Blech sowie Vorhänge übernehmen die Funktion der Schalldämpfung. Ein Sisalteppich hellt die Büroflure auf. Ansonsten dominiert roher Stahlbeton, mit eigens herbei geschafftem Schweizer Schalungs- system errichtet. Bezahlbar war nur ruppige Rohbauqualität.
Graue, spindartige Stahlschränke und nackte Neon-Lichtbänder machen das Ambiente nicht gemütlicher. Im Übrigen ist die Arbeitswelt ganz konventionell organisiert, die Chefs residieren zuoberst in den lichten Ecken, dazwischen wechseln offene und geschlossene Zellen, als Treffpunkt dienen Küchen in dunklen Innenecken. Handbeschriftete Tafeln an den Türen sowie Topfpflanzen und bunte Seidentücher zeugen von dem Versuch, Leben in die Kargheit zu bringen. Der robuste Bau verträgt es gut, er verlangt geradezu danach, individualisiert und in Besitz genommen zu werden.
Gipfel freudloser Monotonie ist der Innenhof im Bürotrakt. Da er im Brandfall auch als Rauchabzug dient, durfte er weder möbliert noch begrünt werden. So ist es ein rings von grauen Raster-Oberflächen umgebener Schacht, der wohl manchmal für eine Art »Fensterkonferenz« genutzt, aber nicht zum Verweilen betreten wird. Wäre statt der grauen Betonplatten nicht wenigstens eine Art bekiester Zen-Garten möglich gewesen? Oder ein Wandgemälde? Eine Scheu vor Symbolik, vor Subjektivität, vor Emotion durchzieht das Gebäude. ›
› Intellektualität und Energieeffizienz allein war der grün-alternativen Bewegung jedoch nie genug. Wenn heute grüne Kernkompetenzen zu Kennzeichen des Mainstreams werden – alle Welt redet schließlich irgendwie von Nachhaltigkeit – , sollten sich die alternativen Vordenker da nicht gerade ihrer anarchischen, emotionalen, unwirtschaftlichen Seiten entsinnen, ehe sie – wie schon häufig bei der Kleidung – gar nicht mehr auffallen?
Grüne DenkWerkstatt
Die »Kunst am Bau« findet im zentralen Treppenraum statt: Ist das nüchterne Foyer passiert, überrascht der grasgrüne Teppich mit dem Motiv einer Schafherde, die hinauf in die Beletage rennt. Dankbar, in dem kühlen Bau ein so selbstironisches Element vorzufinden, trabt man hinterher. Der Bezug zu einer Böll-Erzählung ist nur vage, und es lässt sich im Gehen manch freie Assoziation dazu finden. Wie auch der Konferenzbereich viele Möglichkeiten bietet: Wird er mit bis zu 300 Gästen bespielt, hat das Haus die Qualität eines Platzes, was allerdings nur visuell in die Außenwelt wirkt. Warum gibt es keine offene Freitreppe zum Stadt- garten? Warum ist die Cafeteria noch immer verwaist? So etwas integriert ein Haus ins Stadtgefüge.
Immerhin, die Möglichkeiten der Beletage werden intensiv genutzt, die Stiftung leistet wichtige Arbeit, derzeit mit einem Schwerpunkt zum globalen Klimawandel (Programm unter www.boell.de). Unter den schwarzen Stahlträgern der Konstruktion und der sichtbaren Technik bekommt das Ganze Werkstattcharakter. So bleibt zu hoffen, dass das spröde Gebäude und seine klimafreundliche Technik auch den Rahmen dafür schaffen, neu über das Wesen – und die Klischees – ökologischen Bauens nachzudenken. •
  • Bauherr: Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin Architekten: e 2 a eckert eckert architekten, Zürich, Piet Eckert, Wim Eckert Mitarbeiter: Marc Drewes, Stefan Berle, Stefan Bernoulli, Daniel Bock, Christian Dürr, Tim Klauser, Judith Mampe, Oliver Weber Tragwerksplanung: RPB Rückert , Berlin Fassadenplanung: IB Franke, Glienicke TGA/Bauphysik: Basler & Hofmann Ingenieure und Planer, Zürich Bauakustik: Akustik-Ingenieurbüro Moll, Berlin Landschaftsarchitekten: Hendrikx Landschaftsarchitekten, Heuchelheim Generalunternehmer: Hermann Kirchner, Bad Hersfeld Bauleitung: Hermann Kirchner Hoch- und Ingenieurbau, Berlin BGF: 6 968 m² BRI: 26 992 m³ Baukosten: 10,5 Mio. Euro (12,5 Mio. Euro einschl. Grundstückserwerb) Wettbewerb: März 2006 Bauzeit: April 2007 bis Mai 2008 Primärenergiebedarf: 55 kWh/m²a Heizwärmebedarf (gemessen im 1. Betriebsjahr): 41,7 kW/m²a (NGF=5 607 m2)
  • Beteiligte Firmen: Verglasung Fassade und Dach: Saint Gobain, Courbevoi, www.saint-gobain-glass.com Türenbeschläge: FSB, Brakel, www.saint-gobain-glass.com Fenster: Schüco International, Bielefeld, www.saint-gobain-glass.com Sonnenschutz/Vorhänge Beletage: Kvadrat, Bad Homburg, www.saint-gobain-glass.com / Création Baumann, Langenthal, www.saint-gobain-glass.com Bodenbelag Innenraum: Bayer Betonwerkstein, Zwickau, www.saint-gobain-glass.com Sanitärarmaturen: KWC, Unterkulm, www.saint-gobain-glass.com Sanitärobjekte: Laufen, www.saint-gobain-glass.com Leuchten Innenraum: Zumtobel Lighting, Dornbirn, www.saint-gobain-glass.com Möblierung: Kusch + Co., Hallenberg, www.saint-gobain-glass.com Aufzüge: ThyssenKrupp Aufzüge, Stuttgart, www.saint-gobain-glass.com
db-Ortstermin: Am 21. Mai laden wir Sie zu einer gemeinsamen Besichtigung der Heinrich-Böll-Stiftung ein. Mit dabei ist der Architekt Piet Eckert von e 2 a aus Zürich und seitens des Bauherrn Bert Bloß als Fach- mann der Gebäudetechnik. Anmeldungen bitte bis 3. Mai unter www.db-ortstermin.de
Weitere Informationen finden Sie auf dem Detailbogen, S. 86