1978–86

… in die Jahre gekommen Wohnprojekt »Stuk« in Berlin

Eine Dachlandschaft mit Dachsteg, Ecktürmen, Gemeinschaftsterrassen und einem Gewächshaus, das alles entstand auf fünf Berliner Gründerzeit-Bauten im Rahmen des Selbsthilfeprojekts »Stuk«. Auch 25 Jahre nach Fertigstellung funktioniert das Wohn- und Gestaltungskonzept noch erstaunlich gut.

  • Architekten: Architektengruppe am Wassertorplatz
  • Kritik: Carsten Sauerbrei Fotos: Thomas Trabert, Wolfgang Göschel, Karl Johaentges
Der erste Eindruck täuscht: Was in Berlin-Kreuzberg auf den Dächern mehrerer Gründerzeit-Bauten zunächst wie eine zeitgenössische Variante eines mittelalterlichen Wehrgangs anmutet, dient nicht der Abwehr unliebsamer Besucher, sondern ermöglicht den Bewohnern den Blick über die Dächer der Stadt. Zwischen 1978 und 1986 entstand im Rahmen des Projekts »Stuk – Studenten und Kreuzberger« nicht nur der mit Glas überdachte Gang als Teil einer bis heute beeindruckenden Dachlandschaft, sondern insgesamt 43 Wohnungen und sieben Gewerbeeinheiten auf 6 100 m² Nutzfläche durch die Sanierung der fünf, eigentlich zum Abriss vorgesehenen Häuser. Die Initiatoren, eine Architektengruppe der TU Berlin, waren Pioniere in mehrfacher Hinsicht – mit ihrem Ansatz, Studenten neben der theoretischen Ausbildung, die Praxis des Planens und Bauens zu vermitteln, mit der weitgehenden Beteiligung der späteren 150 Bewohner an Planung und Ausführung sowie mit dem Konzept einer lokalen Energieversorgung durch ein Blockheizkraftwerk.
Neue Dachräume gemeinsam genutzt
Aus der Ferne betrachtet dominieren die einst ergänzten Dachaufbauten das Erscheinungsbild, zwei prismenartige, gläserne Ecktürme und der Dachsteg. Aus der Nähe fallen weitere spannungsreiche Ergänzungen der ursprünglichen Gestaltung des Bestands auf. Vor ausgewählten Fenstern hängen metallgerahmte Glaskästen – eine Art Blumenfenster oder Miniaturerker – in etwas verblasstem Weiß, Rot, Blau. Ebenfalls metallene, türkisfarbene Rankgerüste adaptieren die Form der historischen Erker. Und ein neues Stahl-Glas-Vordach über dem EG schützt vor Regen und fasst die einzelnen Häuser aus der Fußgängerperspektive zusammen. Den Häuserkomplex als ein neues Ganzes zu zeigen, ist dann auch eine der Aufgaben des Fensterbands unter der angehobenen Dachtraufe. Dabei sei »neues Ganzes« nicht nur gestalterisch gemeint, sondern auch als architektonischer Ausdruck eines gemeinschaftlichen Planens, Bauens und Wohnens, berichtet Wolfgang Göschel, ein Mitglied der damaligen Architektengruppe, auf dem Rundgang durch das Haus. »Der Himmel und die Erde sollten allen gehören«, drückt er es poetisch aus. Im EG gibt es zum Beispiel bis heute ein von den Bewohnern initiierten Kinderladen, und die Gemeinschaftsflächen im DG stehen bis auf drei Privatwohnungen und ein privates Büro immer noch allen Bewohnern zur Verfügung. Die ursprüngliche Idee eines komplett offenen, jederzeit zugänglichen Raums im Dach ließ sich jedoch nicht halten. Ungebetene Partygäste von außerhalb, Lärmprobleme ›
› und fehlende Verantwortlichkeit für die einzelnen Räume verhinderten dies. Heute nutzen die Bewohner die Flächen in Interessengruppen organisiert, so z. B. das Gewächshaus zum Abstellen ihrer frostempfindlichen Pflanzen und als Vorraum einer Sauna, die anderen Räume als Ateliers oder Hobbyräume. Einer der Dachtürme ist immer noch offener Gemeinschaftsraum, v. a. für die studentischen Bewohner des Hauses. Und auch die Gemeinschaftsterrassen – einst als Ersatz für private Balkone geplant – werden weiterhin rege besucht. Es ist bemerkenswert, wie viel gemeinschaftliche Nutzung bis heute möglich ist und wie pragmatisch die Bewohner die Planung an die Lebenswirklichkeit angepasst haben. Höhepunkt für Bewohner und Besucher sei bis heute der Gang auf dem schmalen Dachsteg entlang des Firsts, erzählt Inge Gosau eine der Projektteilnehmerinnen der ersten Stunde. Über den Steg lässt sich das Gebäude tatsächlich immer noch eindrucksvoll als ein zusammengehörendes Ensemble erleben. Im Innern des DG stellt sich ein zusammenhängender Raumeindruck dagegen kaum ein. Zwar sollen die gläsernen Ziegel entlang des Firsts eine visuelle Verbindung herstellen, aber die massiven Brandschutztüren an den Treppenhäusern und die Unterteilung in kleinere abgeschlossene Raumeinheiten verhindern dies.
Selbst planen und bauen
Die umfangreiche Beteiligung der Nutzer an Planung und Ausführung des Bauvorhabens sowie eine sozial- und altersgemischte Bewohnerschaft sei die Grundlage für die anhaltend gut funktionierende Nutzung der Gemeinschaftsflächen, so Thomas Trabert, einstiger studentischer Projektteilnehmer und heutiger Bewohner. Ein Drittel aller Wohnungen sind bis heute vom Studentenwerk verwaltete Wohngemeinschaften, die restlichen zwei Drittel Eigentumswohnungen, die sich durch die damalige Förderung des Berliner Senats und das Erbringen von 15 % der Baukosten in Selbsthilfe auch Studenten und Normalverdiener leisten konnten. Die hohe Akzeptanz des Konzepts gibt ihm recht: Das Gemeinschaftsgefühl der heutigen Bewohner im Alter von wenigen Monaten bis 85 Jahren ist immer noch hoch. Es gibt kaum Fluktuation in den Eigentumswohnungen, die Studenten-Wohngemeinschaften sind vollständig belegt. Nur der zunehmende Altersunterschied zwischen Studenten und älter gewordenen Erstbewohnern führt immer mal wieder zu Diskussionen über Lautstärke und Dauer abendlicher Partys.
Erstes Blockheizkraftwerk im Wohnungsbau
Auch mit ihrem Konzept, mittels eines hauseigenen Blockheizkraftwerks Strom und Wärme zu erzeugen, waren die Planer damals Vorreiter. Drei Schiffsmotoren lieferten v. a. Strom, da externer Strombezug sehr teuer war. Die vor zwei Jahren komplett erneuerte Anlage mit nur einem Generator reicht heute aus, um den größten Anteil der benötigten Wärme bereitzustellen. Im Winter können zwei Gaskessel zugeschaltet werden. Die einstige Abwärmenutzung aus der Abluft von Küchen und Bädern wurde mittlerweile eingestellt. Sie habe nie so richtig funktioniert, erzählt der Hausmeister. Auch aktive Elemente der Energieerzeugung und -einsparung, die heute Standard sind, wie die Nutzung regenerativer Energiequellen fehlen. Die passiven Maßnahmen fallen im Vergleich zu heute eher sparsam aus, auch wenn die einst ›
› einfache Verglasung der ergänzten Architekturelemente einem höherwertigen Wärmedämmglas gewichen ist. Eine hier umgesetzte Idee jedoch ist in Zeiten des Klimawandels immer noch hochaktuell: Fassadenbegrünung als selbstverständliches Mittel zur Regulierung des Gebäude- und Stadtklimas.
25 Jahre nach Bauende werden viele der damals diskutierten Fragen über die Möglichkeiten preiswerten Wohnungsbaus, Nutzerbeteiligung und alternative Energiekonzepte wieder lebhaft diskutiert – nicht nur, aber auch in Berlin. Dass ein anspruchsvolles Gestaltungskonzept unter intensiver Nutzerbeteiligung realisiert werden kann, beweist dieses Projekt. Und es zeigt vorbildlich, wie durch gemeinschaftlich genutzte, attraktive Außen- und Innenräume eine höhere Wohn- und Lebensqualität für Bewohner, die mehr sein wollen als nur eine Eigentümergemeinschaft, möglich wird! Vielleicht findet ja das Stuk mit dem aktuellen Selbsthilfe-Neubauprojekt von Wolfgang Göschel und Thomas Trabert, den »Selbstbau-Spreeterrassen«, einen zeitgenössischen Nachfolger. Zu wünschen wäre es! •
Standort: Erkelenzdamm 43, 10999 Berlin

… in die Jahre gekommen (S. 50)
Carsten Sauerbrei 1974 geboren. 1995-2000 Studium der Stadtplanung/Architektur in Berlin, Dresden, Cottbus. 2000-06 Architekturstudium in Potsdam. 2011 Master Architekturvermittlung in Cottbus. Seit 2002 Architekturführungen in Berlin und Potsdam, seit 2009 freier Journalist.