Wilkins Terrace in London (GB)

Studien-Platz für Bloomsbury

Nicht nur Hörsaal, Labor und Mensa entscheiden über die Attraktivität eines Campus, sondern auch qualitätvolle Außenräume. Doch woher nehmen, wenn Platzmangel und astronomische Bodenpreise verlangen, jeden freien Quadratmeter zu überbauen? Das University College London versucht es mit der Doppelbelegung eines ehemals unansehnlichen Hinterhofs.

Architekten: Levitt Bernstein
Tragwerksplaner: curtins

Text: Jürgen Tietz
Fotos: Ben Blossom u. a.

1826 gegründet, umweht das University College London (UCL) zwar nicht ganz derselbe überaus altehrwürdige Glanz, der die beiden traditionsreichsten britischen Universitäten in Oxford und Cambridge auszeichnet. Gleichwohl zählt auch die UCL heute zu den »Super-Elite«-Universitäten der Insel mit internationalem Renommee und dem großen Vorteil ihrer Londoner Innenstadtlage in Bloomsbury. So vielfältig wie das Fächerangebot sind auch die Qualitäten ihrer Alumni, die von Mahatma Gandhi bis zu Coldplay-Leadsänger Chris Martin reichen. Das in Baustilen und Epochen bunt durchmischte Gebäudekonglomerat der Hochschule erstreckt sich grob zwischen der Euston Station und dem British Museum, entlang von Gower- und Gordon Street. Ziel eines 2011 auf den Weg gebrachten Masterplans von Lifschutz Davidson Sandilands war es, das Areal aufzupeppen, das über die letzten 200 Jahre mehr gewuchert als gewachsen war. Es galt, räumliche Defizite bei der Lehre durch Neubauten zu beheben, die Erschließung des Areals zu verbessern und zudem campusartige Kommunikations- und Aufenthaltsqualitäten zu schaffen, wie man sie gemeinhin mit angelsächsischen Universitäten verbindet. Zu den Bausteinen, die in den vergangenen Jahren fertiggestellt wurden, gehört das großzügige Studiencenter an der Gower Street von Nicholas Hare Architects (2018 eröffnet) mit seinem schönen zentralen Lichthof sowie der bereits 2016 eröffnete Neubau für die Bartlett School of Architecture, den Hawkins Brown entworfen haben. Teil des Masterplans war es zudem, die Rückseite des denkmalgeschützten Hauptgebäudes der UCL aufzuwerten, des repräsentativen Wilkins Building. Seinen Namen verdankt es seinem Architekten, William Wilkins (1778–1839), der unter anderem den Kernbau der National Gallery entworfen hat.

Rückseite aufgewertet

Während die prachtvolle Vorderseite des Hauses durch ihre tempelartige Säulenfront aus hellem Portlandstein ausgezeichnet wird, präsentiert sich die Rückseite mit ihrer zarten gelben Ziegelfassade zwar deutlich bescheidener, aber nicht minder qualitätvoll. Doch davon war vor dem Umbau des rückwärtigen Hofes durch die Londoner Architekten Levitt Bernstein wenig zu sehen. Der Hof war mit Containern und technischem Gerät vollgestellt, ein Unort ohne Qualität. Die Architekten standen vor der Herausforderung, die Servicefunktion des vorhandenen Hofs zu erhalten, der als Anlieferung u. a. für das Physikinstitut dient. Zugleich sollte aber auch ein neuer Aufenthaltsort entstehen. Dabei galt es, zwischen den unterschiedlichen Höhenniveaus der Bauten zu vermitteln und die Ost-West-Erschließung des ziemlich verschachtelten und dadurch unübersichtlichen Uni-Areals zu verbessern. Bei allen Eingriffen war darüber hinaus sicherzustellen, dass die unteren Geschosse des rückwärtigen Centre for Nanotechnology mit seinem vorgeblendeten Metallgewebe, hinreichend belichtet blieben.

Levitt Bernstein entschieden sich dafür, die weiterhin notwendigen technischen Installationen des Hofes kurzerhand unter einem großen stählernen »Tisch« zu verbergen. Auf dessen Oberseite entstand somit Raum für einen völlig neuen Campusplatz. Dem rückwärtigen naturwissenschaftlichen Institut wurde – in einigem Abstand – eine neue Schaufront vorgesetzt. Mit großer Begeisterung erklärt mir Matthew Goulcher, Managing Director bei Levitt Bernstein, auf unserer Besichtigungstour, dass er diese neue Front als fehlende vierte Platzfassade definiert. Sie nimmt die Materialität des historischen Wilkins Buildings auf und übersetzt sie zugleich in eine moderne, abstrakte Sprache: Die neue Rückfront des Hofes lebt aus dem Dualismus ihrer dreigeschossigen geometrischen Struktur aus hellem Portlandstein und der dahinter liegenden gelben Ziegelwand, wodurch eine reliefartige Tiefe entsteht. Kunstvoll spielen die Architekten bei der Anordnung der nach oben immer kleiner werdenden Blindöffnungen zudem mit Fibonacci-Folge und Goldenem Schnitt. Eine große Öffnung in der neuen Schaufassade führt zum rückwärtigen Institutsgebäude und gibt durch ein Stahlgewebe den Blick auf den »Alltag« des Servicehofes frei.

Bühne für das Studentenleben

Die eigentliche Wilkins Terrace ist ein großer freier Platz geworden. Mit ihren sanften Stufen und einer flachen Rampe barrierefrei erschließbar, kann er mit den unterschiedlichsten Veranstaltungsformaten bespielt werden oder einfach nur für sich wirken. Und das vermag er auf eine überzeugende, geradezu südlich malerische Weise. Die Pflasterung besteht erneut aus hellem

Portlandstein, der durch die unterschiedliche Porigkeit der Kalksteinplatten seine besondere Textur mit haptischer Qualität erhält. Für die Alltagsnutzung sind kubische Holzmöbel auf dem Platz verteilt, die verschoben werden können und deren Entwurf ebenfalls von Levitt Bernstein stammt. Zum Aufenthalt laden zudem steinerne Sitznischen und Bänke im Wechsel mit Pflanzbeeten ein, die eine Seite des neuen Platzes begrenzen, überfangen von einer dunklen Stahlpergola. So mancher Student oder Uniangestellte isst hier in der Mittagspause sein Sandwich. Gegenüber auf der anderen Platzseite befindet sich eine Treppenanlage samt Lift. In großer Geste führt sie zu einer Mensa hinab. Vor deren historischer Kolonnade ist durch die Umbauten ein weiterer, charmanter kleinerer Platz mit Sitzgelegenheiten entstanden, der über eine eigene, intime Atmosphäre verfügt. Blickt man von hier zur rückwärtigen Schauwand auf, dann staffeln sich die neuen Architekturelemente mit geradezu piranesihafter Kraft empor.

Der Eingriff von Levitt Bernstein kommt einem kleinen Wunder gleich. Anstelle des banalen Servicehofes ist ein zauberhafter neuer Ort mit hoher Aufenthaltsqualität entstanden. Dadurch wird auch die Rückseite des Wilkins Buildings aufgewertet und das mit Grade I geschützte Denkmal erhält einen seiner Bedeutung angemessenen architektonischen Wirkraum. Dieser klugen Art der Umgestaltung folgt auch die unaufgeregte Lichtregie. Ohne großes Leuchtengedöns auf der Platzfläche sind LEDs unter Stufen und Fugen verborgen und verleihen der tektonischen Struktur der neuen Wilkins Terrace auch abends eine besondere Leuchtkraft.


Standort: Gower Street, Kingscross, WC1E 6HJ London (GB)
Bauherr: University College London (UCL)
Architekten: Levitt Bernstein, London
Tragwerksplanung: curtins, London
Projektmanagement: wsp, London
Kostenmanagement: Potter Raper Partnership, London
Fläche: 1300 m²
Baukosten: 9,3 Mio. £

Beteiligte Firmen:
Generalunternehmer: Balfour Beatty, London, www.balfourbeatty.com
Steinarbeiten: Szerelmey, London, www.szerelmey.com
Terrassenbelag: Portland Grove Whitbed Stone, Portland Wild Fancy Beach Whitbed Stone und Portland Jordon’s Whitbed Stone, alle von Albion Stone, Nutfield (GB), www.albionstone.com
Ziegelsteine: Yellow London Stock Brick, Smeed Dean Orchard Blend von Wienerberger UK, Cheadle (GB), www.wienerberger.co.uk
Bronzefarbenes Streckmetallgitter: Aliva, Reading (GB), www.alivauk.com


Levitt Bernstein

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Matthew Goulcher

Architekturdiplom an der Universität Sheffield. Schwerpunkte Hochschulen, Wohnbauten und Bauen im Bestand. Seit 1997 in der Geschäftsleitung von Levitt Bernstein.

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Kate Digney

Studium der Landschaftsarchitektur und Ökologie an der Universität Sheffield. Zehn Jahre Berufstätigkeit, seit 2013 Mitarbeit bei Levitt Bernstein als Assoziierte, Leitung der Abteilung Landschaftsarchitektur.


Über den Autor Jürgen Tietz

Studium der Kunstgeschichte, Promotion. Arbeitet in Berlin als freiberuflicher Autor und Kurator zu den Themen Architektur und Denkmalpflege. Regelmäßige Veröffentlichungen, u. a. in der Neuen Zürcher Zeitung und zahlreichen Fachzeitschriften.