Landhaus in Devon (GB)

Meerblick gestärkt

Die Aussicht war beeindruckend, aber auch die baulichen Widrigkeiten. Vom Abrisskandidaten mauserte sich ein Landhaus an der englischen Südküste zu einem Gebäude, das bereits mehrere Preise abgeräumt hat. Die Planung stammt von 6a architects.

Architekten: 6a architects
Tragwerksplaner: PRICE & MYERS

Text: Petra Ralle, Christian Schönwetter, Cordula Zeidler
Fotos: Johan Dehlin

Wenn das mal kein freistehendes Einfamilienhaus ist: Das Wohngebäude an der Südküste Englands, das die Bauherren erworben hatten, steht als Teil eines kleinen Landguts auf einem weitläufigen Grundstück, umgeben von Gärten, Wiesen und Feldern. Der nächste Nachbar wohnt mehr als 300 m entfernt. Im Süden und Osten kann der Blick über ein Naturschutzgebiet mit sanft gewellter Landschaft bis zur steil abfallenden Küste schweifen, wo ein beliebter Wanderweg 630 Meilen weit am Meer entlangführt, direkt an der Grundstücksgrenze vorbei. Ein Stück Bilderbuch-England wie aus der Tourismus-Werbung.

Die Bauherren hatten ihr Anwesen bereits sechs Jahre lang umstrukturiert, Nebengebäude verlegt und sich vom Landschaftsarchitekten Dan Pearson die Grünflächen neu gestalten lassen. Nun wollten sie sich das Wohnhaus vorknöpfen. Das Paar mit drei erwachsenen Kindern wünschte sich ein Gebäude mit großzügigen Räumen und starkem Bezug zur umgebenden Landschaft. Die Bauherren wollten sich heimisch fühlen, wenn sie nur zu zweit im Haus sind, aber auch, wenn Kinder und Gäste zu Besuch kommen. Das vorhandene Gebäude schien dafür reichlich ungeeignet: Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet, bot es eine Vielzahl beengter Zimmer mit kleinen Fenstern, sodass man wenig von der herrlichen Aussicht mitbekam. Weil das Haus bauzeittypisch auf einem hohen Sockel thronte, waren die Bewohner von ihrem Garten abgeschnitten. Und da es an der Nordseite irgendwann einmal einen Anbau ohne Sockel bekommen hatte, lagen die Räume auf unterschiedlichen Höhenniveaus, was den Eindruck labyrinthischer Kleinteiligkeit noch verstärkte.

Als die Architekten von 6a ihre Arbeit an dem Projekt begannen, war daher vorgesehen, das vorhandene Gebäude abzureißen und auf den Fundamenten ein neues zu errichten. Im Laufe des Entwurfsprozesses wurde den Bauherren aber allmählich klar, dass sie den Bestand doch lieber erhalten wollten. 6a schwenkten um und planten einen radikalen Umbau.

Tiefergelegt

Im Haupthaus senkten sie den Boden des EGs auf die Gartenebene ab, sodass man nun direkt ins Freie treten kann. Dadurch gewannen die Zimmer an Höhe und im Eingangsgeschoss entstand ein durchlaufendes Niveau zwischen Haupthaus und Anbau, das einen großzügigeren Grundriss ermöglichte. Schönes Detail: Die frühere Position des Bodens zeichnet sich an den Wänden mit einem umlaufenden Versprung ab, der bisher als Deckenauflager diente und sich nun wie ein Regalbrett nutzen lässt. Alle Tür- und Fensteröffnungen im EG verlängerten die Architekten nach unten, um mehr Licht in die ehemals dunklen Räume zu lassen. Unter den alten Stürzen finden sich jetzt Öffnungen, die bis zu 3,7 m hoch sind und die Landschaft förmlich ins Haus holen.

Durch Abriss einer tragenden Wand mit Kamin entstand ein üppig bemessener Wohnraum gen Süden mit Blick aufs Meer. Die Lasten fängt ein schwerer Balken ab, gestützt von einer 4 m hohen Säule aus Eichenholz. Mehrere Wanddurchbrüche rücken der Kleinteiligkeit des Grundrisses zu Leibe, lassen die Räume stärker ineinanderfließen und legen Blickachsen quer durchs Gebäude. Gesichert werden die neuen Öffnungen von Einfassungen aus brettgeschaltem Sichtbeton, dessen Struktur mit einigen Wandverkleidungen aus weiß gestrichenen Holzbrettern korrespondiert.

Der Anbau wurde um eine Etage aufgestockt und der Dachhöhe des Haupthauses angeglichen. Da in den oberen Geschossen die Zimmer nach wie vor auf unterschiedlichen Niveaus liegen, haben die Architekten in der Mitte des Hauses eine Eingangshalle geschaffen, die alles zusammenbindet. Treppenläufe wechseln von Stockwerk zu Stockwerk ihre Lage und Richtung, winden sich um einen Kaminschacht, führen zu Zwischenpodesten, Brücken und Galerien – ein abwechslungsreiches Raumerlebnis. Die Geländerstäbe aus gedrechseltem Eichenholz könnten beinahe aus der Entstehungszeit des Hauses stammen, doch sie wurden leicht gegeneinander verkippt eingebaut und zeigen damit an, dass es sich um ein modernes Element handelt. Durch diesen Kniff fügen sich die Treppen harmonisch in den Altbau ein, ohne historisierend zu wirken; gleichzeitig erhöht die Schrägstellung die Stabilität des Geländers und ermöglicht somit elegantere, schlankere Bauteilquerschnitte. Das Holz von Wangen und Stäben blieb unbehandelt, lediglich der Handlauf wurde geölt.

Überhaupt werden die Innenräume von einem Kanon natürlicher Materialien geprägt, die auch schon vor 100 Jahren gebräuchlich waren und somit die Integrität des Hauses nicht stören. In den Zimmern bedecken breite Dielen den Boden. Die Wände über den Lufträumen ruhen auf schweren, sichtbar belassenen Eichenbalken, teils neu, teils wiederverwendet, und im gesamten Haus wurden die fast einen halben Meter dicken Bruchsteinmauern freigelegt, repariert und mit einer weißen Kalkschlämme versehen, im OG teilweise verputzt. Die Tiefe des Mauerwerks nutzten die Architekten für eingelassene Fenstersitze. Vor der Küche im EG drehten sie das Prinzip um und schufen Sitze in der Wand, die von außen zugänglich sind. Die vorhandenen Fenster aus Kunststoff wurden gegen solche aus Holz ausgetauscht.

Erhaltende Erneuerung

Die Fassaden erhielten eine 200 mm dicke Holzfaserdämmung und wurden anschließend wieder mit den Schieferschindeln bekleidet, die dem Haus schon zuvor als Schutzschild gegen die salzhaltigen Meereswinde gedient hatten. Für das gewachsene Volumen des Gebäudes benötigte man einige zusätzliche Schindeln, die man gleichmäßig unter die alten mischte. Einzige größere Neuerung ist eine Veranda, die sich um die südwestliche Gebäudeecke legt. Sie schützt nicht nur die Terrasse im Süden vor Regenschauern, sondern fungiert auch als Vordach für den Hauseingang auf der Westseite.

Alles in allem ist es aber Kontinuität, die das Äußere prägt. Hier haben 6a mit dem Bestand gearbeitet. Keine Öffnung wurde zusätzlich geschaffen, die Verwendung des patinierten Fassadenmaterials verleiht dem Gebäude ein vertrautes Erscheinungsbild, die Dachhöhe blieb erhalten und neue Oberlichter verstecken sich in dem Teil der Dachlandschaft, der zur mittigen Treppenhalle geneigt und deshalb von außen nicht sichtbar ist. So radikal der Wandel im Innern des Gebäudes ist, so behutsam zeigt er sich nach außen. Aus der Ferne wirkt das Haus, als sei es seit Jahrzehnten nicht verändert worden, und fügt sich rücksichtsvoll in das geschützte Landschaftsbild ein – für die Wanderer auf dem Küstenpfad bietet sich der Anblick eines ungestörten Idylls.


Standort: Devon (GB)
Bauherr: privat
Architekten: 6a architects, London
Tragwerksplanung: PRICE & MYERS, London
Energieplanung: Ritchie+Daffin, London
Landschaftsarchitektur: Dan Pearson Studio, London
Projektmanagement: gleeds, London

Beteiligte Firmen:
Bauunternehmer: JE Stacey, Holsworthy (GB), www.jestacey.com
Holzbalken: 15 Jahre luftgetrocknete Eiche aus nachhaltiger Forstwirtschaft in Frankreich, The Traditional Oak and Timber Company, East Sussex (GB), www.tradoak.com
Holzstützen: 15 Jahre luftgetrocknete Eiche aus nachhaltiger Forstwirtschaft in Frankreich, mit der Kreissäge facettiert und dem elektrischen Handhobel geformt, CARPENTER OAK,
East Conworthy (GB), www.carpenteroak.com
Schreinerarbeiten innen: Geländer und Handlauf aus getrockneter Eiche, Türen und Wandbekleidung aus Tulpenholz,
Touch Design Group, Exeter (GB), www.touchdesigngroup.com
Fenster und Außentüren: Accoya, Marshall Specialist Joinery, Oakhampton (GB), www.marshallspecialistjoinery.co.uk
Böden: Eichendielen, HAVWOODS, Carnforth (GB), www.havwoods.co.uk


6a architects

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Tom Emerson

Architekturstudium an der University of Bath, dem Royal College of Art in London und der Universität Cambridge. Seit 2001 gemeinsames Büro mit Stephanie Macdonald. Lehrtätigkeit an der AA, London, und in Cambridge. Seit 2010 Professur an der ETH Zürich.

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Stephanie Macdonald

Kunststudium am Portsmouth College of Art, Architekturstudium an der Mackintosh School of Architecture in Glasgow, dem Royal College of Art und der London Metropolitan University. Seit 2001 Büro mit Tom Emerson.


Über die Autorin Cordula Zeidler

Tätigkeit in London als Denkmalberaterin u. a. für eine lokale Baubehörde und die Twentieth Century Society. 2013-16 Mitarbeit bei Publica, seitdem Denkmalberatung bei Donald Insall Associates und freiberufliche Autorin für Architekturzeitschriften.