Zur Baugeschichte des Nürnberger Zeppelinfelds

Drohkulisse

Eine neue Debatte beschäftigt die Feuilletons: Wie soll man mit Hitlers steinernen Hinterlassenschaften auf dem Nürnberger Zeppelinfeld umgehen? Für eine fundierte Antwort ist ein genauer Blick auf die Baugeschichte der Anlage nötig. Denn die Bauten entstanden auf andere Weise, als es zunächst den Anschein hat.

Text: Christian Kayser und Peter Kifinger

»Ein kompliziertes Feld«, »Hitlers maroder Aufmarschplatz«, »Diese Nazi-Architektur brauchen wir wirklich nicht«, »Einstürzende NS-Bauten«, »Kontaminierte Erbschaften«, »70 Millionen für Hitlers Ruine« – ein kurzer Blick in den Pressespiegel der vergangenen Wochen belegt: Der architekturhistorische Diskurs hat einen neuen Fokus: Was soll mit den maroden Halbruinen auf dem Nürnberger Zeppelinfeld geschehen, das Albert Speer für die Reichsparteitage konzipiert hatte? Und wie viel darf Denkmalschutz in diesem Fall kosten?
So intensiv die Debatte um mögliche Instandsetzungsstrategien auch geführt wird, ist doch auffällig, dass der Diskurs nach wie vor von dem Bild der einheitlichen Monumentalarchitektur dominiert wird, das von den Nationalsozialisten geschaffen und geschickt verbreitet wurde. Eine aktuelle Studie, die vom Hochbauamt der Stadt Nürnberg beauftragt und begleitet wurde, ermöglicht jetzt allerdings, die tatsächlich kleinteilige und heterogene Baugeschichte der Anlage nachzuvollziehen. Die Auseinandersetzung mit den bauhistorischen Fakten, die detaillierte Kenntnis des Objekts und seiner Geschichte bilden nun eine wichtige Grundlage für jede Entscheidung zum weiteren Umgang mit dem Bestand.
Ende der Idylle: Von der Turnwiese zur nationalsozialistischen Parteitagskulisse
Das Zeppelinfeld entstand nicht in einem bezugslosen Raum. Seine Anfänge sind unerwartet zivil: Die so martialische Bezeichnung des Geländes geht schlicht auf die Landung eines Luftschiffes im Jahr 1909 zurück. In diese Zeit datieren auch erste Überlegungen für eine Nutzbarmachung als Erholungsgebiet, deren Umsetzung aber am Ersten Weltkrieg scheiterte. Ab 1926 wurde schließlich, auch als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, ein städtisches Sport- und Erholungsgelände nach Konzepten des Stadtgartendirektors Alfred Hensel entwickelt. Auf dem Feld entstand die »Turnwiese«, ein dreiseitig von Tribünenwällen umschlossenes Sportfeld (Abb. 1).
Etwa zeitgleich zur Umsetzung der Henselschen Planungen wurde das Nachbargelände am Dutzendteich, der Luitpoldhain, 1927 und 1929 Schauplatz der NSDAP-Parteitage. Auch der erste Reichsparteitag im »Dritten Reich« 1933 sollte wieder am vertrauten Ort stattfinden. Hierbei wurde zum ersten Mal die Turnwiese auf dem Zeppelinfeld – aufgrund ihrer Größe und Disposition für Massenaufmärsche geeignet – in das Programm aufgenommen und provisorisch mit Holztribünen hergerichtet.
Der Parteitag des Folgejahres 1934 prägt in seiner propagandistischen Überhöhung durch den Riefenstahl-Film »Triumph des Willens« bis heute das kollektive Bild dieser Veranstaltungen. Die gezeigten Auftritte Adolf Hitlers auf einer mit einem 9 × 16 m großen Adler dekorierten Holztribüne (Abb. 2), die auf der westlichen Nebentribüne des Henselschen Sportfeldes aufgebaut war, werden heute häufig irrtümlich mit der Zeppelintribüne in Verbindung gebracht, die jedoch erst in den Folgejahren entstand. Mit Blick auf die Ärmlichkeit der Holzkonstruktion, die mit dem eigenen Anspruch kontrastierte, beauftragte Hitler noch im selben Jahr Albert Speer mit einer umfassenden Ausbauplanung für eine »Tempelstadt der Bewegung« auf dem Gelände. Die Bereitstellung der Mittel und die Bauorganisation des Projektes übernahm der Anfang 1935 dafür eigens gegründete »Zweckverband Reichsparteitag Nürnberg«, der offiziell von der NSDAP, dem Deutschen Reich, dem Land Bayern sowie der Stadt Nürnberg getragen wurde; die eigentliche Bauausführung oblag hauptsächlich der Stadt bzw. dem Hochbauamt.
Holz und Stein: Das »I. Bauprogramm« 1934/35
Ziel- und Zwangspunkt aller Planungs- und Baumaßnahmen in der Folgezeit war der jährliche Reichsparteitag, der stets in der ersten Septemberwoche stattfand. Zu diesem Zeitpunkt musste jeweils ein in propagandistischem Sinne »vorzeigbarer«, vollendet wirkender Zustand hergestellt sein. Besonders für das »I. Bauprogramm« 1934/35 war damit ein außerordentlich enger Zeitrahmen gegeben!
Tatsächlich gelang es Speer und dem Nürnberger Hochbauamt, eine rechtzeitig zum Reichsparteitag 1935 nutzbare Anlage zu planen und umzusetzen. Bei der Umgestaltung des Geländes griff Speer auf bestehende Strukturen des Henselschen Sportfeldes zurück; die Zuschauertribünen auf der Ost- und der Westseite wurden lediglich leicht überformt. Die Modellierung der Sitze auf den Wallanlagen erfolgte mit einfach eingeschlagenen, stehenden Betontafeln, hinter denen die Erdaufschüttung zu horizontalen Sitzflächen verdichtet wurde. Die ehemalige Haupttribüne im Süden des Feldes wurde abgetragen; als Ersatz wurde ein weiter nach Süden verschobener neuer Tribünenwall geschaffen. Der größte Aufwand wurde für die Aufbereitung des eigentlichen Feldes betrieben: Um das Zeppelinfeld, das ja im sumpfigen Gelände nahe dem Dutzendteich angelegt worden war, auch mit schweren Militärfahrzeugen bei Paraden befahren zu können, wurde der »nicht tragfähige Moorboden« wohl teils metertief abgegraben und erneuert.
Vollständig neu errichtet wurde die »Zeppelintribüne« (Abb. 3, 4a), die neue Haupttribüne im Norden des Feldes. In dieser ersten Bauphase handelt es sich noch nicht um die bekannte, tempelartige Struktur, vielmehr wurden zunächst lediglich die bisherigen provisorischen Holztribünen in Stein umgesetzt. Die Tribüne setzte sich aus zwei Flügeln mit Stufenanlagen und dem Mittelbau mit der Rednerkanzel zusammen. An den beiden gleichartigen Flügeln bestand rückwärtig eine ca. 7,7 m hohe Stützmauer aus Stampfbeton; südseitig war als Unterbau der Sitzstufenanlage Erdmaterial angeschüttet. Hinter der Stützmauer waren Holzkonstruktionen mit Treppenanlagen und sanitären Einrichtungen angesetzt.
Um den geplanten monumentalen Eindruck hervorzurufen, griff man auf die in den Jahren zuvor erprobten Holzstaffagen zurück und schuf hinter und oberhalb des Mittelbaus einen Aufbau mit einer weiteren Stufenanlage, abermals bekrönt mit einem riesenhaften hölzernen Reichsadler. (vgl. Abb. 3)
So wirksam die propagandistische Inszenierung des Zeppelinfeldes im »I. Bauprogramm« auch war: Das bei dem Reichsparteitag 1935 präsentierte Bauwerk war kein Ziel in sich, sondern von Anfang an auf den folgenden Ausbau angelegt. ›
Das »II. Bauprogramm« 1935/36 und der folgende Ausbau 1936-1938
Die einfachen Erdwälle der drei Nebentribünen wurden im folgenden »II. Bauprogramm«, das den Reichsparteitag 1936 vorbereitete, monumental überformt: Zunächst vergrößerte man die alten Wälle – an den Seiten im Kern noch die Tribünen des Henselschen Sportfeldes! – durch zusätzliche Aufschüttungen. Auf den Rückseiten wurden 34 blockartige, steinverkleidete »Türme« angefügt (Abb. 5), die Nebenräume wie Toiletten und Trafostationen aufnahmen, vor allem aber als Unterbau für die Fahnenbeflaggung und für die Scheinwerfer zu deren Illumination dienten.
Die wesentlichen Arbeiten konzentrierten sich auf den Ausbau der Haupttribüne im Norden – Bezugspunkt des Speerschen Entwurfes war nun nicht mehr die einfache Holztribüne der ersten Parteitage, sondern der antike Pergamonaltar (Abb. 6). Neben der Ergänzung von zwei wuchtigen Endbauten an den Schmalseiten erfolgte der Ausbau der Stufenanlage mit Steinstufen, die Monumentalisierung der Flügelbauten mit aufgesetzten Pfeilerkolonnaden und der Innenausbau des Mittelbaus mit einer repräsentativen Raumfolge.
Der nur ein Jahr zuvor entstandene »Altbau« blieb vollständig erhalten und bildete weiterhin den Unterbau der Tribüne (Abb. 4b). Die neuen Bauteile wurden an Stelle der provisorischen Holzaufbauten an der Rückseite der Tribüne angefügt. Die Nutzungskontinuität der Holzkonstruktionen blieb auch in der tempelartigen Überbauung bewahrt: in den Flügeln entstanden Treppenräume und weitläufige Raumfluchten mit Toilettenanlagen (Abb. 7). Lediglich im Mittelbau waren Repräsentationsräume angelegt: Von der mit einem Hakenkreuzmosaik geschmückten, heute als »Goldener Saal« apostrophierten Halle im Erdgeschoss (Abb. 8) führt eine galerieartige Treppenflucht (Abb. 9) in den erhöhten mittigen Aufbau, aus dem sich ein Portal zur Rednerkanzel öffnet. Innere und äußere Gestalt des Mittelbaus korrespondieren dabei in keiner Weise: Speer nahm für den Einbau der Repräsentationsräume in der Tribüne in Kauf, dass weite Bereiche als nicht nutzbare und faktisch unzugängliche Raumvolumina abgeteilt werden mussten (Abb. 10).
Es versteht sich, dass das Bauvorhaben nicht in der knappen Frist eines Jahres umgesetzt werden konnte. Bis zum Reichsparteitag im September 1936 gelang es mit knapper Not, den Rohbau der Haupttribüne fertigzustellen. Die Gebälkzone blieb dabei zunächst bemalte Holzattrappe. An den Innenausbau war nicht zu denken; lediglich die Toiletten der ersten Bauphase waren nutzbar. Nach der forcierten Fertigstellung des Rohbaus im »II. Bauprogramm« zogen sich die weiteren Ausbauarbeiten. Die jahrweise, hektische Bauplanung bedingte aufgrund nachträglicher Entwurfsänderungen teils sogar den Rückbau bereits errichteter Partien.
Bis zum Reichsparteitag 1937 war immerhin der Steinbelag der Stufenanlage vollendet, nicht aber der Innenausbau: Die Decken und Wandverkleidungen der Haupttreppen fehlten, und ob die zentrale Halle vollendet war, ist fraglich. Hitlers kolportierter Unwille, durch die eigens dafür entworfenen Innenraumfluchten zur Rednerkanzel zu schreiten, dürfte wohl weniger mit dem architektonischen Geschmack des Diktators als vielmehr mit der offenkundigen Fragmenthaftigkeit des Innenausbaus zu tun haben.
Wenigstens in den Haupträumen und am Außenbau war die Zeppelintribüne zum letzten Reichsparteitag 1938 fertiggestellt. Die Mühe, die zahlreichen, von Anfang an zwecklosen Nebenräume auszustatten, machte man sich nicht mehr. 1938 diente die Zeppelintribüne zum letzten Mal als Kulisse eines Reichsparteitages.
Ohne im Innenausbau jemals ganz vollendet zu sein, begann unmittelbar im Anschluss die Verfallsgeschichte: Schon Ende 1941 mussten zahlreiche Werksteine ausgewechselt werden, da sie seinerzeit wegen Zeitmangels bruchfeucht eingebaut worden waren.
Der im Krieg unbeschädigte Bau wurde in der Nachkriegszeit in zwei Schritten, 1967 und 1976, durch Sprengungen der Pfeilerkolonnaden sowie durch den Teilabbruch der Endbauten erheblich reduziert. Besonders der zweite Abbruch irritiert aus heutiger Sicht: Seit 1973 steht das Zeppelinfeld unter Denkmalschutz.
Résumé
Das Zeppelinfeld mit der beherrschenden Tribüne wurde als monumentale Kulisse für die Reichsparteitage der NSDAP errichtet. Die bauzeitliche, mit Fotografien geschickt unterstützte Inszenierung eines homogenen Monumentalbauwerks wirkt bis heute fort und lässt leicht vergessen, dass das Bauwerk schrittweise, sogar unter Nutzung älterer Bausubstanz, entstand und im Innenausbau nie gänzlich fertiggestellt wurde. Die Auftürmung der Baumassen als effektvolle Kulisse der achttägigen Propagandaveranstaltungen konnte nur auf der Basis weitgehend funktionsloser Raumvolumina im Inneren erfolgen: Die Endbauten der Haupttribüne blieben immer frei von Nutzungen, die Flügelbauten und die Türme der Wallanlagen nahmen lediglich ungezählte Toiletten auf. Der ungeheure Termindruck, jeweils zum Reichsparteitag im September eine vollendete, wirkungsvolle Architektur abzubilden, führte schließlich zu einer überhasteten Planung und Bauausführung. Die Bauschäden, die die aktuelle Debatte um Erhalt und Sicherungsmaßnahmen ausgelöst haben, sind bereits in Planung und Umsetzung des Bauwerks angelegt. •

Nürnberg, Zeppelinfeld (S. 140)

Christian Kayser, s. db 7-8/15, S. 131

Peter Kifinger
1985 in Wasserburg geboren. 2005-12 Studium an der TU München. 2007-12 Mitarbeit am Architekturmuseum der TUM, seit 2011 im Ingenieurbüro Barthel & Maus. Seit 2013 Assistenz an der TU München.