Biografischer Roman erschienen

150 Jahre Charles Rennie Mackintosh

Dieser Tage wäre C. R. Mackintosh 150 Jahre alt geworden. Ein Roman erzählt seine Lebensgeschichte und schildert, wie der Architekt und Designer als ein Wegbereiter des Jugendstils Lösungen für Entwurfsfragen fand, die uns auch heute noch umtreiben.

Er war so etwas wie das Enfant terrible der schottischen Architektur. Im Glasgow der vorletzten Jahrhundertwende umstritten und verkannt, wurde Charles Rennie Mackintosh v.a. in Deutschland und Österreich als Wegbereiter eines neuen Stils gefeiert. Hermann Muthesius etwa machte Mackintoshs Arbeiten auf dem Kontinent bekannt und deutschsprachige Zeitschriften berichteten enthusiastisch über die Interieurs des schottischen Allroundkünstlers.

Zuhause dagegen kämpfte er gegen den alles dominierenden Historismus. Er mochte nicht einsehen, weshalb schottische Bauten Formen der italienischen Renaissance oder des französischen Barock kopieren sollten. Mackintosh rang um einen eigenen, typisch schottischen Stil. Er ließ sich von alten Burgen und ländlichen Bauten seiner Heimat inspirieren und erschuf daraus eine neue Architektursprache, z. B. 1904 beim Hill House, einer Villa, deren runde Türme Assoziationen an ein historisches Kastell wecken. In seiner Suche nach einem ortsspezifischen Ausdruck darf er als Vorläufer des kritischen Regionalismus gelten, der rund 50 Jahre später den International Style mit lokalen Bautraditionen versöhnen wollte. Wer sich heute beim Entwerfen um den genius loci bemüht, kann noch immer viel von Mackintosh lernen. Insofern ist es tragisch, dass der Architekt ausgerechnet in seiner Heimat auf wenig Verständnis stieß und dort nicht allzuviel bauen durfte.

Von seinem Hadern mit dem Zeitgeist erzählt Karen Grol in ihrem Roman »Mackintoshs Atem«, der vor wenigen Tagen, pünktlich zum 150. Geburtstag des Baumeisters, Designers und Malers, erschienen ist. Sie hat sich durch Briefe, alte Tageszeitungen und Zeitschriften gewühlt und alles zu einer spannenden Geschichte collagiert, die weitgehend auf historischen Tatsachen beruht, aber sich natürlich auch die Freiheiten eines fiktionalen Werks nimmt. Die Autorin zeichnet den Lebensweg Mackintoshs von der Kindheit bis zum Tod nach. Trotz seines Ringens um eine lokale Baukultur war der Allroundkünstler keineswegs heimattümelnd, sondern international bestens vernetzt. Als Wegbereiter des Jugendstils beeinflussten seine Arbeiten Designer, Architekten und Künstler in weiten Teilen Europas. Seine Kontakte nach Deutschland und zur Wiener Secession wurden ihm im Ersten Weltkrieg zum Verhängnis, als er in Großbritannien der Spionage verdächtigt wurde. Danach konnte er als Architekt nie wieder richtig Fuß fassen und verlegte sich auf Design und Malerei. Seine Möbel werden bis heute produziert (inzwischen von der italienischen Firma Cassina). Doch Mackintosh hatte nicht viel davon: In den Zwischenkriegsjahren stand er kurz vor dem Ruin, wanderte zeitweise in die französische Provinz aus und starb 1928 verarmt in London.

In seiner Heimat wurde er erst posthum richtig geschätzt – inzwischen stehen seine wenigen Bauten unter Denkmalschutz und 1990 wurde sogar sein Entwurf »Haus eines Kunstfreundes«, der nie realisiert worden war, in der Nähe von Glasgow verwirklicht – ein Sonderfall von Re-Konstruktion, quasi ohne »Re«. Das Hill House wird derzeit saniert. Eines seiner größten Gebäude, die Glasgow School of Art von 1909, hätte nach einem schweren Brandschaden nächstes Jahr wiedereröffnet werden sollen, ist nun Mitte Juni aber erneut bis auf die Grundmauern abgebrannt. Sein wohl bekanntestes Interieur, die Einrichtung der Willow Tea Rooms in Glasgow, die er 1903 gemeinsam mit seiner Frau Margaret MacDonald Mackintosh gestaltete, ist nach sorgfältigen Restaurierungsarbeiten ab 2. Juli wieder zu besichtigen.

~Christian Schönwetter


Karen Grol
Mackintoshs Atem
Roman
ca. 448 Seiten, gebunden,
Leineneinband, Leseband und Buchschleife,
ca. 24,00 € [D] | 25,00 € [A] | 34,50 SFR [CH],
ISBN 978-3-942181-87-7


Hier finden Sie die Möbel von Charles Rennie Mackintosh.

Details über die Willow Tea Rooms erfahren Sie hier und ab 2. Juli hier.

Die Glasgow School of Art erhielt 2014 einen Erweiterungsbau von Steven Holl.