Atelier in Emmering

Modernes Traditionsbewusstsein

In einem bayerischen Dorf erhielten Stolz Architekten die Chance, ein Wohnhaus zu erweitern, das sie in den 90er Jahren selbst geplant hatten. Ihr Anbau schreibt nicht nur den Bestand, sondern auch die regionale Baukultur mit modernen Mitteln fort.

Ungefähr auf halber Strecke von München zum Chiemsee liegt die kleine Gemeinde Emmering. Außerhalb der geschlossenen Ortschaft, in einem Weiler namens Hofberg, hatte sich die Künstlerin Elisabeth Mehrl in den 90er Jahren ein Wohnhaus errichten lassen. Die Lage ist großartig: Nach Süden fällt der Blick über Obstwiesen und die freie Landschaft bis auf die Alpen. Stolz Architekten hatten ein ganz schlichtes Haus entworfen, das gestalterisch an die Scheunen der Umgebung anknüpft – Holzfassade mit senkrechter Bretterschalung, Satteldach ohne Gauben, hölzerne Schiebetore als Sonnenschutz vor den Fenstern. Bescheiden und unauffällig fügt sich das Haus in sein ländliches Umfeld ein.

Nun wünschte sich die Bauherrin ein Atelier und beauftragte die gleichen Planer wie damals. Stolz Architekten setzten ihr Konzept mit leichten Abwandlungen fort, sie verlängerten den bestehenden Baukörper einfach nach Westen. Um dabei den vorhandenen Wohnräumen nicht die Abendsonne zu rauben, sorgt eine breite Fuge zwischen Alt und Neu für den nötigen Lichteinfall: Das Dach ist hier mit transparenten Wellplatten eingedeckt, die Verbindungsbrücke zwischen Wohnhaus und Atelier besteht aus einem Gitterrost und nach Süden ist dieser Bereich ganz offen. Weil der Anbau zudem im EG nach hinten zurückweicht, bleibt der Ausblick nach Westen erhalten und die flach stehende Sonne kann abends bis in den Wohnraum scheinen.

Bilder: Vinzenz Dufter

Das zurückspringende EG erzeugt einen überdeckten Bereich, der sich nach Süden orientiert und als Freiluftatelier dient. Die Stahlstützen, die das obere Stockwerk tragen, greifen Rhythmus und Proportion der Wohnhausfassade auf. Bei Bedarf lässt sich dieser Außenraum auch schließen – in Anlehnung an traditionelle Scheunentore mit raumhohen Schiebe- und Drehelementen aus Holz. Während im nördlichen Teil des EGs ein Depot untergebracht ist, nimmt das gesamte OG das Atelier auf. Es wird hauptsächlich über ein Dachflächenfenster von Norden belichtet, sodass die Fassaden kaum Öffnungen aufweisen, was den Scheunencharakter des Gebäudes noch einmal verstärkt.

Auf den ersten Blick wirken Bestand und Anbau als Einheit, weil sie exakt die gleiche Kontur zeigen und ihre Bekleidung aus sägerauen Fichtenholzbrettern rundum im selben Anthrazitton lasiert ist. Erst bei genauerem Hinsehen betont die Erweiterung ihre Eigenständigkeit: Statt mit Ziegeln ist sie mit dunklen Eternit-Wellplatten eingedeckt, die eine schlankere Dachkante ermöglichen und gut zur Werkstatt-Atmosphäre eines Ateliers passen.

Beim 5. Rosenheimer Holzbaupreis, der Projekte in Südbayern, Tirol und Salzburg prämiert, erzielte der Anbau den zweiten Preis in der Kategorie „Wohnungsbau“.

~Christian Schönwetter


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