WerkBundStadt Berlin

Sehnsucht statt Siedlung – eine WerkBundStadt für Berlin?

So viel Stadt war lange nicht: Etliche Städte Europas werden derzeit wo immer möglich – und allzu oft dort, wo eigentlich unmöglich – verdichtet. So wachsen auch in Deutschland allerorten neue Wohnquartiere, um nach Jahren der Vernachlässigung des bezahlbaren Wohnungsbaus die explodierende Nachfrage zu stillen. Während etwa Hamburg vor Jahr und Tag noch 6 000 neue Wohnungen pro Jahr anstrebte, sollen inzwischen 10 000 jährlich entstehen. Derweil steigen von München bis Berlin die Mieten weiter. Bezahlbarer Wohnraum bleibt knapp – und das keineswegs erst angesichts jener Flüchtlingsströme, von denen Deutschland gerade einmal eine erste Welle erlebt haben dürfte. Da ist es löblich, dass sich der Deutsche Werkbund mit einem Beitrag zu Wort meldet. Schließlich stehen gerade die Werkbundsiedlungen vom Stuttgart über Breslau, Prag, Wien bis Zürich für die experimentierfreudigen Wohnwelten der Moderne. Es ging um die Wohnung für das Existenzminimum, um Kleinwohnungen, variable Grundrisse, neue Baumaterialien und Vorfabrikation sowie nicht zuletzt um das Zusammenleben der Generationen und Gesellschaft.

Und heute? Die Themen sind dieselben geblieben, nur die Antworten des Werkbunds haben sich verändert. Das beginnt schon beim Namen, denn unter der Ägide von Paul Kahlfeldt als Chef des Deutschen Werkbunds und Claudia Kromrei als Vorsitzender des Berliner Werkbunds soll am Ufer der Spree anstelle eines Tanklagers eine »Werkbundstadt« entstehen – bloß keine Siedlung. Siedlung klingt nach aufgelockertem Städtebau, nach Sonne und Luft, irgendwie nach Moderne. Doch mit der Moderne möchte man anscheinend wenig zu tun haben. 33 Architekturbüros u. a. aus Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz haben für das Projekt untereinander sowie mit Politikern, Verwaltung, Fachplanern und Anwohnern in angeregten Runden diskutiert, wie ein »dichtes urbanes« neues Quartier aussehen sollte. Nun liegt ihr Entwurf vor. Mit Block und Platz, mit Hof und Boulevard führt er direkt in Richtung Stadt der Gründerzeit des 19. Jahrhunderts. In seinem höchst heterogenen Charlottenburger Umfeld aus Industrie, Büroblöcken, Wohnungen und Kfz-Werkstätten soll das neue Quartier neben hoher Dichte auch über einen ambitionierten Anteil von 30 % bezahlbarer Mietwohnungen verfügen. Dem üppig blühenden Entwurfsindividualismus der beteiligten Architekten soll der verwendete Ziegelstein als vereinheitlichende Stadtbildfolie einen Rahmen verleihen.
Bleibt nur die Frage, was ist daran eigentlich Werkbund? Zu seinem 100. Geburtstag hatte der Deutsche Werkbund in München schon einmal einen Versuch unternommen, die Idee der Werkbundsiedlungen wiederzubeleben. Damals lieferte der Japaner Kazunari Sakamoto einen so poetisch luftigen wie dichten Entwurf mit freistehenden Punkthäusern, der einen spannenden Beitrag und gedankliche Freiheit für die Weiterentwicklung des Städtebaus geboten hätte. Doch die Verwirklichung wurde von der Münchner Stadtpolitik krachend verworfen. Daraus hat man in Berlin insofern gelernt, als man sich gar nicht erst in die öffentlichen Fördermühlen begeben möchte. Ansonsten erscheint die Werkbundstadt als Versuch, die Verbindung mit den eigenen Werkbund-Wurzeln möglichst gründlich zu kappen. Trotz der lobenswerten Leidenschaft der beteiligten Architekten, jenseits ihrer alltäglichen Wettbewerbskonkurrenz ein gemeinsames Stück Zukunft zu planen, bleibt ein ziemlich eitles Schaulaufen. Schlimmer noch. Neben einigen sehr soliden Entwürfen und der wirklich interessanten Ideen, gemeinschaftliche Dachgärten und Treppenhäuser mit Übernachtungsräumen für Gäste des Quartiers zu schaffen, dominierte ein historisierender Satteldachdogmatismus der »Altberliner Schule«. Nun muss man ja nicht gleich jeder Architekturmode hinterherhecheln, doch mit Scheuklappen sollte man ebenfalls nicht durch die Welt laufen. So steht der sehnsuchtsschwangere Retroschick einer bürgerlichen Wohnkultur des verdämmernden 19. Jahrhunderts im krassen Gegensatz zur politischen Wirklichkeit. Die ist zumal in Berlin durch das beschleunigte Erodieren jener Milieus der bürgerlichen Mitte gekennzeichnet, die den Werkbündlern wohl als mögliche Mieter vorschweben. Keine Frage, sollte das Quartier die Hürden von Finanzierung und Ausführungen nehmen, dürften die Wohnungen auf dem ausgedörrten Berliner Markt dennoch ihre Liebhaber finden. Allerdings hätte man sich anstelle des markigen »So wollen wir wohnen«, das die Initiatoren ihrem Konzept in der Begleitpublikation voranstellen, mehr kluge Fragen gewünscht, mehr Offenheit im Diskurs, mehr Demut und v. a. viel mehr Werkbund. Wie wir wohnen wollen, das ist nämlich nicht in erster Linie eine Frage von Lisenen an Ziegelfassaden, von Satteldächern oder Blockrändern, sondern von qualitätvollen Grundrissen und einer funktionierenden sozialen Durchmischung, wie sie Arno Lederer mit der Mahnung nach mehr »sozialen Ideen« in der Architektur im Begleitbuch des Projekts anmahnt – und dabei wie ein einsamer Rufer in der steinernen Stadtwüste wirkt. In der Fähigkeit, diesen »Mangel an sozialen Ideen« in den öffentlichen Räumen der Quartiere und in Siedlungsstrukturen zu beheben, entscheiden sich Funktions- und Zukunftsfähigkeit der (städtischen) Megastrukturen von morgen und ihrer Gesellschaft(en). Es braucht frische Ideen für einen wirklich sozialen, gesellschaftlich inklusiven Wohnungsbau, an dem andernorts ja längst gebaut wird. In Berlin könnte der Werkbund mit seinem reichen Erbe einen wichtigen Beitrag dazu leisten. Doch stattdessen verwirft er es und verbeißt sich in einem retrospektiven Stadtbegriff.
Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.

WerkBundStadt Berlin Am Spreebord, Deutscher Werkbund Berlin (Hrsg.), 240 S. mit ca. 583 Abb. und Plänen, Jovis Verlag, Berlin 2016, 39 Euro