Bundesgelder für Repräsentationsbauten
Der Bund gibt gedankenlos Geld für Repräsentationsbauten

Repräsentationsblähungen

Ohne Nutzungskonzept und ohne städtebauliche Leitplanung sollen Leuchtturmprojekte in bereits festgelegten Formen entstehen – der Bund versteht offenbar die Reihenfolge beim Bauen nicht.

~Jürgen Tietz

In seiner Baugeschichte der Stadt Potsdam überliefert Heinrich Ludwig Manger eine charmante Anekdote über die Architekturkompetenz von Politikern: Als Friedrich der Große nach seinem Erfolg im Siebenjährigen Krieg nämlich mit dem Neuen Palais in Potsdam die frisch errungene Stellung als europäische Großmacht architektonisch untermauern wollte, schlugen ihm seine Architekten vor, zwischen dem zauberhaften Grottensaal im EG und dem Festsaal im Piano Nobile lieber »ein flaches Gewölbe von gehauenen Steinen« zu errichten. Dies sei bei den Abmessungen der Räume haltbarer als eine Holzdecke. »Allein der König bestand auf Balken«, lässt uns Manger wissen.
Getreu dem Motto »wer zahlt bestimmt« gehörte eine üppige Portion gebautes Herrscherlob von jeher zur Architektur wie der süße Senf zur Weißwurst. Daran hat sich bis heute wenig geändert obwohl an die Stelle von Friedrichs absolutistischem Staat eine Demokratie getreten ist. Auch deren Repräsentanten wollen repräsentieren und sei es nur, um vom Stimmbürger wiedergewählt zu werden. Mit nichts lässt sich derartiges Repräsentationsgehabe besser ausdrücken als mit Investitionen in Architektur. Die singt noch nach etlichen Wahlperioden das Lob ihres Initiators. Und so erfüllt der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags wie besoffen einen Wunsch nach dem anderen, den üppig sprudelnden Steuereinnahmen sei Dank. Wen stört es schon, dass er damit massiv Baupolitik in der deutschen Hauptstadt betreibt? Haus um Haus breiten sich dort ohnehin Bundestag und Ministerien aus. Hatte das Innenministerium erst letztes Jahr seinen Neubau am Hauptbahnhof bezogen, da reicht der Platz schon nicht mehr aus, und für eine Erweiterung des Arbeitsministeriums wurde gerade der Grundstein gelegt. Eifrig zahlen die Steuerbürger die politische Verdichtung der Berliner Mitte. Noch medienwirksamer sind die Kulturbauten, mit denen der Bund die Hauptstadt beschenkt. Nach den 200 Mio. für das Museum des 20. Jahrhunderts am Kulturforum (»M20«) machte der Haushaltsausschuss gleich noch einmal 62 Mio. für die Rekonstruktion von Schinkels Bauakademie locker, während auf der Baustelle des Berliner Schlosses mühsam mit den Inhalten für das Humboldtforum gerungen wird und die hochnotpeinliche Einheitswippe davor mal kommen soll und mal nicht. Wer beim Haushaltsausschuss nachfragt, für welche Kultur- und Bauprojekte an welchen Orten welche Finanzmittel im Lauf der aktuellen Gesetzgebungsperiode locker gemacht wurden, erhält ein beredtes Schulterzucken zur Antwort: »Diese Daten liegen so kategorisiert nicht vor, dass sie auf Knopfdruck abzurufen wären.« Monate würde es dauern und erhebliche Kosten verursachen, sie zusammenzutragen. Derart zum Spekulieren eingeladen, fragt man sich, welche Arten von Kuhhandel da wohl ablaufen, getreu dem Motto »finanzierst Du mir mein Hamburger Hafenmuseum, dann bezahl ich Dir dein M20«. So bekommt der kulturelle Geldregen, dem man so, so gerne einen lauten Lobgesang widmen würde, ein Geschmäckle. Denn das Geld wird in sinnlosem Wahn verpulvert, statt mit Weitsicht investiert zu werden. Wer am Kulturforum auf eine umfassende städtebauliche Neuordnung verzichtet, um sich möglichst zügig das eigene politische Denkmal bauen zu können, der verbaut der Stadt dort trotz Stararchitekten die Zukunft. Gekrönt wird eine derartige mit Ignoranz gepaarte haushaltspolitische Arroganz von der Entscheidung für eine Bauakademie, bei der das störende Nachdenken über mögliche Inhalte lieber gleich ausgelagert wird. Stattdessen wird für viel Geld eine Wundertüte beschlossen, von der man vorher nie weiß, was wirklich drinnen ist – meist nur überflüssiger Krimskrams. In einem dreistufigen öffentlichen »Dialogverfahren« sollte die rührige Bundesstiftung Baukultur helfen, im Nachhinein ein Nutzungskonzept zu entwickeln. Demütig hebt der verwirrte Architekturkritiker den Finger und fragt, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, erst den Inhalt zu definieren und dann die Form. Ohne finanzkräftige Trägerschaft, die derzeit nicht ansatzweise in Sicht ist, sowie eine innovative und unabhängige Intendanz, um die Bauakademie zu bespielen, sollte man das Haus doch lieber als 5-Sterne-plus-Design-Hotel im Schinkelstil rekonstruieren und dessen dann üppig sprudelnde Erträge für die Arbeit der vorhandenen Sammlungen und Institutionen der Baukultur in Deutschland nutzen.
Im abgeneigten Fachpublikum rumort es angesichts des wenig fundierten Geldsegens des Bundes gewaltig. Der Gründer der Architektur Galerie Berlin, Ulrich Müller, hat sich gemeinsam mit dem Journalisten Florian Heilmeyer und Oliver Elser, Kurator am DAM in Frankfurt a. M., mit zehn Thesen zur konzeptionslosen Bauakademie zu Wort gemeldet, während Kristin Feireiss von der Architekturgalerie Aedes gegen die öffentliche Schockstarre am Kulturforum interveniert, und fordert, dort die Kubatur des M20 durch dünne Metallstangen nachzuzeichnen. Dann könnten sich die Steuerbürger ein wirkliches Bild davon machen, was zwischen Philharmonie und Neuer Nationalgalerie auf sie zukommt, und darüber diskutieren, wohin ihre Steuermittel fließen. So lobenswert es ist, Kulturbauten zu finanzieren, so gilt es mit dem Missverständnis aufzuräumen, dass dadurch von selbst Baukultur entstünde.
Wäre übrigens der Alte Fritz bei der Decke des Grottensaals dem Rat seiner Architekten gefolgt, hätte sie nicht bereits nach acht Jahren das erste Mal saniert werden müssen – und nach elf Jahren erneut.
Der Autor studierte Kunstgeschichte und arbeitet als Architekturkritiker und Buchautor in Berlin.

Informieren Sie sich über die Vorschläge dazu, wie eine »Bauakademie« sinnfällig entwickelt werden könnte:
10 Thesen zu einer neuen Bauakademie »
und lesen Sie das Zwischenfazit, das Elser, Heilmeyer und Müller gezwungen waren zu ziehen:
www.neuebauakademie.de/zwischenfazit »

Eine von Kristin Feireiss (Aedes Architekturforum) gestartete Petition fordert die öffentliche Diskussion über die geplanten Bebauung des Berliner Kulturforums.
www.change.org »

Und in db 3/2017 lesen Sie den vielbeachteten Kommentar zum rekonstruierten Palazzo Barberini in Potsdam,
einem Gebäude, dessen Baugeschichte mit Absurditäten aufwartet und das für seine Nutzung kaum schlechter geeignet sein könnte:
Spatz in der Hand »